Liberalismus

Vor 100 Jahren – Friedrich Naumann scheint politisch fast am Ziel

Ein historischer Rückblick anlässlich des 99. Todestages

Meinung24.08.2018Jürgen Frölich
Friedrich Naumann
Friedrich Naumann, Namenspatron der Stiftung.

Ein Jahr vor seinem Tod, der sich am heutigen 24. August zum 99. Mal jährt, glaubte sich Friedrich Naumann als Autor des vielgelesenen und –diskutierten Buches „Demokratie und Kaisertum“ am Ziel. „Der Volksstaat kommt“, schrieb er in der 41. Ausgabe der „Hilfe“ des Jahres 1918. Mit „Volksstaat“ war die „freiere, lockere Form der Monarchie“ gemeint, „wie sie sich in England erhält“,  also der Übergang Deutschlands von der konstitutionellen, semi-autoritären zur parlamentarischen Monarchie.  Naumann setzte seine Hoffnungen auf den Prinzen Max von Baden, der als Angehöriger eines alten Herrschergeschlechts an der Spitze einer Regierung mit Mehrheit im Reichstag diesen Übergang und damit die Synthese von Altem und Neuen möglichst ohne größere Erschütterungen leisten sollte. Die Vorhersage von „Demokratie und Kaisertum“, die Naumann 18 Jahre zuvor gemacht hatte, wäre damit Realität geworden, „zur Rettung und Erhaltung“ Deutschlands, wie Naumann nicht ohne Pathos meinte.

Sein trotz vier Jahren eines äußerst blutigen Krieges wieder aufflammender Optimismus war auch außenpolitisch begründet: Zwar sah Naumann, wie er Ende Juni 1918 im Reichstag ausführte, die Möglichkeit eines deutschen Sieges angesichts der gegnerischen Ressourcen als äußerst unwahrscheinlich. Zugleich wähnte er Deutschland in einer günstigen Position, nachdem der Krieg im Osten zu Ende war. Deshalb glaubte er, nun bestehe eine gute Gelegenheit für einen Verständigungsfrieden. Zu Rechte und geradezu prophetisch fragte er im Reichstagsplenum: „Was für einen Zweck hat denn dieser Sieg, wenn der siegende Teil sich auch nur gebrochen vom Kampffeld zurückziehen kann? "Ein baldiger Frieden auf der Basis des Status quo werde entscheiden, ob Europa ein neuer „Frühling“ oder ein „Herbst“ jetzt beschieden sei.

Rede von Friedrich Naumann auf liberaler Frauenkonferenz, vermutlich 1919

Das erste darum, was wir tun können, um an der allgemeinen Freiheit mitzuhelfen, ist, daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.

Friedrich Naumann

Es ist ganz bezeichnend, dass Naumann, der als führender Reichstagsabgeordneter vergleichsweise gut informiert war, sich sowohl hinsichtlich der deutschen Lage Illusionen machte als auch die Einsichtsfähigkeit der eigentlichen Machthaber ziemlich überschätzte. Wenige Monate später war genau das eingetreten, was Naumann befürchtete hatte: Deutschland brach vollkommen zusammen, die Synthese von Alt und Neu kam nicht zustande, vielmehr verschärften sich die inneren Gegensätze mittelfristig in ungeahnter Weise. Vor allem aber fand Europa nicht zusammen, sondern es bedurfte dazu eines noch blutigeren Ringens. Egal, für wie realistisch man Naumanns Optimismus im Spätsommer 1918 hält: Das daraus entwickelte Szenario steht für eine alternative, gar nicht so unwahrscheinliche, aber dann doch nicht eingetretene Entwicklung, die wohl nicht nur Europa viel Leid erspart hätte.

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Dr. Jürgen Frölich
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