"Wer nicht weiß woher er kommt, der weiß nicht wohin er geht"

Festveranstaltung zu Ehren von Hans-Dietrich Genscher in seiner Geburtsstadt Halle

Nachricht22.03.2017
Genscher-Büste in der MLU
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Am 21. März 2017 wäre der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher 90 Jahre alt geworden. Kurz vor seinem ersten Todestag in der kommenden Woche, ein besonders passendes Datum, um mit Familie, Freunden und Wegbegleitern an den "Architekten der Deutschen Einheit" zu erinnern. Und wo könnte das besser gelingen als in seiner Geburtsstadt Halle. 

Vom musikalischen Sohn der Stadt für den politischen Sohn der Stadt: Mit einem Stück von Georg Friedrich Händel läutete das Akademische Orchester der Martin-Luther-Universität (MLU) unter der Leitung von Matthias Erben den Abend im Löwengebäude der MLU ein. Einen Abend der Hans-Dietrich Genscher, der an diesem Tag seinen 90. Geburtstag gefeierte hätte, als herausragenden Politiker und liebenswerten Mensch ehrte.

Die Aula der MLU in Halle.
Die festliche Aula der MLU bot genau den passenden Rahmen für eine Festveranstaltung.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Gerade in Zeiten, in denen die Forderung nach Freiheit nicht mehr politischer Konsens zu sein scheint, ist das Vermächtnis Genschers wichtiger denn je, stellte Udo Sträter, Rektor der MLU, fest als er die Gäste in der vollbesetzten Aula seines Hauses begrüßte – mit dabei auch die Witwe des Verstorbenen, Barbara Genscher. Die besondere Beziehung zwischen Genscher und seiner Geburtsstadt Halle kann man zudem daran festmachen wie Genscher vom Bundes- zum Weltpolitiker wurde und dennoch „Halle immer wieder mit einbezog“. Sträter erinnerte hier vor allem an das Jahr 1993, als Genscher Politiker wie Henry Kissinger und Michail Gorbatschow nach Halle einlud.  

Udo Sträter, Rektor der MLU
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung für die Freiheit, Karl-Heinz Paqué bestätigte diesen Eindruck. "Genscher war ein echter Kenner der reichen und komplexen Geschichte seines Landes Sachsen-Anhalt“. Diese Region war für ihn „ein Kernland deutscher Geschichte ... politisch heterogen, aber im Industriezeitalter höchst modern und mit großer Geschichte“. Mit Blick auf aktuelle Herausforderungen der Region betonte Paqué: Es gilt „Mitteldeutschland als gemeinsamen Raum des Wachstums, der Wirtschaft und der Wissenschaft ernst zu nehmen – noch viel ernster als bisher geschehen. Für Genscher, der aus Halle stammte, in Leipzig studierte und über Magdeburg alles wusste, war dies selbstverständlich.“ Vor diesem Hintergrund forderte er „ein starkes Mitteldeutschland...im Sinne von Hans-Dietrich Genscher“.

Die offiziellen Festreden des Abends wurden vom ehemaligen deutschen Außenminister Klaus Kinkel und Günther Schilling, dem ehemaligen Rektor der MLU, gehalten. Auch in diesen beiden Reden wurde klar: Auch wenn Genscher in der Weltpolitik zuhause war, so war seine Heimatstadt immer ein Teil von ihm.

Kinkel, langjähriger Weggefährte und Mitarbeiter Genschers, erzählte: „Halle war fast heilig. Es war für ihn eine Herzenssache. Es war Heimat.“ Kinkel erinnerte zudem an Genschers große Themen und Erfolge als Außenminster: die Wiedervereinigung, die Entwicklung Europas und immer wieder das Verhältnis zwischen Ost und West. Als entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung dieser Projekte sieht Kinkel dabei vor allem Genschers Lebensprinzip „Kooperation statt Konfrontation, Gemeinsamkeiten statt Gegensätze“. „Genscher war ein Mann des Dialogs“, schloss Kinkel seine Rede. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dieser Ansatz wohl auch Genschers Meinung zu aktuellen Themen wie die transatlantischen Beziehungen und den Umgang mit Russland, maßgeblich prägen würde.  

Klaus Kinkel, langjähriger Wegbegleiter  und Mitarbeiter Genschers.
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Günther Schilling, der der MLU von 1990 bis 1993 als Rektor vorstand, stellte in seiner Ansprache vor allem die großen Verdienste Genschers gegenüber seiner ehemaligen Alma mater heraus. Dabei betonte er besonders die Rolle, die Genscher als „Unterstützer der Universität im Änderungsprozess nach der Wende“ gespielt hatte. Damals diente Genscher der Universität nicht nur „als Katalysator im Austausch mit anderen Universitäten weltweit“, sondern vor allem auch, „um eine Brücke in eine geistig offene Zukunft zu bauen“. Bereits 1992 war Genscher von der MLU mit der Ehrensenator-Würde der Universität ausgezeichnet worden. Genschers „Wirken wird für immer einen Meilenstein in der Geschichte der MLU darstellen“, lobte Schilling.  

Günther Schilling, ehemaliger Rektor der MLU

Sein Wirken wird für immer einen Meilenstein in der Geschichte der MLU darstellen.

Günther Schilling

Zum Abschluss der Veranstaltung, die neben Händel auch durch musikalische Stücke von Bach, Dvorjak und Mozart untermalt wurde, erinnerte die ehemalige Staatsministerin Cornelia Pieper auch nochmal an die sehr menschlichen Seiten des Politikers Hans-Dietrich Genscher. Sie wies auf „seine Fröhlichkeit und seinen Optimismus“ hin und, dass er „allen immer mit Respekt und auf Augenhöhe“ begegnete. Dabei „vergaß er nie woher er kam“. Sein Motto war immer "wer nicht weiß woher er kommt, der weiß nicht wohin er geht". 

Dem stimmte auch Rita Süßmuth, die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages, zu, als sie spontan noch ein paar Worte an das Publikum richtete. "Einen Außenminister wie Genscher gibt es nicht oft" und er hat immer gewusst "ohne ein lokales Verständnis kann man nicht ins Globale aufbrechen“.

Der Abend in Genschers Geburtsstadt Halle hat gezeigt, dass es wohl gerade die besondere Verbundenheit mit der Heimat war, die Hans-Dietrich Genscher zu dem großen Weltpolitiker, leidenschaftlichen Liberalen und überzeugten Europäer werden ließ, der er war.

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Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr