Extremismus

Wie umgehen mit dem neuen Rechtsextremismus?

„Wir brauchen eine Repolitisierung der Bürger"

Nachricht28.08.2018
Rote Karte
Rote Karte für rechte Parolen: Kommunikationsexperte Christoph Giesa fordert eine Repolitisierung der Bürger.iStock / pxel66

Wieder Schlagzeilen um die Rechtsextremen in Sachsen, doch wie geht man mit rechten Parolen um? Das erklärt Christoph Giesa, der für die Stiftung einen Ratgeber zum Thema verfasst hat, im Interview. 

Sachsen kommt nicht zur Ruhe. Nachdem es in der letzten Woche nach einem Angriff auf ein ZDF-Journalistenteam Diskussionen um die Pressefreiheit in Deutschland gab, kam es am Wochenende zu neuen besorgniserregenden Entwicklungen. In der Nacht zu Sonntag wurde ein 35-Jähriger auf dem Chemnitzer Stadtfest vermutlich durch Messerstiche getötet. Die genauen Hintergründe sind ebenso unklar wie die Täterschaft - trotzdem kamen Gerüchte über verschiedene Nationalitäten von Täter und Opfer auf. Spontan kam es am Sonntagnachmittag zu Versammlungen von Hunderten Rechten, die gegen Ausländerkriminalität aufriefen und Sprechchöre wie „Wir sind das Volk" skandierten. Laut Medienberichten soll es Rangeleien gegeben haben, Migranten sollen angegangen worden sein und das Chemnitzer Stadtfest wurde aus Sicherheitsbedenken früher beendet.

Die Polizei bearbeitet in diesem Zusammenhang derzeit vier Anzeigen: zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung sowie eine wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte. „Auf das Schärfste" verurteilte die Bundesregierung „solche Zusammenrottungen".

Am Montag eskalierte die Lage weiter: Demonstranten aus dem linken und rechten Lager trafen aufeinander, es gab 20 Verletzte, darunter zwei Polizisten. Es wurde mehrfach der Hitlergruß gezeigt, fremdenfeindliche Sprechchöre angestimmt. 591 Polizisten waren im Einsatz und 43 Anzeigen wurden erstattet. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte am Dienstagmittag: „Wir werden unsere Werte verteidigen. Wir werden zeigen, dass Extremismus in Sachsen keinen Platz hat."

Der zunehmende Rechtspopulismus und -extremismus ist aber mittlerweile nahezu täglich präsent – doch wie geht man auch im Alltag damit am besten um? Christoph Giesa hat für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit einen Ratgeber zum Umgang mit rechten Parolen verfasst. Im Interview erklärt der Kommunikationsexperte, wie man alte Parolen im neuen Gewand verbal pariert. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, Deutschland driftet nach rechts ab. Ist es wirklich so schlimm - woran machen Sie Ihre Beobachtung fest?

Deutschland als Ganzes sicher nicht. Aber es ist sicher so, dass alte Parolen im neuen Gewand bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig geworden sind. Die Erklärung ist sicher zum Teil auch darin zu finden, dass die rechtsradikale Szene heute anders auftritt - bürgerlicher, moderner. Den klassischen Nazi oder Neonazi sieht man kaum noch, aber das heißt nicht automatisch, dass das Gedankengut weniger radikal oder gefährlich sein muss. Wir haben es mit einer Szene zu tun, die intelligent Begriffe und Symbole besetzt und umdeutet und damit an den Gefühlen der Menschen andockt. "Wir sind das Volk" ist so ein Beispiel, bei dem erst einmal jeder Demokrat an die friedliche Revolution von 1989 denkt. Heute wird es brutal umgedeutet - in einer Demokratie ist "Wir sind das Volk" autoritär, weil es die eigene Meinung absolut setzt. Aber das muss man erst einmal durchschauen.

Christoph Giesa
Kommunikationsexperte Christoph Giesa: "Alte Parolen im neuen Gewand sind bis in die Mitte der Gesellschaft hinein anschlussfähig geworden."

Welche neuen Strategien empfehlen Sie im Umgang mit Populisten, was hilft, ihre Anziehungskraft zu schmälern? Und welche Rolle können dabei politische Stiftungen einnehmen?

Die Radikalen sind auch in eine Lücke hineingestoßen, die durch Zweifel und Unzufriedenheit, aber auch eine gewisse Lethargie entstanden ist. Kaum jemand hätte doch geglaubt, dass wir fundamentale Fragen wie die europäische Einigung oder die Demokratie noch einmal grundsätzlich begründen und verteidigen müssen. Wir brauchen eine Repolitisierung der Bürger, die wir derzeit mit Initiativen wie Pulse of Europe, #ichbinhier oder Schmalbart in Teilen schon sehen. Dann fühlt sich der Einzelne in einer Konfrontation mit radikalem Denken auch nicht mehr so überfordert oder alleine. Das ist wichtig, denn nur, wer selbst überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Für diese Agenda bieten sich die politischen Stiftungen als Partner geradezu an.

Ganz praktisch: Wenn jemand im Bekanntenkreis gegen die vermeintliche „Überfremdung“ wettert oder Minderheiten diskriminiert – welche Kommunikations-Tipps können Sie geben, um bestmöglich zu kontern?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Die richtige Reaktion hängt nicht nur davon ab, was gesagt wird, sondern auch von wem und in welchem Kontext. Hat man es mit jemandem zu tun, der unsicher Parolen nachbetet? Dann sollte man sich darum bemühen, mögliche Ängste zu verstehen, Missverständnisse zu beheben. Bei einem hartgesottenen Anhänger rechter Ideologie verbietet sich genau das wiederum, alleine schon, um diesem Denken keine Plattform zu bieten. Und auch, um sich selbst zu schützen. Grundsätzlich gilt: Bei den Fakten bleiben, aber sich nicht alleine auf die Fakten verlassen. Je besser man jemanden kennt, desto mehr Möglichkeiten hat man, positiv Einfluss zu üben. Und je mehr Menschen das Gespräch - online oder offline - verfolgen, desto wichtiger ist es, dass man nicht zurücksteckt. Zwei Strategien, die meistens ganz gut funktionieren: Nachfragen, statt sich selbst zu rechtfertigen und Solidarität organisieren, um nicht alleine zu kämpfen.

Dieser Artikel wurde am 28.08.2018 aktualisiert.

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