Wie umgehen mit dem neuen Rechtsextremismus?

"Wir brauchen eine Repolitisierung der Bürger"

Nachricht16.10.2017
Rote Karte
Rote Karte für rechte Parolen: Kommunikationsexperte Christoph Giesa fordert eine Repolitisierung der Bürger.iStock / pxel66

Christoph Giesa hat für die Stiftung für die Freiheit einen Ratgeber zum Umgang mit rechten Parolen verfasst. Im Interview erklärt der Kommunikationsexperte, wie man alte Parolen im neuen Gewand verbal pariert. Zudem diskutiert der Autor am Mittwoch in Halle an der Saale das Thema "Identitäre Bewegung".

In ihrem Buch schreiben Sie, Deutschland driftet nach rechts ab. Ist es wirklich so schlimm - woran machen Sie Ihre Beobachtung fest?

Deutschland als Ganzes sicher nicht. Aber es ist sicher so, dass alte Parolen im neuen Gewand bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig geworden sind. Die Erklärung ist sicher zum Teil auch darin zu finden, dass die rechtsradikale Szene heute anders auftritt - bürgerlicher, moderner. Den klassischen Nazi oder Neonazi sieht man kaum noch, aber das heißt nicht automatisch, dass das Gedankengut weniger radikal oder gefährlich sein muss. Wir haben es mit einer Szene zu tun, die intelligent Begriffe und Symbole besetzt und umdeutet und damit an den Gefühlen der Menschen andockt. "Wir sind das Volk" ist so ein Beispiel, bei dem erst einmal jeder Demokrat an die friedliche Revolution von 1989 denkt. Heute wird es brutal umgedeutet - in einer Demokratie ist "Wir sind das Volk" autoritär, weil es die eigene Meinung absolut setzt. Aber das muss man erst einmal durchschauen.

Christoph Giesa
Kommunikationsexperte Christoph Giesa: "Alte Parolen im neuen Gewand sind bis in die Mitte der Gesellschaft hinein anschlussfähig geworden."

Welche neuen Strategien empfehlen Sie im Umgang mit Populisten, was hilft, ihre Anziehungskraft zu schmälern? Und welche Rolle können dabei politische Stiftungen einnehmen?

Die Radikalen sind auch in eine Lücke hineingestoßen, die durch Zweifel und Unzufriedenheit, aber auch eine gewisse Lethargie entstanden ist. Kaum jemand hätte doch geglaubt, dass wir fundamentale Fragen wie die europäische Einigung oder die Demokratie noch einmal grundsätzlich begründen und verteidigen müssen. Wir brauchen eine Repolitisierung der Bürger, die wir derzeit mit Initiativen wie Pulse of Europe, #ichbinhier oder Schmalbart in Teilen schon sehen. Dann fühlt sich der Einzelne in einer Konfrontation mit radikalem Denken auch nicht mehr so überfordert oder alleine. Das ist wichtig, denn nur, wer selbst überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Für diese Agenda bieten sich die politischen Stiftungen als Partner geradezu an.

Ganz praktisch: Wenn jemand im Bekanntenkreis gegen die vermeintliche „Überfremdung“ wettert oder Minderheiten diskriminiert – welche Kommunikations-Tipps können Sie geben, um bestmöglich zu kontern?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Die richtige Reaktion hängt nicht nur davon ab, was gesagt wird, sondern auch von wem und in welchem Kontext. Hat man es mit jemandem zu tun, der unsicher Parolen nachbetet? Dann sollte man sich darum bemühen, mögliche Ängste zu verstehen, Missverständnisse zu beheben. Bei einem hartgesottenen Anhänger rechter Ideologie verbietet sich genau das wiederum, alleine schon, um diesem Denken keine Plattform zu bieten. Und auch, um sich selbst zu schützen. Grundsätzlich gilt: Bei den Fakten bleiben, aber sich nicht alleine auf die Fakten verlassen. Je besser man jemanden kennt, desto mehr Möglichkeiten hat man, positiv Einfluss zu üben. Und je mehr Menschen das Gespräch - online oder offline - verfolgen, desto wichtiger ist es, dass man nicht zurücksteckt. Zwei Strategien, die meistens ganz gut funktionieren: Nachfragen, statt sich selbst zu rechtfertigen und Solidarität organisieren, um nicht alleine zu kämpfen.

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Der richtige Umgang mit rechtsradikalen Parolen

Mit Rechten zu diskutieren, ist schwierig. Mit Forderungen nach Bewahrung statt Entwicklung, nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme finden viele rechtsradikale Parteien und Gruppierungen Gehör. Was aber setzt man dem entgegen? Christoph Giesa, Experte für Kommunikationsstrategien, beschreibt in seiner Aufzählung konkrete Vorschläge, rechtspopulistischen Argumenten zu begegnen, Argumente auf die Probe zu stellen und die eigene Kommunikationsfähigkeit zu stärken. Die Broschüre richtet sich an politisch aktive Personen jeglichen Alters auf lokaler Ebene, in Bezirken, in Gemeindevertretungen, Bezirksverordnetenversammlungen. Mehr