Freiheitspreis

„Wir verneigen uns vor einem großen Freund der Freiheit"

Laudatio auf Bundespräsident a.D., Joachim Gauck

Nachricht19.11.2018Ludwig Theodor Heuss
Ludwig Theodor Heuss bei seiner Laudatio in der Paulskirche.
Ludwig Theodor Heuss bei seiner Laudatio in der Paulskirche. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/Stephan Flad

Sehr verehrter Herr Bundespräsident, lieber Joachim Gauck,

lassen Sie mich zu allererst ein Wort des Dankes sagen. Ein Wort des Dankes, dass Sie heute zu uns, an diesen Ort, in die Paulskirche gekommen sind. Zur Feier des Freiheitspreises. Ein Freiheitspreis für Joachim Gauck? - Mancher wird sich gefragt haben: aber hat er den denn nicht schon längst? Die Frage ist naheliegend. Wer, wenn nicht Sie? Und Sie waren ja auch schon häufig hier in der Paulskirche, etwa als Sie den Ludwig Börne Preis entgegennahmen, oder beim Friedenspreis und Sie haben schon oft hier von dieser Stelle gesprochen, ja, wenn ich richtig orientiert bin sogar auch schon gepredigt. Und zweifellos war da immer wieder auch von der Freiheit die Rede, denn die Freiheit, Sie haben es selbst so formuliert: das ist Ihr Lebensthema. Aber heute dürfen wir Ihnen an diesem besonderen Ort den Freiheitspreis verleihen. Das ist uns sehr wichtig. Denn Joachim Gauck, Freiheit und Paulskirche, da kommt zusammen, was zusammengehört! Und darüber sind wir heute froh und dankbar und verneigen uns vor einem großen Freund der Freiheit.

Aber lassen Sie mich mit einer ganz anderen Geschichte beginnen:

Der Sommer 1932 war eine unruhige Zeit. Instabilität lag in der Luft. Die zarten Gewächse von Demokratie und freiheitlichem Rechtsstaat in der Weimarer Republik waren spürbar gefährdet. - Es war das Jahr vor 1933. Die Reichstagswahlen vom Juli hatten erdrutschartige Gewinne für die äußerste Rechte gebracht, die Mitte und insbesondere die Liberalen waren zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. «Lieber Bub, Du weißt schon, dass der Ast sehr schwankt, auf dem wir sitzen», schrieb meine Großmutter Elly in diesen Tagen während einer Zugfahrt an meinen Vater. Mein 2 Großvater hatte zwar eines der vier verbliebenen Mandate der liberalen Staatspartei errungen, doch dies mit der Gewissheit, von jeder politischen Wirkung ausgeschlossen zu bleiben. Zudem hatte er Tage zuvor am Sarg seines unerwartet verstorbenen Bruders gestanden: in zweifacher Weise tief getroffen. Der Ast schwankte. Der Zug, aus dem meine Großmutter diese Zeilen schrieb fuhr nach Rostock. Das Paar traf sich, aus verschiedenen Richtungen kommend am dortigen Bahnhof und suchte für einige Tage Zuflucht an der Ostsee. Einige Tage Ruhe, zur Besinnung, um Kraft zu schöpfen, - Sie ahnen es, - im Fischland. Spazierend und zeichnend, etwa die Steilküste zwischen Ahrenshoop und Wustrow, den «schönsten Spazierweg der Welt» wie Sie, verehrter Joachim Gauck die heimatliche Umgebung einmal priesen. Der Bildhauer Gerhard Marcks, für den das benachbarte Niehagen nach 1933 zum Kraft- und Zufluchtsort im «dunklen Deutschland» werden sollte nannte es sein «stilles, urwüchsiges Refugium».

Man kann über Joachim Gauck nicht sprechen ohne Bezug zu nehmen zu dieser ursprünglichen Umgebung seiner ersten Lebensjahre, der Landschaft am Meer mit ihrem großen Himmel, dem Wind, der Kraft der Gezeiten, der Sehnsucht nach der Weite und nach den Kranichen, die die «Größe und Freiheit des Raumes» bemessen, wie Gerhard Marcks ihren Zug beschrieb. In Wustrow zwischen Ostsee und Bodden, haben Sie Ihre ersten prägenden Lebensjahre verbracht. Im Haus der Großmutter, direkt am Deich. Es muss, bei allen materiellen Nöten und Beschränkungen der unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegszeit eine freie Kindheit gewesen sein in diesem Ort mit seiner wortkargen, rauhbeinig-herzlichen Bevölkerung, wie beim «Fischer und syner Fru». Doch es wäre freilich zu platt, das Anklingen der Freiheitsmelodie in Ihrem Leben so einfach mit heiterer frühkindlicher Naturerfahrung erklären zu wollen, dazu ist letztlich leider auch die autochthone historische Freiheitstradition in Mecklenburg zu rar. Nein, wenn man den Ursprüngen der Freiheitssehnsucht bei Joachim Gauck nachspüren möchte, dann wird es ernster.

Heuss
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit/Stephan Flad

Sie entspringt eher der Negation, dem Erlebnis eines plötzlichen Verlustes von Freiheit, durch unberechenbar eingreifende Gewalt staatlicher Willkür. Im Sommer 1951, den gleichen Wochen in denen der liberale Rostocker Studentenführer Arno Esch von sowjetischer Militärjustiz zum Tode verurteilt und exekutiert wurde, in diesem Sommer 1951 erlebten Sie, als Elfjähriger, dass der Vater, ein ehemaliger Kapitän zur See, der gerade auf der Rostocker Neptun-Werft wieder Arbeit gefunden hatte, plötzlich verschwand. «Abgeholt» nannte man das, verschleppt von Schergen des sowjetischen Militärgeheimdienstes, entmündigt, spurlos verschwunden. Es war dieses Erlebnis elementarer Ungerechtigkeit, das seinen Schatten auf Ihre und Ihrer drei Geschwister Jugendzeit legte, die «winterliche Eiseskälte, die im Sommer» aufzog. Erst zwei Jahre später, nach Stalins Tod im März 1953, erfuhr die Familie, dass der Vater noch am Leben war. Unschuldig, willkürlich, wegen des Erhalts des Briefes eines früheren Vorgesetzten, der nach Westberlin gegangen war und wegen einer regulär zugestellten nautischen Fachzeitschrift aus dem Westen, war er zu zweimal 25 Jahren Lagerhaft verurteilt und in den sibirischen Gulag verschleppt worden. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen der glücklichen sozialistischen Gesellschaft, der «schön wie nie über Deutschland scheinenden Sonne» im Arbeiter- und Bauernstaat und dem Schicksal des eigenen unschuldigen Vaters, schärfte das Unrechtsempfinden und die Distanz zur offiziell deklamierten Doktrin. «Das Schicksal unseres Vaters», so schrieben Sie, «wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form von Fraternisierung mit dem System aus». Sie sind in einem «sehr gut ausgeprägten Antikommunismus aufgewachsen», schrieben Sie einst, «einem Antikommunismus der aus Leiden, Erkennen und Sensibilität, nicht aus Vorurteil und Ressentiment hervorgeht». Der manchmal subversive, manchmal lautstarke Protest des Schülers gegen ideologische Indoktrination und Gesinnungskonformität hielt auch an, nachdem der Vater im Herbst 1955 in die Heimat zurückkehren konnte.

«Antikommunismus», was für ein Begriff, der später manchem wohlmeinenden westlichen Linksintellektuellen schon als Vokabular des Kalten Krieges im Halse stecken blieb. Doch hatte nicht Willy Brandt 1949 erklärt, man könne heute «nicht Demokrat sein, ohne Antikommunist zu sein», im Gegensatz zum bekannten Dictum von Thomas Mann, der aus dem amerikanischen Exil den Antikommunismus «als Grundtorheit der Epoche» bezeichnet? Die leidvolle Auseinandersetzung mit den Spielformen der Unfreiheit im 20 Jahrhundert, die bei den Begriffen beginnt, ist voll von Widersprüchen. Doch erwuchs die konsequente Ablehnung gegen das Totalitäre aus dem unmittelbaren Erleben der Realität, während die theoretische Auseinandersetzung zu leicht Raum zu allerhand intellektueller Abwägung bot. Auch daran sei erinnert, wenn heute gelegentlich reaktionäre Phantasien von links oder rechts mit ihren einfachen Antworten neue Wirkungsmacht erstreben.