Aufklärer mit Hintergedanken

Wie Erdogan den Tod Khashoggis für seine Ziele nutzt

Der „Fall Khashoggi“ und die Ambitionen der „Neuen Türkei“

Analyse26.10.2018Dr. Hans-Georg Fleck
Kabul
Blick auf die Zentrale KabulKonstantin_Novakovic/iStock / Getty Images Plus/gettyimages

Dieser Artikel wurde am Donnerstag, den 25. 10. 2018 auf Focus Online veröffentlicht und ist online auch hier zu finden.

Seit Wochen sind Informationen über den Fall des im Istanbuler Generalkonsulat des Königreichs Saudi-Arabien ermordeten Journalisten und Politikberaters Jamal Khashoggi Teil der täglichen Medienberichterstattung. Die Umstände, die zum Verschwinden Khashoggis geführt haben, bleiben jedoch bis auf Weiteres Gegenstand von Spekulationen – ebenso wie die Frage nach der politischen Verantwortung für die offenkundig minutiös geplante Mordtat. Hinter den eher an einen Thriller-Plot erinnernden, nur scheibchenweise ans Tageslicht kommenden Fakten rückt immer stärker die Frage nach dem „Cui bono“ in den Vordergrund – wer kann von den Ereignissen des 2. Oktober politisch profitieren? Und welche Interessen verbergen sich hinter dem Ringen um die Aufklärung des Journalistenmordes?

Ganz sicher ist lediglich, wer nicht profitieren wird: das zwar ölreiche, aber mitten in einem schmerzhaften ökonomischen Wandlungsprozess befindliche konservativ-wahhabitische Königreich auf der arabischen Halbinsel. Kaum hatte sich das seit der Staatsgründung 1932 von der Familie al-Saud beherrschte Land unter der Ägide des jungen, ehrgeizigen Kronprinzen Mohammed bin-Salman einen vorsichtigen Anstrich des Reformerischen, eines bis dahin für unmöglich gehaltenen Aufbruchs in die Moderne gegeben, da wird durch den Fall Khashoggi überdeutlich, wie die junge Herrscherelite in Riyad ihre Zukunft sieht. Man will sich zwar von gewissen, im 21. Jahrhundert der Außenwelt kaum mehr vermittelbaren Einschränkungen individueller Freiheit, wie dem Fahrverbot für die Bürgerinnen des Landes, werbewirksam und vertrauenerweckend abwenden. Zugleich aber signalisiert man jeder möglichen politischen Opposition, wie man – im Bedarfsfalle – mit ihr zu verfahren gedenkt. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es den „Wüstenreformern“ lediglich um eine zeitgemäße Form ihres Machterhalts zu tun ist und nicht um politische und gesellschaftliche Reformen, die die Nutzung westlicher Technologie und Wirtschaftseffizienz organisch mit „westlichen“ Werten verbinden, dann ist er in diesen Wochen in Istanbul geliefert worden. Diese Lektion anzunehmen, fällt vielen schwer. Vor allem jenen, die den Saudis eine klar definierte Rolle im Prozess des „Containments“ der – partiell aggressiven – Islamischen Republik Iran zugewiesen haben. Hier quält man sich „vorsichtig-abwägende“ Stellungnahmen ab, die den Bündnis-Wunschpartner (und/oder Stammkunden) Saudi-Arabien möglichst nicht vor den Kopf stoßen sollen.   

Ganz anders die Türkei. Auch sie benötigt Kunden und Investoren – gerade in diesen Tagen mehr denn je! Aber die islamisch-konservative Führung  in Ankara, die zu Recht erzürnt und beleidigt ist durch den eklatanten Missbrauch des saudischen Diplomaten gewährten Gastrechts, hat deutlich weiter reichende Interessen. Dies zeigt sich daran, wie der Eklat gemanagt wird: Trotz der großen Geste und zur Schau gestellten Entrüstung über den Mord an einem freien Journalisten, über den bestialischen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Menschen wird weder der saudische Botschafter in Ankara „einbestellt“ noch werden Angehörige der diplomatischen Vertretung des Wüstenkönigreichs nach Hause geschickt – wie sonst in ähnlich gelagerten Fällen vielgepflegte Übung.

Erdogan
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip ErdoğanCreative Commons Attribution 3.0/ Kremlin.ru

Stattdessen bemüht sich Präsident Erdoğan bei allen Versprechen, die „nackte Wahrheit“ ans Tageslicht zu befördern, doch ganz deutlich darum, den Gesprächsfaden mit Riyad nicht abreißen zu lassen. Und dies gerade weil man sich bereits spätestens seit dem „Arabischen Frühling“ mit den „Hütern der beiden heiligen Moscheen“ in einem recht offenen Konflikt um politischen Einfluss in der Region, vor allem aber über die angestammte Führerschaft in der sunnitisch-islamischen Welt befindet. Während die Saudis die islamisch-konservativen Moslembruderschaften in der arabischen Welt zu ihrem Feind Nr. Eins erklärt hatten, gerierte sich die Türkei als deren Schutzschild, in Ägypten, in Syrien und andernorts. Während die Saudis - und in ihrem Gefolge die Golfmonarchien - das gasreiche Emirat Katar zum Outlaw erklärten, hatte Erdoğan nichts anderes zu tun, als die nicht minder vordemokratisch legitimierten Erbherrscher in Doha seiner unverbrüchlichen Unterstützung zu versichern und dies u.a. durch Truppenentsendungen zu untermauern.  

Aber für Recep Tayyip Erdoğan geht es um weit mehr als um regionalpolitische Machtkonstellationen. Seine Zukunftsvision für die „Neue Türkei“, die mit der Annahme der Präsidialverfassung ins Leben getreten ist, schließt ganz bewusst und mit einer innenpolitischen „Salamitaktik“ promoviert an die alte politische, vor allem aber an die religiöse Vormachtstellung des vor kaum 100 Jahren vergangenen Osmanischen Reiches an. Dieser Anknüpfung gilt die Darstellung der Türkei als Schutzmacht der Muslime weltweit und als Bollwerk einer wiederzubelebenden „Antikolonialistischen Weltbewegung“, die sich vor allem gegen die als imperialistisch gedeutete Werte- und Rechtsordnung der westlichen Demokratien richtet. Da stören die Überreste einer sich nach Westen orientierenden, wenngleich als andere als „westlichen“, kemalistischen Tradition nur. Die Bindungen an den Westen sind nur so lange gut und nützlich, wie sie der Erreichung des eigentlichen Zieles dienen.

Daher kann Präsident Erdoğan auch nicht einfach in den Chor westlicher Fundamentalkritik am saudischen Königreich einstimmen. Erdoğan ist viel zu sehr gewiefter Machtpolitiker und Realist, um nicht zu wissen, dass man die Anerkennung der Vormachtstellung der „Neuen Türkei“ auch in der arabischen Welt nicht durch einen Frontalangriff gegen das saudische Königshaus erringen kann. Die unglaubliche Chuzpe und Hybris saudischer Kreise, die nur noch von ihrem Dilettantismus in den Schatten gestellt wird, hat  Erdoğan unversehens einen Trumpf zugespielt, dessen adäquate Nutzung er in diesen Tagen in aller Ruhe und Gelassenheit vorbereitet. Wir dürfen sicher sein, dass uns diese, für manchen westlichen Beobachter  - ob der zahllosen anderen Frontlinien des Nahen Ostens – kaum präsente Konfliktlinie in den kommenden Jahren noch häufiger beschäftigen wird. Wie wäre es  - hier zum Schluss eine Empfehlung an die um osmanische Traditionspflege bemühten geistigen Väter der „Neuen Türkei“ -, wenn am 17.12. 2018 in Istanbul an ein sich zum 200. Male jährendes Ereignis erinnern würde: die Hinrichtung Abdullah I. bin-Sauds, eines aufständischen wahhabitischen Imams und Vorfahrens der heutigen saudischen Könige. Damals stand die Führungsrolle in der sunnitischen Welt jedenfalls noch außer Frage.