Was ist eigentlich Sachsen-Anhalt?

Hans-Dietrich Genscher wusste die Antwort

Meinung05.04.2016
Hans-Dietrich Genscher
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Ein Bindestrich-Land – ohne Gesicht, ohne Identität. Das sind die Vorurteile, die viele gegenüber dem Land Sachsen-Anhalt im Kopf haben. Hans-Dietrich Genscher, der geborene Hallenser, wusste es besser. Unser stellv. Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Paqué, der seit 20 Jahren in Sachsen-Anhalt lebt, blickt zurück.

Kaum ein deutsches Bundesland hat so viele herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht wie das heutige Sachsen-Anhalt. Für ein Land mit gerade mal 2,5 Millionen Einwohnern reicht die Liste von der russischen Zarin Katharina der Großen über Reichskanzler Bismark bis zu Händel und Telemann. Jetzt ist ein weiterer großer Sohn des Landes verstorben: Hans Dietrich Genscher.

Er war ein echter Connaisseur der reichen und komplexen Geschichte seines Landes. Nichts machte ihm so viel Freude wie darüber ganz beiläufig zu sprechen. Immer wenn wir im liberalen Kreis nach gemeinsamen Veranstaltungen zusammenstanden, erzählte er verschmitzt detailreiche Anekdoten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als er als politisch interessierter junger Mann in Mitteldeutschland Jura studierte. 

Der historische Gehalt dieser Geschichten reichte zumeist weit zurück, in die Weimarer Republik und ins Kaiserreich. Vor allem jenes bürgerlich-liberale Milieu, aus dem er und so viele große andere Liberale der Region stammten, war ihm zutiefst vertraut. Für ihn war Sachsen-Anhalt kein zusammengewürfeltes Kunstgebilde aus preußischer Provinz Sachsen und Fürstentum Anhalt, sondern ein Kernland deutscher Geschichte, das seit dem Wiener Kongress 1815 als integrierter Wirtschafts- und Verwaltungsraum Mitteldeutschlands entstanden war – und lange Zeit florierte, genau wie damals die Regionen von Rhein und Ruhr im heutigen Nordrhein-Westfalen: politisch heterogen, aber im Industriezeitalter höchst modern und mit großer Geschichte.

Es war deshalb für Genscher auch ganz selbstverständlich, dass er sich nach Mauerfall und Wiedervereinigung als Außenminister und als FDP-Ehrenvorsitzender massiv dafür einsetzte, dass es einen Wiederaufstieg der Region geben sollte. Dieser musste anknüpfen an jene bürgerlichen Traditionen, die durch 40 Jahre Sozialismus wenn nicht zerstört so doch stark geschwächt worden waren. Immerhin hatte es mit Erhard Hübener noch nach dem Krieg als Ergebnis der einzigen freien Landtagswahlen einen liberalen Ministerpräsidenten gegeben. Ab 1990 unterstützte Hans Dietrich Genscher alle Wahlkämpfe der Liberalen, mit Enthusiasmus und Leidenschaft sowie seiner immensen Erfahrung. Bei der ersten Landtagswahl 1990 gab es stolze 13,5 Prozent der Stimmen, beim großen Comeback der FDP im Jahr 2002 13,3 Prozent. Aber Genscher war auch mit vollem Einsatz dabei, wenn es nicht so gut lief. Er half immer, so lang er es konnte.

Warum tat er das? Die Antwort ist einfach: Er war eben ein großer Patriot, Demokrat und Liberaler. Die deutsche Einheit war und blieb sein Lebensthema – und zwar nicht nur auf der großen außenpolitischen Bühne, sondern auch in den engen Gassen des alten Mitteldeutschlands, das er liebte. Wir werden dies nie vergessen.              

       

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Wie kaum ein anderer war Hans-Dietrich Genscher in der Lage, politische Ziele mit dem zu verbinden, was man immer als handwerkliche Fertigkeit beschreibt, um sie auch erreichen zu können. Seine Unerschütterlichkeit ist am Ende mit der Überzeugung vieler belohnt worden, dass er unser Land in Bündnisfähigkeit, europäische Integration und Weltoffenheit sicher und verlässlich steuerte. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat in Hans-Dietrich Genscher immer einen großen Unterstützer gehabt. Mehr