„Wir wollen keinen Generationenkrieg“

Thomas Straubhaar und Karl-Heinz Paqué über die Zukunft der Altersvorsorge

Meinung26.10.2016Karl-Heinz Paqué und Thomas Straubhaar
altgenug
Westend61/Shutterstock

"Der Ökonom Thomas Straubhaar streitet engagiert gegen demografische Katastrophenszenarien“ findet sogar das Neue Deutschland und „der liberale Vordenker Karl-Heinz Paqué spricht gegen die Zukunftsangst der Deutschen“, so das Handelsblatt. Bei freiheit.org sprechen beide gemeinsam über die Zukunft der Altersvorsorge – ein Thema mit normalerweise pessimistischem Unterton. Normalerweise…

Professor Straubhaar, Professor Paqué – Sie haben beide unlängst Bücher veröffentlicht. Der eine mit dem Titel „Der Untergang ist abgesagt“ und der andere mit dem Titel „Vollbeschäftigt“. Das sind sehr optimistische Titel. Sind Sie auch optimistisch, wenn es um das Thema Altersvorsorge in Deutschland geht?

Thomas Straubhaar: Nicht so sehr, aber das hat sehr wenig mit den makroökonomischen oder demografischen Rahmenbedingungen zu tun, sondern mehr mit politischen Entscheidungen. Ganz offensichtlich sind in der Politik, in der Großen Koalition, die Signale auf eine Maximierung der Wählerstimmen gesetzt worden, indem Geschenke an die heutigen Rentnerinnen und Rentner verteilt worden sind, die auf lange Sicht so nicht finanziert werden können. Das nenne ich nacktes polit-ökonomisches Kalkül. Man hat sehr wohl begriffen, dass es eine politische Mehrheit nur mit und nicht gegen die Seniorinnen und Senioren gibt und das hat man eiskalt ausgenutzt.

Das klingt so, als hätten wir vor allem ein politisches Problem und weniger ein demografisches, Herr Paqué...

Karl-Heinz Paqué: Mein Optimismus in der Frage der Rentenfinanzierung beruht darauf, dass wir noch viele Möglichkeiten haben, die Erwerbsbeteiligung zu erhöhen. Das gilt vor allen für die Menschen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Es gilt, diese Gruppe, die eine hohe Lebenserwartung hat, viel mehr als früher zu motivieren und zu mobilisieren, noch ein Stück länger zu arbeiten. Die Möglichkeiten dafür gibt es – da komme ich auf den Titel meines Buches „Vollbeschäftigt“ zu sprechen. Durch die demografische Entwicklung werden viele Ältere aus dem Arbeitsleben ausscheiden, dadurch werden wir es mit einer Fachkräfteknappheit in Deutschland zu tun haben. Viele Arbeitgeber werden sehr daran interessiert sein, ältere Arbeitnehmer länger zu beschäftigen und deren Leistungsfähigkeit zu erhalten. Nichts ist besser, als Nachfrage nach der eigenen Arbeitskraft zu spüren, nach eigener Leistung. Was die Bundesregierung allerdings gemacht hat, da hat der Kollege Straubhaar völlig Recht, geht exakt in die falsche Richtung.

MigrationsforscheThomas Straubhaar über die Strategielosigkeit in Sachen Flüchtlingspolitik
Thomas Straubhaar ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Der Migrationsforscher gehört dem Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit an.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit | liberal-Magazin

Da sind Sie sich beide ja mit ihrem Kollegen Raffelhüschen einig, mit dem wir vergangene Woche gesprochen haben. Der sagt, eigentlich sei alles im Lot mit der Rente, man müsse nur die Art von Fehler vermeiden, die Frau Nahles begehe, nämlich die Rente mit 63 und ähnliche Geschenke zu verteilen. Das wirft natürlich die Frage auf: Wenn es zwei große Volksparteien mit mangelnder Beweglichkeit in dieser Frage gibt, wo werden dann Mehrheiten jenseits dieser Politik zu finden sein?

Karl-Heinz Paqué: Es gibt immer noch die Liberalen, die diese Position deutlich machen können. Ich kann mir aber vorstellen, dass in den nächsten Jahren, wenn sich die Lage am Arbeitsmarkt schrittweise verändern wird, auch bei den Volksparteien eine gewisse Vernunft einkehrt und die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Wir beobachten jetzt schon, trotz der Fehler der Bundesregierung, eine zunehmende Erwerbsbeteiligung älterer Menschen. Der Zug fährt also faktisch schon ein Stück weit in die richtige Richtung…

Es gibt ja die klassischen Stellschrauben am Rentensystem: Eintrittsalter, Rentenniveau, Beitragshöhe, private- und betriebliche Vorsorge. Was kann die Politik darüber hinaus, also über das Schrauben an den beschriebenen Faktoren hinaus, noch tun?

Thomas Straubhaar: Meines Erachtens sind hier zwei Dinge fundamental: Jenseits der relativ offensichtlichen Instrumente ist der erste wichtige Punkt: Wir müssen nicht nur länger, sondern vor allem produktiver arbeiten. Auch deshalb gilt es, das über viele Jahrzehnte angehäufte Wissen und Können der Älteren weit stärker zu nutzen als es bisher der Fall war. Die Rentensituation von morgen ist eine Art Echoeffekt der Bildungspolitik von heute. Wenn es gelingt, heute mehr Geld für die Bildung der Jüngeren in die Hand zu nehmen, dann ist morgen und übermorgen schon mal sehr viel gewonnen. Der zweite Faktor, und da würde ich dem Kollegen Raffelhüschen widersprechen wollen: Es ist bei weitem nicht alles im Lot, wir reden nicht nur über kurzfristige Versäumnisse der Politik. Es gibt einen langfristigen dramatischen Veränderungseffekt durch die Digitalisierung, der völlig neue Arbeitsprozesse, neue Arbeitswelten schaffen wird.

Paqué
Karl-Heinz Paqué, stellv. Vorsitzender der Stiftung für die FreiheitFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Was hat das mit der Rente zu tun?

Thomas Straubhaar: Unser Rentensystem basiert auf  den Lohnbeiträgen der unselbständig Beschäftigten. Wir brauchen eine viel breitere Grundlage zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Unter Einschluss aller Einkommen und Wertschöpfung. Professor Paqué hat das indirekt schon angesprochen: Früher oder später wird die Höhe der Rente nicht mehr parallel verlaufen können mit den allgemeinen Einkommen und mit dem Fortschreiten der Produktivität. Es wird kein Weg daran vorbei führen, diese Wahrheit muss man aussprechen: Es wird zu einer Entkoppelung von durchschnittlichem Verdienst und durchschnittlicher Rentenhöhe kommen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, denn wenn der Kuchen größer wird – und er wird viel größer werden – dann ist auch ein prozentual kleineres Stück als absolute Größe mehr als heute.

Stimmen Sie der Prognose zu, Professor Paqué?

Karl-Heinz Paqué: Ja, und ich möchte noch einen Punkt hinzufügen: Die private Altersvorsorge ist auch dadurch in einer Krise, dass wir sehr niedrige Realzinsen haben. Daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Wenn das aber so ist, dann brauchen wir für die private Altersvorsorge über kapitalgedeckte Fonds neue Formen der Geldanlage. Heute ist die Situation so: Durch übermäßige Regulierung dieser Fonds werden die Gelder vor allen in wenig renditeträchtige Staatsanleihen gezwungen, die nichts mehr bringen. Hier brauchen wir ein Stück weit eine Liberalisierung, denn es lassen sich in unserer Gesellschaft durchaus noch ordentliche Renditen erzielen. Aber nur dann, wenn man Aktien und andere Anlagenformen länger hält. Diese Möglichkeiten muss man den Lebensversicherungen und den Fonds, die für die Altersvorsorge bereit stehen, öffnen. Da ist bis heute überhaupt nichts geschehen. Dieses Vorgehen böte im Übrigen auch die Chance, der Wirtschaft wieder Risikokapital zur Verfügung zu stellen – davon haben wir wirklich viel zu wenig in Deutschland. 

In liberalen Kreisen zirkuliert auch die Idee, eine Infrastrukturgesellschaft des Bundes ins Leben zu rufen. Nicht nur um die Infrastruktur auf bessere Beine zu stellen, sondern auch, um eine interessante Anlagemöglichkeit zu bieten…

Karl-Heinz Paqué: Darüber ließe sich reden, wobei ich glaube, dass in unserer Wirtschaft genügend Anlagemöglichkeiten bestehen. Wir haben in Deutschland einfach eine unselige Tradition, im Unterscheid zu den USA, dass überwiegend in festverzinsliche Staatspapiere investiert wird, jedenfalls von der breiten Masse der Bevölkerung. Das ist in Amerika ganz anders und deswegen werden dort auch ganz andere Renditen erzielt.

Meine Herren, zum Schluss die Bitte: Versuchen Sie die Generation der Rentner und jene, die kurz vor der Rente stehen, davon zu überzeugen, dass sie bei ihrer Wahlentscheidung nicht nur an das eigene Konto denken, sondern auch an die Generationen, die ihre Rente bezahlen müssen.

Thomas Straubhaar: Zwei Dinge sind wichtig: Wir müssen an die eigenen Interessen der älteren Generationen appellieren und klar machen, dass in einem Umlagesystem letztlich die Rente immer von der jüngeren Generation für die ältere Generation erwirtschaftet werden muss. Wenn wir den Dukatenesel strangulieren, dann wird er keine Münzen mehr produzieren. Zweitens: Wir sollten uns davon lösen, dass Ältere zwangsläufig gebrechliche Greise sind. Zunehmend sind Ältere geistig jung, körperlich gesund und fit, lebensfroh und interessiert, mit Sinn und Verstand etwas zu leisten – vielleicht nicht mehr Vollzeit und wegen des Lohns, aber durchaus engagiert und in Erwartung von Anerkennung. Sie wollen dazu gehören und wollen keinen Generationenkrieg, sondern mit den Jungen zusammen ein lebenswertes, attraktives Deutschland 2030 aufbauen.

Karl-Heinz Paqué: Ich glaube, dass die älteren Menschen in dieser Hinsicht schon heute sehr verantwortungsvoll sind. Die meisten älteren Menschen haben Kinder und Enkel, denen sie eine vernünftige und nachhaltige Zukunft gönnen. Dieses sehr positive und auch verantwortungsvolle Lebensgefühl müssen wir politisch ansprechen. Wir wollen keine Seniorenbetreuungsveranstaltung aus den Wahlkämpfen machen – dann haben wir auch eine Chance, die Herzen und den Verstand der älteren Menschen zu gewinnen.

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Die Herausforderungen für die Rentenpolitik sind enorm. Die demografische Entwicklung verändert unsere Gesellschaft und der Arbeitsmarkt wird immer vielseitiger. Mutige Reformen sind gefordert, um die Interessen von Jung und Alt angemessen zu reflektieren. Liberale Rentenpolitik bietet die Grundlage für eine faire, verlässliche und moderne Altersvorsorge. Denn das Rentensystem ist nur leistungs-und tragfähig, wenn die klassischen drei Säulen zu einem individuellen, flexiblen und transparenten Baukastenmodell weiterentwickelt werden. Mehr