Kultur

„Die Feinde der Demokratie müssen nicht mit Hakenkreuzen um die Ecke kommen"

Bestsellerautor Volker Kutscher im Interview mit Freiheit.org

Meinung15.11.2018Carolin Wilewski
Bestsellerautor Volker Kutscher nach der Lesung in der stimmungsvollen Aula Schwerin
Bestsellerautor Volker Kutscher nach der Lesung in der stimmungsvollen Aula SchwerinFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Volker Kutscher ist der Autor der Stunde. „Babylon Berlin“, die von Kritikern gefeierte Serie und teuerste deutsche TV-Produktion aller Zeiten, basiert auf seinem Roman „Der nasse Fisch“, der erste von bislang sieben Romanen über den Kommissar Gereon Rath im Berlin der ausgehenden zwanziger und dreißiger Jahre.  Während die Serie noch den Glamour der Goldenen Zwanziger vermittelt, spielt sein neues Werk „Marlow“ in der düsteren Zeit des Nationalsozialismus.

In Deutschland schreibe keiner so gute historische Kriminalromane wie er, urteilte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schon 2014. Die Leser geben den Kritikern recht: Das Buch steht auf Platz drei der Spiegel Bestsellerliste – daraus las er während seiner ausverkauften Lesung vor über einhundert Gästen in Schwerin. Ganz bewusst, sagte er während der Lesung, hätte er die Geschichte so angelegt, dass sie von der Weimarer Republik bis in den Nationalsozialismus reichen würde. 

Volker Kutscher sei mit „Marlow“ ein „grandioses Zeitporträt, das weit über einen Kriminalroman hinausgeht und den Alltag im Dritten Reich auf beklemmende Weise nachvollziehbar werden lässt“ gelungen, heißt es im Deutschlandfunk. Mit Carolin Wilewski sprach der Autor über jenen Alltag im Nationalsozialismus, Antisemitismus, die Herausforderungen der Charakterzeichnung vor geschichtlichem Hintergrund, das Verteidigen der Demokratie heute und die große Frage nach dem „Warum“.

Freiheit.org: Gereon Rath ist eine ambivalente Figur. Er ist immer mal wieder sympathisch, andererseits hebt er, obwohl er kein Nazi ist, beim Nürnberger Reichsparteitag den Arm zum Hitlergruß – wenn auch getragen von der Masse. Haben Sie ihn bewusst als weniger strahlenden Held konzipiert?

Volker Kutscher: Das war ganz bewusst so gewählt, die charakterlichen Defizite wie auch sein politisches Desinteresse. Gereon denkt: ,Politik interessiert mich nicht, was soll der ganze Mist, ich bin Mordermittler. Egal ob Kaiser, Republik oder Nazis – Mord ist immer ein Verbrechen.‘ Nach und nach merkt er aber, wie naiv diese Sichtweise ist. Ich habe ihn aus zwei Gründen so gezeichnet: Erstens mag ich perfekte Helden auch als Leser nicht, und ich schreibe die Bücher, die ich selbst gern lesen würde. Der zweite Grund, vor allem für Raths politische Naivität: Meine Romanreihe ist ein Experiment, ich begleite unterschiedliche Figuren auf ihrem Weg von der Demokratie ins Dritte Reich und in die Veränderungen, die diese Zeiten mit sich bringen, und Gereon Rath ist die wichtigste dieser Figuren. Wenn ich da jemanden hätte, der gleich ganz klar sieht, wohin die Reise geht, und ganz aufrecht ist, der würde ja sofort in den Widerstand gehen. Das fände ich aber langweilig. So einfach war es eben nicht, die Dinge zu erkennen. Die Leute wussten am 30. Januar 1933 nicht, dass das Dritte Reich angefangen hat. Da hat Hindenburg erst einmal wieder nur einen neuen Reichskanzler ernannt, den dritten innerhalb von neun Monaten. Dann haben die Nazis ihre Macht ziemlich schnell gefestigt, als sie ihre politischen Gegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften brutal ausschalteten. Viele brave Bürger, haben das sogar begrüßt: Endlich hat jemand die vermeintliche kommunistische Gefahr beseitigt, vor der sie so gezittert haben. Mit Hindenburg ist 1934 dann auch die Illusion gestorben, die alten Eliten aus der Kaiserzeit, Papen und Co., die Hitler überhaupt erst ins Amt gehievt hatten, würden im Zweifel schon aufpassen, dass die Nazis es nicht allzu wild treiben.

Wie schlimm es werden würde, war den meisten Deutschen zu Beginn des Nationalsozialismus noch nicht bewusst.

Natürlich nicht. So schnell geht man ja auch nicht in den Widerstand oder emigriert. Erst einmal wartet man ab und hofft, dass sich die Dinge wieder ändern. Wie ist es denn heute, wo die Rechtspopulisten in Europa und in Deutschland immer stärker werden? Wann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem ich sage: Ich wandere aus? Und wenn ich das tue, ist das dann auch das Richtige und nicht einfach feige? Solche Gedanken haben sich viele Deutsche in den ersten Jahren nach 1933 auch gemacht, das ist schon ein schwieriger Schritt, die Heimat zu verlassen. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten auch nicht das Geld hatten, auszuwandern.

Die Diskriminierung und zunehmende Stilisierung zum Feindbild, beispielsweise durch nationalsozialistische Zeitungen wie den „Stürmer“ und den Erlass der Nürnberger Gesetze, werden auch in Ihrem Roman thematisiert. Trotzdem fühlten sich viele Juden nicht so bedroht, dass sie auswanderten. Vielmehr dachten sie, weil sie beispielsweise im Ersten Weltkrieg gekämpft hätten, würde ihnen nichts geschehen.

Viele Juden waren deutsche Patrioten. In keinem anderen Land in Europa haben sich die Juden so integriert gefühlt, nirgends so sehr zu Hause wie in Deutschland. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg, in dem viele jüdische Deutsche für ihr Vaterland gekämpft hatten. Juden hatten entscheidenden Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands schon im Kaiserreich, sie trugen einen Großteil zur enormen wissenschaftlichen und kulturellen Blüte in den Zwanzigerjahren bei. Von diesem Aderlass, der durch die Vertreibung und Ermordung der deutschen Juden intellektuell und kulturell erfolgt ist, hat sich Deutschland bis heute nicht erholt. Gerade als die deutschen Juden glaubten, sie seien endlich akzeptiert und gehörten dazu, kamen die Nazis und machten den Antisemitismus zur Staatsdoktrin. In der Geschichte des Judentums hat es oft Zeiten der Verfolgung und Diskriminierung gegeben. Man dachte zu Beginn schlicht: Wir haben schon so viel durchgestanden, das stehen wir auch noch durch, das geht schon wieder vorbei. Dass es nicht nur auf Diskriminierung und Ausgrenzung, sondern auf Ermordung hinausläuft, wurde vielen erst in der Reichspogromnacht 1938 klar – im ganzen Land brannten Synagogen, überall gingen die Schaufenster zu Bruch, Menschen wurden ermordet, nur weil sie Juden waren.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie bei Ihrer Recherche sehr akribisch vorgehen.

Mir ist grundsätzlich sehr wichtig, dass solche Dinge stimmen. Die Kriminalgeschichte in „Marlow“ ist wie immer rein fiktiv, die historischen Fakten wie die Feindschaft zwischen Göring, Heydrich und Himmler stimmen und an die knüpfe ich an. Fiktion ist ja, wenn man so will, eine Lüge, alles ist glattweg erfunden, hat so nie stattgefunden, auch wenn historische Figuren mit Gereon Rath und Johann Marlow reden, denn die beiden hat es nie gegeben. Doch Fiktion ist eine Lüge, mit deren Hilfe man sich der Wahrheit annähern kann. Einer der Gründe, warum ich diese Romane schreibe, ist die Frage: Wie konnte das passieren? Wie konnte aus der Weimarer Republik, die ich wirklich, je länger ich mich damit beschäftigt habe, gar nicht so schlecht fand, wie sie uns in der Schule dargelegt wurde – von vornherein zum Scheitern verurteilt –, das Dritte Reich werden? Eine noch schlimmere Diktatur kann man sich kaum vorstellen. Da kippt ziemlich viel um in relativ kurzer Zeit.

Sind Sie auf eine Lösung gekommen?

Es gibt ja nicht die eine Lösung, die eine Antwort. Auch die Geschichtswissenschaft gibt viele Antworten: Das Bürgertum guckte nur nach links, die Wirtschaft wollte sich der Nazis bedienen, die Arbeiterschaft war gespalten, da gibt es eine Million Antworten – doch trotzdem: Warum? Die Frage bleibt. Und da glaube ich, dass die Fiktion mehr und andere Dinge kann als die Geschichtswissenschaft, weil es da um sehr menschliche Sachen geht, um Empathie, sich hineinzuversetzen in das Denken, Handeln und Fühlen anderer Menschen.

Das machen Sie mit Ihren einzelnen Figuren: Marlow ist bei der SS, Gereon ist eine Art stummer Beobachter, Charlotte ist schon widerspenstiger und verweigert beispielsweise den Hitlergruß.

Ich schicke sehr unterschiedlich angelegte Charaktere in diese Zeit hinein und gucke, wie sie mit diesen Veränderungen umgehen. Dieses Hineinversetzen als Leser und auch als Autor hilft, zu verstehen. Ohne dass man dieses Verstehen genau benennen kann. Aber es kommt etwas ins Rollen, Gedanken werden angestoßen, was für das Verständnis von Geschichte durchaus wichtig ist. Es gibt verdammt viele Leute, die sagen, was soll ich mit Geschichte, das interessiert mich nicht. Das ist fatal – für mich ist Geschichte enorm wichtig, weil sie erklärt, warum wir so leben, wie wir leben. Nichts ist selbstverständlich, auch unsere Demokratie und unsere Freiheit nicht.

Wie kann uns Geschichte in Hinblick auf die heutige Entwicklung nützlich sein?

Geschichte wiederholt sich nicht: Wenn man die AfD mit der NSDAP vergleicht, wird uns das nicht weiterhelfen. Es geht uns heute wirtschaftlich deutlich besser als zu Weimarer Zeiten. Damals hatte die Republik auch deutlich mehr Feinde. Weimar kommt nicht wieder. Aber man kann aus bestimmten Fehlern, die damals gemacht wurden, lernen. Wir müssen mehr aufpassen und gegen alle Feinde der Demokratie rechtzeitig Stellung beziehen. Es sind nicht nur die Rechtspopulisten. Zum Teil sind es auch Leute, die sich gegenseitig spinnefeind sind; Rechtspopulisten und Islamisten, aber gegen die Demokratie sind sie beide. Da muss man aufpassen. Es geht nicht darum, was das Gefährlichere ist – allem und jedem, was der Demokratie und dem Rechtsstaat gefährlich werden kann, muss man als Demokrat entgegentreten, muss die Augen offenhalten, darf keine Seite verharmlosen. Das ist eigentlich eine ganz einfache Sache. Eine Demokratie muss wehrhaft sein.

Dafür scheint das Bewusstsein heutzutage bei manchen Menschen weniger ausgeprägt zu sein.

Weil wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, weil wir es als selbstverständlich ansehen, dass wir in der Bundesrepublik in einer Demokratie leben. Da macht sich eine gewisse satte Gleichgültigkeit breit, die vielleicht auch in einem Desinteresse an Geschichte ihre Ursache hat. Wir nehmen unsere Freiheit als selbstverständlich und sehen nicht, dass das Errungenschaften sind, Errungenschaften, für die andere Menschen in der Vergangenheit gekämpft haben, für die nicht wenige auch gestorben sind. Errungenschaften, für die wir froh und dankbar sein müssten, denn im Großteil der Welt sieht es anders aus. Die Mehrheit der Menschheit genießt nicht die Freiheiten und die Sicherheit einer liberalen Demokratie. Die Einstellung ist oft: Wir haben diese Freiheiten, das ist eben so – nein, die können auch ganz schnell wieder weg sein. In den Jahren 1929 bis 1933 sieht man, wie schnell so etwas vorbei sein kann. Um sich das zu vergegenwärtigen, ist es wichtig, sich mit Geschichte zu beschäftigen.

Längst nicht alles in Deutschland ist perfekt, aber die Grundlagen – dass wir in einer liberalen Demokratie leben, in einem Rechtsstaat mit den entscheidenden Freiheiten –, dafür sollten wir uns einsetzen. Jedem, der daran sägt und auch nur einen Aspekt davon abschaffen will, auf die Finger klopfen. Wenn man sieht, was in Ländern wie Russland oder der Türkei passiert – die nennen sich Demokratie, aber Pressefreiheit und Rechtsstaat stehen da nur noch auf dem Papier. So schlimm ist es bei uns zum Glück noch nicht. Aber: Wehret den Anfängen. Die Feinde der Demokratie müssen nicht unbedingt mit Hakenkreuzen um die Ecke kommen.