Vor Beginn der Imam-Ausbildung in Deutschland – hoher muslimischer Gelehrter besucht Universität Osnabrück

04.11.2010

Es gebe keine unterschiedlichen Religionen, Ethnien und Völker, wenn Gott dies nicht so gewollt hätte, sagte Achmad Mustofa Bisri, auch bekannt als „Gus Mus“, bei einer Experten-Diskussion in Osnabrück. Diese hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gemeinsam mit der Universität Osnabrück und ihrem Professor Rauf Ceylan veranstaltet, kurz bevor dort der Startschuss für die erste universitäre Imam-Ausbildung in Deutschland fiel.

Wie auch immer man zur Frage der Existenz eines göttlichen Wesens steht, war in dieser Aussage doch die zutiefst liberale Kernbotschaft Mustofa Bisris enthalten: leben und leben lassen. Bisri sitzt im Vorstand der Nadhlatul Ulama (NU), dem mit 40 Millionen Mitgliedern größten Verband von Muslimen weltweit. Damit gilt er als einer der profiliertesten und einflussreichsten Gelehrten Indonesiens. Diesen Einfluss nutzt Bisri gezielt, um für einen toleranten Islam in seinem eigenen Land zu werben, aber auch, um liberale Muslime auf der Welt zu vernetzen, aufzuklären und so den oft zitierten „Clash of Cultures“ unwahrscheinlicher zu machen.

TV-Serie „Ozean der Offenbarung“ vorgestellt

Osnabrück war dabei eine Station einer mehrwöchigen Europareise, die Bisri gemeinsam mit Vertretern der LibForAll Foundation absolvierte, die von einem langjährigen Freund der Stiftung, dem verstorbenen Staatspräsidenten Indonesiens, Abdurrahman Wahid, mitbegründet wurde. Deren jüngstes gemeinsames Projekt ist die TV-Serie „Ozean der Offenbarung“, die einen aufklärenden Ansatz verfolgt und dafür in jeder Folge ein Kernthema des Islam behandelt – genau diese wurde in Osnabrück vorgestellt.

Die Teilnehmer – Wissenschaftler, Medienvertreter und Repräsentanten muslimischer Verbände in Deutschland – zeigten sich überwiegend begeistert und hatten vielfältige Ideen, wie die Serie einen Beitrag zu mehr Verständnis gerade auch hierzulande leisten könnte. Wie nötig konstruktive Beiträge sind, sei zuletzt an der teils hysterisch geführten Sarrazin-Debatte deutlich geworden, andererseits gelte es radikal-islamischen Strömungen aus der arabischen Welt auch in Deutschland etwas Substantielles entgegenzusetzen – darin war man sich einig.

Indonesien als Vorbild?

Nicht von ungefähr kommt diese Initiative für einen toleranten, liberalen Islam aus Indonesien. Zwar stehen auch die Indonesier vor der Herausforderung, radikal-islamische Bewegungen in die Schranken zu weisen und die Terrorismusgefahr ist nicht gebannt: doch in dem Vielvölkerstaat wird seit Jahrhunderten religiöses Miteinander aktiv gestaltet und meist friedlich gelebt.

Zudem mischen sich vorislamische mit muslimischen Bräuchen zu einer Art „Volksislam“ und auch die Verfassung garantiert den anderen Weltregionen seit der Unabhängigkeit 1945 eine gleichberechtigte Existenz neben dem Islam. All dies macht Indonesien zu einem immens wertvollen Partner des Westens und den liberalen Muslimen in aller Welt. Dies müsse in der deutschen Öffentlichkeit künftig noch deutlicher herausgestrichen und in der Imam- wie auch der Religionslehrerausbildung unbedingt vermittelt werden, meinten abschließend viele Teilnehmer.

David Vincent Henneberger