Vom Moloch zur Smart City

Wie eine App Bürgerbeteiligung, Fortschritt und Wettbewerb nach Jakarta bringt

Analyse15.06.2017Farina Owusu und Moritz Kleine-Brockhoff
Smart City Workshop
Smart City Workshop im Stiftungsbüro in JakartaFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Jakarta, die Hauptstadt des riesigen Schwellenstaates Indonesien, hat keinen allzu guten Ruf. In dem heißen, überfüllten 15-Millionen-Moloch ist die Luft schlecht und der Stau fürchterlich. Wolkenbrüchen folgt Überschwemmung. Nur vereinzelt gibt es Bürgersteige oder öffentlichen Schienennahverkehr. Praktisch niemand traut sich, Fahrrad zu fahren. Mit Ausnahme neuer, öffentlicher Busse, die eine eigene Fahrspur bekamen, hatte sich die Stadtregierung seit Ende der 1990er Jahre um kaum etwas gekümmert. Die Infrastruktur blieb bescheiden, immer mehr Autos und Mopeds verstopften die Straßen. So nahm die Mobilität dramatisch ab. Und auch ansonsten nahm sich niemand Problemen an. Doch seit drei Jahren tut sich plötzlich vieles: U-Bahn, Hochbahn, Brücken, Tunnel und Bürgersteige sind in Bau. Parks werden geschaffen oder verschönert, Kanäle gesäubert, verbreitert und befestigt. Sogar die ersten Fahrradspuren wurden markiert. Im Rathaus gibt es eine „Smart City Lounge“, in der bislang viele Daten gesammelt, allerdings nur wenige Probleme der Stadt gelöst werden.

Rot – gelb - grün

Ein Smart-City-Lichtblick samt greifbarem Fortschritt ist eine App, die Bürgerbeteiligung, Subsidiarität, Rechenschaft und Wettbewerb vereint. Sie heißt „Qlue“, jeder Bürger kann sie sich kostenlos auf sein Smartphone herunterladen. Nach der Anmeldung mit wahrem Namen oder mit Pseudonym geht´s los: Stört in der Nachbarschaft irgendetwas, zum Beispiel ein gefährliches Schlagloch in einer Straße, kann der Nutzer der Qlue-App ein Foto davon machen und zusätzlich ein paar Worte heraufladen, die den Missstand schildern. Die genaue Position des Schlagloches wird automatisch per GPS erfasst. Die Mitteilung landet bei Beamten der Stadt - allerdings nicht zentral im Rathaus, wo sie angesichts von 900 Beschwerden pro Tag überfordert wären. Foto und Bericht landen gleich bei einer der 262 Nachbarschaftsverwaltungen Jakartas, und zwar bei derjenigen- GPS sei Dank- die für die Gegend zuständig ist, in der das Schlagloch Ärger macht. Verschiedene Beschwerde-Kategorien wie Müll, Parken oder Überschwemmung sorgen dafür, dass die Mitteilungen dort auch gleich auf dem richtigen Schreibtisch ankommen. Beschwerden werden in der App zunächst rot und mit dem Status „Warten“ markiert. Sobald sich Beamten kümmern, wird gelb „in Bearbeitung“ angezeigt. Ist die Stelle auf der Straße neu geteert und das Schlagloch verschwunden, tauchen ein grünes „erledigt“ sowie ein Beweisfoto auf.

Beamte sind durch Erfolgsprämien motiviert. Bei Faulheit werden ihnen Versetzung oder Degradierung angedroht. Niemand kann sich verstecken, denn Qlue schafft transparenten Wettbewerb. „Selong hat in den vergangenen zwei Wochen 90% von 31 Mitteilungen erledigt“, teilt Qlue mit, wenn man die App im Jakarta-Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit öffnet, das in der Nachbarschaft Selong liegt. Im stadtweiten Erledigungs-Wettbewerb der 262 Nachbarschaften, bei dem Qlue alle Vorgänge seit dem Start der App vor drei Jahren erfasst, liegt unsere Nachbarschaft Selong allerdings nur auf Platz 171. Mittlerweile nutzen 600.000 Bürger Qlue, drei Viertel von ihnen regelmäßig. Die App kürt auch den Champion der Bürgerbeteiligung, derzeit führt jemand, der unter dem Pseudonym „Fei19“ am aktivsten war und ist. Die App sorgt dafür, dass Straßen besser werden, weniger Metallstreben aus Gehwegen herausragen, Straßenbeleuchtung wieder funktioniert und Müll schneller abgeholt wird, statt an irgendeiner Ecke verbrannt zu werden. Überhängende Baumäste, verstopfte Kanalisation samt Überschwemmung nach Regenbrüchen, gefährlich niedrig hängende Stromleitungen und parkende Autos, die Straßen versperren: Qlue nötigt Beamte, sich zu kümmern. Wer heute durch eine Baustellen-Absperrung ein Nadelöhr und Stau verursacht, sich an der Baustelle aber nichts tut, der kann sich einer Beschwerde gewiss sein. Qlue-Nutzer können per App mit Beamten chatten. Sobald eine Mitteilung online ist, kann man kommentieren, wie recht der Mitbürger doch hat oder dass er sich nicht so anstellen soll. In Selong sorgte die Beschwerde über regelmäßige, jeweils stundenlange Lautsprecherbeschallung der Nachbarschaft durch die lokale Moschee für eine rege Pro- und Kontra-Diskussion bei Qlue. Sie ebbte ab, als „GustiJKT“, der sich beschwert hatte, einen Link zu den Regularien des Religionsministeriums hoch lud: danach dürfen Moscheen ihre Lautsprecher nur fünf Mal pro Tag beim Ruf zum Gebet kurz anstellen und nach außen richten. Allerdings steht die Beschwerde vom 9. März immer noch rot in der Rubrik „Warten“, weil die Moschee die Nachbarschaft dauerbeschallt wie eh und je. Qlue ist also nicht allmächtig.

Spaß und Nutzen verbinden

Bei allem Fortschritt in manchen Bereichen: Jakarta ist noch lange nicht so ordentlich wie Stockholm und wird es wohl nie werden. Aber immerhin tut sich endlich etwas. Außer der Tatsache, dass Qlue manche Probleme löst, ist die App aus vielen weiteren Gründen populär. Indonesier sind verrückt nach Smartphones, Sozialen Medien und Spielereien. Qlue-Nutzer werden in ihren Profilen samt Avatar dargestellt, also mit kleinen Figuren, die man sich aussuchen kann. Wer bei Qlue besonders aktiv ist, wird mit Avatar-Accessoires belohnt, mit Kleidung zum Beispiel. Wird die App sehr oft genutzt, werden immer mehr Gestaltungsmöglichkeiten freigeschaltet. Bürgerbeteiligung soll nutzen und Spaß machen. Was auf Qlue gepostet wird, kann über andere Soziale Medien weiterverschickt werden. Auch ohne Herunterladen der App kann man von jedem Computer der Welt verfolgen, wie Qlue Jakarta übersät: https://mycity.qlue.id/.

Die App wurde als „Public-Private-Partnership“ von dem indonesischen Unternehmen PT TerralogiQ Integrasi Solusi in Kooperation mit der Stadt Jakarta geschaffen. Stillstand der Stadt, geringes Vertrauen in Behörden und mangelnde Transparenz waren Ansporn für die Entwicklung der App. „Wir wollen Menschen eine Stimme geben. Wir wollen positiven Wandel“, sagt Rama Raditya, der Qlue als Start-up gründete. Vergangenen Monat kam ein neuer Investor dazu, jetzt ist Qlue laut Raditya etwa acht Millionen US-Dollar wert. Die App wird mittlerweile in 13 Städten Indonesiens genutzt. Mittelfristig plant der Chef, seine App nach Thailand, Malaysia und auf die Philippinen zu bringen. Raditya sagte dem online-medium Tech in Asia, seine Investoren glaubten, der Erfolg der App in Indonesien hinge damit zusammen, dass „Indonesier sich so gerne beschweren“. Nicht auszudenken, was die App in deutschen Städten anrichten würde.

Plötzlich war Geld da

In Jakarta ist die Qlue-App Teil des Smart City Konzepts der Stadtverwaltung. Die Wende vom Stillstand zum Fortschritt war 2012 eingeleitet worden, als zwei Politiker mit populären Spitznamen - Jokowi und sein Vize Ahok – als Gespann Jakartas Gouverneurs-Wahl gewannen. Die beiden dämmten Korruption ein, unter anderem durch ein E-Budget, das Betrug sichtbar machte. Plötzlich versickerten Haushaltsmittel, jährlich zuletzt umgerechnet 4,8 Milliarden Euro, nicht mehr so wie früher. Plötzlich war Geld da für den Bau neuer Infrastruktur. Als Belohnung für gutes Regieren gewann Jokowi 2014 Indonesiens Präsidentschaftswahl, er ist seitdem Staats- und Regierungschef. Sein Vize Ahok rückte zum Gouverneur auf und startete das Smart City Konzept samt Qlue-App. Beamte grummelten, weil sie die App drei Mal täglich öffnen und sich an die Arbeit machen mussten. „Diktator!“, beschimpften sie ihren Chef. Ahok, so berichtete die Zeitung Jakarta Post, blieb ungerührt: „Ich verstehe das nicht. Wenn sie den Bürgern nicht helfen wollen, warum sind sie dann Beamte geworden?“ Gouverneur Ahok erreichte viel in Jakarta und war lange sehr beliebt. 70% der Bürger waren mit seiner Arbeit zufrieden. Leider hängten ihm seine politischen Gegner vergangenes Jahr ein Verfahren wegen angeblicher Blasphemie an. Er habe, so die Anklage, in einer Rede den Koran beleidigt. Das Gerichtsverfahren schadete Ahoks Ruf und kostete ihn in diesem Jahr seine Wiederwahl. Er erreichte in einer Stichwahl im April nur 42% der Stimmen. Mittlerweile haben Richter ihn zu zwei Jahren Haft verurteilt. Ahok sitzt seit Mai im Gefängnis. „Zukunft von Ahoks Smart City Programm fraglich“, titelte nun das online medium ASIAN Correspondent. Im Moment laufen die Programme weiter. Doch was mit ihnen passiert, wenn der Wahlgewinner, Anies Baswedan, im Oktober sein Amt als neuer Gouverneur Jakartas antritt, ist bislang unklar.

Farina Owusu ist Praktikantin im Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit Jakarta, das Moritz Kleine-Brockhoff leitet.

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Moritz Kleine-Brockhoff
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Jakarta
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