Wir machen das jetzt einfach - und zwar gut!

Über Chancen und Probleme des digitalen Wandels

Meinung10.05.2017Ruben Dieckhoff
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Die Digitalisierung ist eine große Chance. Nutzen wir sie!iStock/ kynny

„Wir lernen noch immer, wie die Dampfmaschine funktioniert. Aber kein Mensch weiß, wie das Rückgrat unserer Gesellschaft – das Internet – wirklich funktioniert.“ Das sagte der liberale Netzpolitiker Jimmy Schulz kürzlich in Neu Delhi, wo er vor Freunden und Partnern der Stiftung zu den Herausforderungen der digitalen Transformation sprach. Für unseren Mitarbeiter in Indien, Ruben Dieckhoff, Anlass, über Chancen und Probleme des digitalen Wandels nachzudenken.

„Die Anzahl der Arbeitsplätze, die durch Maschinen verlorengehen ist nur ein Teil des Problems. Viele Experten glauben, dass die Automatisierung die Wirtschaft daran hindern wird, genügend neue Jobs zu schaffen. In der Vergangenheit haben neue Industrien mehr Menschen angestellt, als Jobs zerstört wurden. Das gilt für viele Bereiche heute nicht mehr. Neue Branchen bieten vergleichsweise wenige Jobs für ungelernte oder angelernte Arbeiter – also genau für die, deren Jobs durch die Automatisierung wegfallen.“ Dieser Absatz könnte so oder in ähnlicher Form in der vergangenen Woche in einer beliebigen deutschen Tageszeitung erschienen sein. Tatsächlich stammt er aus einer Ausgabe des TIME Magazin vom Februar 1961! Die damalige Arbeitslosenquote in den USA lag bei 6,6 Prozent, heute liegt sie bei 4,4 Prozent. Exemplarisch zeigt sich hier ein Grundproblem: Die negative Herangehensweise an technologischen Wandel und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Digitalisierung räumt Märkte auf

Disruptive Technologien – Technologien, die das Potential haben, eine bestehende Technologie ganz oder teilweise zu verdrängen – sind in der Regel gut für den Konsumenten: Sie bringen Innovation und verbesserte Produkte oder Dienstleistungen hervor. Für die vom Wandel betroffenen Branchen und Personen stellen sie eine jähe Zäsur dar. Wie in jeder Revolution zuvor, werden auch in der „4. Industriellen Revolution“ viele Jobs verloren gehen. Es ist aber kein Naturgesetz, dass diese Jobs nicht an anderer Stelle wieder entstehen. Es gibt heute kaum noch Schriftsetzer, dafür eine deutlich höhere Anzahl an Grafikdesignern. Der Lebensstandard und die Gehälter sind heute höher als in den 1960er Jahren. Die Befürchtung, dass uns in absehbarer Zeit die Ideen und Jobs ausgehen erscheint historisch unbegründet. Ganz klar ist aber auch: Der digitale Wandel schreitet schneller voran, als früher und ist eine Herausforderung für den Sozialstaat und insbesondere das Bildungssystem.

Wir machen das jetzt einfach - und zwar gut!

Internet-Protokoll statt Dampfmaschine

„Wir lernen noch immer, wie die Dampfmaschine funktioniert. Aber kein Mensch weiß, wie das Rückgrat unserer Gesellschaft – das Internet – wirklich funktioniert.“ So fasst der liberale Netzpolitiker Jimmy Schulz die Situation im deutschen Bildungssystem zusammen. Erforderlich ist ein Fach „Medienkompetenz“ ab der ersten Klasse, in dem Kinder lernen die Technologie im Hintergrund zu verstehen und fit gemacht werden, Quellen einzuordnen, um beispielsweise die Qualität von Wikipedia-Artikeln zu bewerten. Für Erwachsene ist modernste Bildung heute nur wenige Mausklicks entfernt. Ob man gratis Programmieren lernt oder Vorlesungen von Top-Universitäten auf der heimischen Couch genießt: Das lebenslange Lernen, um auf Veränderungen zu reagieren, wird zur Realität werden.

Kluge Politik baut vor

Nicht alles in der Zukunft ist rosig. Untersuchungen zeigen, dass Computer momentan zwar nicht zu Netto-Jobverlusten, aber zur Einkommensungleichheit beitragen können, da niedrig entlohnte Tätigkeiten zunehmend unter Druck geraten und verhältnismäßig einfache Arbeiten automatisiert werden. Anstatt über Steuern auf Roboter nachzudenken und Innovation zu verlangsamen, bereitet kluge Politik auf die wirkliche Herausforderung vor: Die Belegschaft mit den nötigen Fähigkeiten auszustatten, um mit modernster Technologie umzugehen. Dazu darf man natürlich nicht wie das Kaninchen vor der Schlange verharren, sondern muss flexible Lösungen für Fort- und Weiterbildungen finden.

In Deutschland haben wir die Angewohnheit, zuerst durchzudenken, was alles schiefgehen könnte: Kann das gutgehen? Muss das jetzt sein? Was sagt der TÜV dazu? Liberale sind Optimisten, wir sehen Chancen, wo andere Risiken vermuten. Wenn wir es richtig angehen, ist die Digitalisierung eine große Chance. Nutzen wir sie!

Ruben Dieckhoff ist Projektberater für Südasien im Stiftungsbüro in Neu Delhi. 

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Südasien-Experten der Stiftung für die Freiheit:

Ruben Dieckhoff
Friedrich Naumann Foundation for Freedom - India
Tel.: +91 11 4168 8149