„Wichtig ist, immer Mensch zu bleiben“

Ildar Dadin erhält den Boris-Nemtsov-Preis 2017

Nachricht13.06.2017Julia Scharmann
Gruppenbild
Gruppenbild von der PreisverleihungFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Gestern, am russischen Nationalfeiertag „Tag Russlands“, kam es in Moskau, St. Petersburg und vielen weiteren Städten des Landes erneut zu Massendemonstrationen. Hunderte friedliche Demonstranten wurden festgenommen – darunter der bekannte Oppositionsführer Alexej Nawalny. Die russische Zivilgesellschaft wollte ein Zeichen gegen die herrschende Machtelite und die grassierende Korruption setzen.

Proteste in Russland, Solidarität in Bonn

Fast zeitgleich zu den Demonstrationen versammelten sich am Montagabend bekannte russische Bürgerrechtler und die interessierte deutsche Öffentlichkeit in der Deutschen Welle in Bonn. Die Boris-Nemtsov-Stiftung hatte zusammen mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zur Verleihung des Boris-Nemtsov-Preises 2017 geladen. Von der Korruption als „Geschwür der russischen Gesellschaft“ sprach auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, am gestrigen Abend.

Unter den Nominierten befand sich neben Sergey Mohnatkin, Maxim Losev und Zoya Svetova auch der kurz zuvor verhaftete Alexey Nawalny. Zum diesjährigen Gewinner wählte der Stiftungsrat der Boris-Nemtsov-Stiftung jedoch den fünften Nominierten, den als Ein-Mann-Mahnwache gegen den Ukrainekrieg bekannt gewordenen Bürgerrechtler Ildar Dadin.

Die Rechtsstaatlichkeit wird in Russland ausgehöhlt

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erinnerte in ihrem Grußwort an den verstorbenen Boris Nemtsov, nach dem der Preis benannt ist, und betonte in diesem Zusammenhang die verbindenden Werte der Boris-Nemtsov-Stiftung und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: Freiheit, Schutz der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Justiz.

In seiner anschließenden Festrede griff Lew Schlossberg, russischer Journalist und Politiker sowie erster Preisträger des Boris-Nemtsov-Preises im vergangenen Jahr, die Bedeutung dieser Werte gleich auf und warf einen Blick zurück: Seit der letzten Verleihung sei in Russland ein weiteres Jahr der Unfreiheit vergangen. Das Ausmaß der Unfreiheit verdeutlichte er exemplarisch an der schleppenden Aufklärung des Mordes an Nemtsov. Das Gericht sei offensichtlich angewiesen, die wichtigen Fragen nicht zu stellen. Wie könne ein Mordprozess sonst ohne die entscheidende Frage nach dem Motiv auskommen? „Der Schatten von Stalin wurde zum Mantel von Putin“, resümierte Schlossberg über die Lage in seinem Land.

Eingesperrt im eigenen Land: Die Finalisten und ihr Kampf für die Freiheit

Wie schwer dieser Mantel auf den Schultern der russischen Opposition liegt, konnten die rund 150 Gäste bei der Vorstellung der fünf Finalisten spüren. In einem eindrucksvollen Kurzfilm schilderte jeder von ihnen seine persönlichen Erfahrungen mit der Willkür der Staatsmacht. Besonders bedrückend war der Umstand, dass die Mehrheit der Nominierten – selbst Ildar Dadin – gezwungen war, einen Vertreter zur Preisverleihung zu schicken. Der Menschenrechtsaktivist Sergey Mohnatkin sitzt wegen angeblichen Widerstands gegen die Staatsgewalt auf einer Demonstration im Gefängnis. Er schickte seine Anwältin Karinna Mosalenko, die sich am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für seine Freilassung einsetzt. Im September 2016 galt es für den Gerichtshof in Straßburg als erwiesen, dass Mohnatkin im Gefängnis massiver Folter ausgesetzt ist. Mohnatkin wurde daraufhin in ein Gefängniskrankenhaus überführt – ein Teilerfolg für Mosalenko und ihren Mandaten. Kontakt nach außen – auch zu seiner Anwältin – ist trotzdem kaum möglich.

Vladimir Ashurkov kam für Alexej Nawalny, der die Preisverleihung für die Kundgebung absagte, auf der er gestern verhaftet wurde. Er betonte, dass alle Nominierten wahre Helden seien. Für ihn sei der mit 10.000 EUR dotierte Preis nur zweitrangig; wichtiger seien die Stimmen der Anerkennung und Dankbarkeit, die die russische Opposition weiter motivieren.

Der mit Abstand jüngste Nominierte, der 16-jährige Schüler Maxim Losev, den die Polizei für seine Beteiligung an einer Anti-Korruptions-Kampagne während des Unterrichts verhaftete, rührte das Publikum sichtlich. In einer Videobotschaft zeigte er sich trotz seiner jüngsten Erfahrungen mit dem russischen Willkürstaat unerschrocken. „Außer Einschüchterungsversuche haben die nichts zu bieten“, kritisierte er die russische Führung und ihre ausführenden Organe. Die Polizei folge blind den Anweisungen von oben. Die Beamten, die ihn festnahmen, hätten selbst nicht verstanden, warum sie ihn verhaften sollen; hinterfragt haben sie es aber nicht.

Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Zoya Svetova erinnerte noch einmal an Boris Nemtsov und seinen unerschütterlichen Glauben an den Sieg des Guten über das Böse. Sie appellierte an die Anwesenden, große Medienereignisse wie die Parlamentswahlen oder die Fußball-WM in Russland dafür zu nutzen, eine größere Aufmerksamkeit für die politischen Gefangenen zu generieren. Sie schloss ihre Ansprache mit den Worten, mit denen Boris Nemtsov jede seiner Kundgebungen und Reden beendete: „Russland wird frei sein!“

„Das sind besondere Menschen“ – Lambsdorff würdigt in seiner Laudatio alle Finalisten

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Laudatio von Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, der – sichtlich gerührt von den Ansprachen der Finalisten – alle Nominierten als „besondere Menschen“ bezeichnete, die sich „in besonderer Weise für die Freiheit einsetzen“. Er hob hervor, wie viel Mut nötig sei, um in der russischen Gesellschaft diesen Kampf zu bestreiten – zumal Menschen wie Ildar Dadin keine Politiker oder Wirtschaftsbosse mit besonderem Einfluss seien, sondern normale Bürger, die für ihre Ideale viel riskieren.

Anschließend übergaben Zhanna Nemtsova und der Vorsitzende des Stiftungsrates der Boris-Nemtsov-Stiftung, Vladimir Kara-Murza, den Preis an Sergey Davidis von der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, der Dadin vertrat. Trotz mehrerer Versuche konnte Dadin selbst nicht anreisen – die russischen Behörden hatten seinen Visumsantrag wiederholt abgelehnt.

Das große Erbe von Boris Nemtsov

Davidis richtete sich jedoch in Dadins Namen an das Publikum und überbrachte seine wichtigste Botschaft: „Boris Nemtsov hat mich in seinem Handeln inspiriert. Wichtig ist, immer Mensch zu bleiben. Alles andere ist nur zweitrangig. Mir ist es wichtig, immer Mensch geblieben zu sein – ich folge diesem Prinzip immer.“ Davidis fügte hinzu: „Und jetzt inspiriert Ildar Dadin die Menschen, so wie er sich einst von Boris Nemtsov inspiriert fühlte. Dieser Preis ist für alle Menschen, die für Ildar Dadin gekämpft haben.“ Boris Nemtsovs Erbe lebt. Hoffen wir also, dass sich auch sein Leitspruch irgendwann erfüllen wird: „Russland wird frei sein!“

Julia Scharmann ist Referentin für Südost- und Osteuropa der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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