Walter Schücking und der Pazifismus

24.07.2014

Auch in sein wissenschaftliches Werk floss Schückings Engagement für den internationalen Frieden ein. 1912 entwickelte er die Idee eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofs, der militärische Konflikte juristisch schlichten sollte. Diesen Gedanken betonte er in seinem im Jahr 1915, um „den zu erwartenden Frieden zu einem wirklich dauernden zu machen“. Vehement trat er für die Gründung einer internationalen Gemeinschaft ein, die er 1918 erstmals als „Völkerbund“ bezeichnete. Deshalb ist es recht konsequent, dass der international anerkannte Völkerrechtler 1919 zu einem der sechs deutschen Hauptdelegierten auf der Versailler Friedenskonferenz ernannt wurde. Auch andere Ämter wurden dem Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Reichstagsabgeordneten (1919-1928) nach 1918 übertragen, so der Vorsitz der Kommission zur Untersuchung der Anklagen wegen völkerrechtswidriger Behandlung der Kriegsgefangenen in Deutschland, die bald schon den Namen „Schücking-Kommission“ erhielt. 1924 wurde er Vorsitzender des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über die Ursachen des Kriegsausbruchs. Er arbeitete im Präsidium der Deutschen Friedensgesellschaft, war Mitgründer der Deutschen Liga für den Völkerbund, Mitglied des Rates des Internationalen Friedensbüros in Genf sowie der Interparlamentarischen Union.

In seiner Hochschullehrerlaufbahn wechselte Schücking 1921 von Marburg als Nachfolger von Hugo Preuß an die Handelshochschule Berlin und 1926 an die Universität Kiel, wo er das Institut für Internationales Recht gründete. Den Gipfelpunkt seiner Karriere erlangte er aber, als er 1931 zum ersten deutschen Richter am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag berufen wurde. 1933 verlor er aus politischen Gründen seinen Kieler Lehrstuhl und blieb in der Emigration in Den Haag, wo er 1935 starb. Schücking gilt mit seinen vielfältigen wissenschaftlichen und pazifistischen Aktivitäten als einer der angesehensten deutschen Staats- und Völkerrechtler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Pazifismus wurzelte in einem tief verankerten Liberalismus und ist ohne diesen nicht zu verstehen.

Literaturhinweise:

Detlev Acker: Walther Schücking (1875-1935), Münster 1970 [WEK-Preis 1970].
Jürgen Frölich: Liberale Stichtage. 75. Todestag von Walther Schücking 25.08.2010.
Ulf Morgenstern: Zivilcouragierte Überzeugungstäter. Das gesellschaftliche Engagement der linksliberalen Brüder Schücking zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. In: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 25 (2013), S. 223-248.
Walther Schücking: Europa am Scheidewege. In: März 40 (1915), S. 40-44.

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