Jamal Khashoggi

Verschwundener Journalist – oder: Der Stoff, aus dem gute Thriller sind

Wie reagiert die westliche Welt auf den Skandal?

Nachricht16.10.2018Dr. Hans-Georg Fleck
Im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul verschwand der Journalist
Im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul verschwand der JournalistNiyazz / iStock / Getty Images Plus

Seit zwei Wochen beschäftigt sich die Türkei – neben den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf das tägliche Leben – intensiv mit dem in Istanbul verschwundenen oder evtl. gar ermordeten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi (59) (türk. Cemal Kaşıkçı). Dabei erfüllt die Geschichte alle Voraussetzungen für einen gelungenen Polit-Thriller. Die Türkei wirft Saudi-Arabien vor, den Dissidenten während seines Besuchs im Generalkonsulat der Erbmonarchie in Istanbul umgebracht zu haben. Ein spezielles Killerkommando" soll hierfür eigens aus Riad eingeflogen worden sein. Riad dagegen dementiert bisher jegliche Verwicklung in das Verschwinden oder den Tod des im Ausland lebenden Khashoggi. Man ist aber den Beweis schuldig geblieben, dass er das Konsulat lebend verlassen hat. 

„Glaubhafte Ermittlungen“ fordern Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Laut „CNN“ bereite Saudi-Arabien eine Erklärung vor, dass der Journalist während eines „Verhörs, das außer Kontrolle geriet“ ums Leben gekommen sei. Doch wie konnte es zu diesem Drama kommen – und wie reagierten die Türkei und die westliche Welt?

Einen Auszug zum Thema aus dem aktuellen Türkei-Bulletin lesen Sie hier.

Türkische Medien berichteten von einem 15-köpfigen „Killerkommando", das eigens für die Tötung des Dissidenten aus Riad eingeflogen worden sein solle. Aufnahmen von Sicherheitskameras zeigen, wie mehrere Saudis mit zwei Privatjets in der Nacht vor dem Verschwinden Khashoggis in Istanbul landen, separat in einem Hotel einchecken und am nächsten Morgen in das nahegelegene saudische Konsulat fahren, bevor sie am späten Abend in vier Gruppen wieder abreisen. Der Tote sei zerstückelt und sofort im diplomatischen Gepäck abtransportiert worden. Bei einem der Männer handelt es sich den Medienberichten zufolge um einen Forensik-Experten. Die türkische „Hofgazette“ Sabah veröffentlichte sogar die Namen der 15 Männer und druckte auch ihre Fotos bei der Passkontrolle ab. Die Männer wurden als Mitarbeiter der saudi-arabischen Sicherheitsdienste oder Vertraute des Kronprinzen identifiziert. In der regierungsnahen Yeni Şafak beschreibt der für seine gewagten Thesen bekannte Chefredakteur Ibrahim Karagül den mutmaßlichen Mord als große Verschwörung, in die neben den Saudis auch – wie in solchen Blättern üblich – Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und vielleicht auch westliche Geheimdienste involviert seien. Möglicherweise sei es ein israelisch-emiratischer Plan, um die türkisch-saudischen Beziehungen zu ruinieren: Dies erinnere wiederum an die ‘Terrororganisation‘ von Fethullah Gülen, die ja 2015 einen russischen Militärjet habe abschießen lassen, um die türkisch- russischen Beziehungen zu hintertreiben.

Saudi-Arabien weist die Berichte über einen Mord scharf zurück; solche Vorwürfe seien gegenstandslos, so ein Vertreter des saudischen Konsulats. Einige Tage später berichtete die Washington Post, es existierten Video- und Tonaufnahmen, die belegten, dass Khashoggi im saudischen Konsulat ermordet worden sei. Das Blatt beruft sich dabei auf türkische und amerikanische Offizielle. Ähnlich berichtet hatte zuvor auch die New York Times unter Berufung auf türkische Sicherheitskreise. Nach Informationen der Zeitung scheut die türkische Seite eine Veröffentlichung der Aufnahmen, um nicht zu offenbaren, wie diplomatische Vertretungen ausländischer Staaten in der Türkei ausspioniert werden. Die türkische Regierung habe US-Regierungsvertretern aber versichert, im Besitz von Aufnahmen zu sein, die keinen Zweifel an der Mordthese lassen. Ankara bestätigte diese Informationen bislang zwar nicht, dementierte sie aber auch nicht. Milliyet und Sözcü berichteten, Khashoggis Smartwatch habe eine Auseinandersetzung im Konsulat aufgezeichnet, die an sein Handy gesendet worden sei, das er seiner vor dem Gebäude wartenden Verlobten gegeben hatte. Demnach habe Khashoggi noch vor dem Betreten des Konsulats eine Aufnahmefunktion an seiner Uhr eingeschaltet. Allerdings zweifeln Experten wegen technischer Ungereimtheiten an dieser Version. Sollte Ankara tatsächlich im Besitz von Aufnahmen aus dem Innern des Konsulats sein, würde der ohnehin bereits zur Staatsaffäre ausgewachsene Fall nochmals eine neue Dimension erhalten.

Nach einigen Tagen des Schweigens und des Aus-der-Distanz-Beobachtens schaltete sich auch das Weiße Haus ein, traditionell ein enger Verbündeter des Königreichs. „Ich bin besorgt‘‘, sagte Donald Trump und fügte hinzu, er hoffe auf eine positive Lösung. „Im Moment weiß niemand etwas darüber, aber es kursieren einige böse Geschichten. Das gefällt mir nicht.“ Sollten die Berichte über den Tod Khashoggis wahr sein, wäre dies ein „tragischer Tag“, twitterte US-Vizepräsident Mike Pence. „Gewalt gegen Journalisten weltweit ist eine Bedrohung der Pressefreiheit und der Menschenrechte‘‘, schrieb er und forderte Aufklärung. Außenminister Pompeo erklärte: „Wir rufen die Regierung Saudi-Arabiens auf, eine gründliche Untersuchung des Verschwindens von Herrn Khashoggi zu unterstützen.“ Auch London zeigte sich über den Stand der Aufklarung enttäuscht. Der britische Außenminister Jeremy Hunt drohte den saudischen Behörden mit „gravierenden Konsequenzen‘‘, sollten sie für das Verschwinden ihres Staatsbürgers verantwortlich sein. „Sollten die Anschuldigungen zutreffen, würde dies gravierende Konsequenzen haben, da unsere Freundschaft und Partnerschaft auf gemeinsamen Werten basiert“, so Hunt. Auch der Pariser Élysée-Palast äußerte sich ähnlich.

Staatspräsident Erdoğan, der die Entwicklungen im Fall Khashoggi von Beginn an intensiv verfolgt hatte, erklärte in Budapest auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, Riad müsse beweisen, dass Khashoggi das Konsulat wieder verlassen habe. Es sei die „politische und menschliche Pflicht“ der Türkei, dem Fall nachzugehen. Einige Tage später wurde Erdoğans Ton gegenüber Riad schärfer: Die Türkei wolle nicht länger „still bleiben“, warnte er und forderte die Herausgabe von Videoaufnahmen aus dem Konsulat. „Ist es möglich, dass es in einem Konsulat, in einer Botschaft kein Kamerasystem gibt?“, fragte Erdoğan rhetorisch. Auch Trump legte einige Tage später nach. Er habe „auf höchster Ebene“ mit Vertretern Riads gesprochen; Washington sei „sehr enttäuscht“ und werde der Sache „auf den Grund gehen“. US- Ermittler seien zur Unterstützung der Untersuchungen in die Türkei gereist.

Noch wird auf die Ankunft der türkischen Kriminalpolizei am Ort des Geschehens gewartet. Medienberichten zufolge gibt es noch Diskussionen, ob auch die Residenz des Generalkonsuls und Fahrzeuge des Konsulats durchsucht werden dürfen. Außenminister Çavuşoğlu kritisierte die mangelnde Kooperationsbereitschaft der saudischen Führung bei der Aufklärung: Saudi-Arabien müsse dem türkischen Staatsanwalt und den Ermittlern endlich Zugang zum Konsulat gewähren.

Weitere Themen: die schwierigen Beziehungen zwischen den USA und der Türkei. Außerdem: Warum die türkische Wirtschaftskrise eine private Rentenvorsorge obligatorisch werden lässt.

Publikationen zum Thema

TÜRKEI BULLETIN 19/18

Inhalt: Verschwundener Journalist – oder: Der Stoff, aus dem gute Thriller sind, ‘Liebling, ich habe unsere Beziehungen zu den USA geschrumpft‘, Wirtschaftskrise: Ja – nein – vielleicht, Privates Rentensystem wird in der Türkei obligatorisch Mehr

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Dr. Hans-Georg Fleck
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Türkei
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