Vom Pferdepflug zum Smartphone

Wie Arbeit 4.0 in der Realität aussieht

Meinung06.02.2017Armin Reinartz
Arbeit 4.0
Arbeit 4.0 - immer erreichbar?CC BY-SA 2.0/ flickr.com Michael Coghlan

Auch wenn man es in mancher Behörde, in manchem Betrieb und in der öffentlichen Diskussion in Deutschland nicht immer merkt – viel von der digitalen Zukunft ist schon da. In Asien bewegt die Digitalisierung alle Länder von Kambodscha bis Korea, unabhängig vom Entwicklungsstand. Höchste Zeit, dass wir auch in Deutschland die Digitalisierung ernst und in die Hand nehmen.

Ich bin gestresst. Mein Handybildschirm quillt über. Email von unserem Team in Asien, das meinen Input für ein Projekt braucht. Terminabstimmungen. Eine Whatsapp von meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen um meine Gesundheit: „Du solltest mehr Sport machen“. Ich downloade die nächstbeste Fitness App und antworte ohne schlechtes Gewissen: “Bin dabei“.  Eigentlich sitze ich in einem Kurs zu „Taktische erste Hilfe für Auslandsmitarbeiter“ und sollte mich auf die Inhalte konzentrieren. Nur mal kurz in der Pause Handy und Emails checken, habe ich gedacht. Und jetzt auch noch die Anfrage der Kollegen, ob ich für freiheit.org nicht etwas zur Arbeit 4.0 schreiben kann.

Mit Smartphone zur Selbstausbeutung

Arbeit 4.0? Ständige Erreichbarkeit. Mit Smartphone zur Selbstausbeutung. Das ist das erste, was mir da durch den Kopf geht. Ich wische mich weiter durchs Handy und gehe die Apps durch. Auf Whatsapp schreiben mir die Europäer. Die datenschutzbewussten Deutschen via Threema. Meine Kollegen in Thailand mit Line. Myanmar meldet sich per Viber. Seoul mit KakaoTalk. Die Freunde aus China mit WeChat. Der Rest via Facebook. In der Stiftung bekomme ich Emails über Lotus Notes und Nachrichten über unser Confluence-Intranet. Als Ehrenamtler in Deutschland diskutiere ich das Bundestagswahlprogramm auf MeineFreiheit und zu Europa auf Alde-Slack. Arbeit 4.0? Viele Apps, viele Buzzwords, ständig neuer Kram, viel Chaos.

Die Pause im Sicherheitstraining ist zu Ende. Jetzt praktische Übungen zur Ersthilfe. Meine Übungspartnerin bindet mir den Arm ab, um eine fiktive Blutung zu stillen. Ganz undigital, dafür aber sehr feste. Hoffentlich wird mein Arm nicht taub. Sonst kann ich gleich nicht gut Antwortemails tippen. Arbeit 4.0? Was ist das eigentlich? Braucht man das?

Das Wochenende nach dem Training wird für eine kurze Stippvisite bei den Eltern genutzt. Mein Sohn, mein Vater und ich spazieren im Garten und stoßen auf den alten Pferdepflug, der dort als Dekoration steht. Mein Urgroßvater hat damit noch die Felder bestellt. Draußen an der frischen Luft. Morgens raus aufs Feld, abends nach Hause. Keine Emails. Keine Anrufe aus Asien. In der Pause statt Smartphone ein gutes Butterbrot und der Blick über die Felder. Dafür körperlich harte Arbeit. Mein Opa hatte dann schon einen Traktor. Mein Vater und seine Brüder mussten vor der Schule die Kühe melken. Zum Glück mit Maschine. Viel mehr Maschinen, die das Leben einfacher machten. Da hat die Zeit zum Lernen gereicht. Mein Vater ist Ingenieur geworden. Wir Kinder mussten nicht melken. Auf dem Pentium-PC konnte er auch manche Dinge zu Hause erledigen und war früher zurück. Gemeinsames Abendessen als familiäre Zusammenkunft war ihm wichtig.

Armin Reinartz
Armin ReinartzArmin Reinartz

Das haben wir übernommen, als wir damals mit unserer kleinen Familie für die Stiftung nach Bangkok gegangen sind. Dort führt die Zeitverschiebung besonders am Abend dazu, dass noch viele Anfragen aus der Zentrale und Anrufe mit Deutschland auf die Agenda kamen. Nachdem die direkten Teamgespräche über Tag abgearbeitet werden, gehe ich früh nach Hause und esse mit der Familie. Zähneputzen und Gutenachtgeschichte. Sohnemann ist im Bett. Ich will Vater sein - ich will aber auch meinen Job gut machen. Ich will meine Projektideen umsetzen und die Kollegen bei ihren unterstützen. Ich klappe meinen Laptop auf und skype mit unserem Asienreferat in Deutschland. Inhaltliche Nachfragen kann ich schnell über den Zugriff auf das Intranet klären. Viele Informationen holt sich meine Kollegin sogar direkt von dort und ich muss meine Zeit nicht als „Weiterleiter“ verschwenden. Bevor ich den Laptop zuklappe, schreibe ich noch ein wenig simultan mit meinem Kollegen in Indien an einem gemeinsamen Text  oder schaue mir an, wie unsere Teams in Deutschland ihre neuen Veranstaltungsformate konzipiert haben. Bevor wir schlafen gehen, gibt es noch den Tagesschau Podcast beim Abwaschen und eine Runde Netflix auf der Couch. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass mir ein Fernsehsender feste Zeiten vorgibt.

Freiheit durch Fortschritt

So sinniere ich über den Tagesablauf in Bangkok, während mein Sohn neugierig den Pflug im Garten in Deutschland untersucht. Das ist gut. Sobald er alt genug ist, werden sein Opa und ich ihm erzählen, wo unsere Familie herkommt. Er soll wissen, wie seine Urgroßeltern, seine Großeltern und wir früher gelebt und gearbeitet haben. Ich möchte, dass er versteht, dass das bessere Leben, die Freiheit, sich Bildung und Beruf wählen zu können, die Freiheit, in die Welt zu ziehen, durch technischen Fortschritt möglich wurde. Dieser Fortschritt bedeutet aber auch, dass er lernen muss, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Mein Opa konnte fast alle seine Landmaschinen selber reparieren. Er hat nie einen Computer besessen. Mein Vater hat im Studium seine Konstruktionen gezeichnet. Seit langem erstellt er 3D-Modelle seiner Maschinen mit CAD-Software. In meiner Schule in NRW gab es noch keinen Beamer im Klassenzimmer und nur einen Computerraum für den Wahlkurs „Informatik“. Laptop und Smartphone sind heute meine Hauptwerkzeuge, ohne die ich meine Arbeit nicht machen könnte.

Bangkok
Blick über BangkokCC BY-SA 3.0/ wikipedia.org Terabyte

Mein Sohn wird viel mehr Technologie nutzen, die heute noch nicht existiert. Ich möchte, dass er lernt damit umzugehen, neugierig ist, sich selber kontinuierlich weiterbildet.  Nicht, damit er eine Drohne für die Industriearbeit wird - diese Jobs werden auch trotz Wirtschaftsprotektionismus à la Trump und ähnlicher Politik in anderen Ländern wegfallen. Roboter und künstliche Intelligenz werden diese Aufgaben in Zukunft noch viel stärker übernehmen als bisher. Damit mein Sohn sich diese Technologien zu Diensten machen kann, um selbstbestimmt in einem Job arbeiten zu können, der ihn glücklich macht und wirtschaftlich auf eigene Beine stellt, braucht er entsprechende Bildung.

Technologien als Chance nutzen

Dabei wünsche ich mir als Liberaler Unterstützung von unserem Staat: Angemessene Ressourcen in den Schulen und Lehrer, die Technologie nicht aus dem Klassenraum verbannen, sondern sinnvoll im Unterricht einsetzen. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mit ihnen unsere Kinder für die Chancen der Technologie begeistern und ihre Neugier wecken; sie befähigen, Gefahren für sich und Risiken für unsere Gesellschaft zu erkennen und zu reagieren. Sie sollen ihre Daten und Privatsphäre schützen. Sie sollen gegen Fake News gewappnet sein, aber auch das Internet nutzen, um sich ein umfassendes Bild von der Welt zu machen. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder mit ihrer Arbeit (5.0?) erfolgreich werden und ein glückliches Leben führen können.

Auch wenn man es in mancher Behörde, in manchem Betrieb und in der öffentlichen Diskussion in Deutschland nicht immer merkt – viel von dieser digitalen Zukunft ist schon da. In Asien bewegt die Digitalisierung alle Länder von Kambodscha bis Korea, unabhängig vom Entwicklungsstand. Höchste Zeit, dass wir auch in Deutschland die Digitalisierung ernst und in die Hand nehmen. Auf Facebook schaue ich mir unsere Videos zur neuen Arbeitswelt an.  Eigentlich wünsche ich mir vieles davon schon jetzt, denn es macht mein Leben, die Verknüpfung von Familie und Beruf, den spannenden Austausch mit der ganzen Welt, einfacher und besser.

Meine ständige Erreichbarkeit, wird mir klar, ist eine Managementfrage. Für den nächsten Workshop habe ich eine Abwesenheitsnotiz gesetzt und meine dringenden Projekte delegiert. Falls meine Kollegen das hier lesen: Ich bin in einem Moderationstraining und diese Woche schlecht erreichbar. Was ich spannendes lerne, stelle ich auf Confluence. Diesen Text zu unserem Thema Arbeit 4.0 habe ich aber noch für euch fertig geschrieben. Dankesnachrichten gerne per Whatsapp ;)

Armin Reinartz ist Projektberater der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Asien.