Veranstaltung
„Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft"

Pussy Riot zu Gast der Friedrich-Naumann-Stiftung im Staatstheater Wiesbaden
Pussy Riot im Staatstheater Wiesbaden
Pussy Riot im Staatstheater Wiesbaden © Dirk Beichert Business Photo

Unter Präsident Wladimir Putin hat sich Russland in den letzten Jahren zu einem weitgehend autokratisch regierten Staat entwickelt: Freie Wahlen werden verhindert, Journalisten verhaftet, Demonstrationen durch die Polizei unterbunden. Putin ist sich vieler Unterstützer gewiss: Auch die russisch-orthodoxe Kirche kooperiert mit dem Staat. Ein Treffen von Putin und Kyrill I, dem Vorsteher der Kirche, nahm das Punkrock-Kollektiv Pussy Riot zum Anlass, eine Protestaktion durchzuführen, die weltweit Aufmerksamkeit erhielt: Am 21. Februar 2012 führten die Aktivistinnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, dem wichtigsten Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche, ein „Punk-Gebet“ auf, um gegen die Allianz von Kirche und Staat zu protestieren.

Nach mehrtägigen Untersuchungen wurden die drei Pussy-Riot-Mitglieder Jekaterina Samuzewitsch, Marija „Mascha“ Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa verhaftet. Ihr Prozess erhielt große mediale Aufmerksamkeit und wurde von Künstlern, Politikern und Intellektuellen weltweit scharf kritisiert. Schließlich wurden die Aktivistinnen zu jeweils zwei Jahren Freiheitsentzug im Arbeitslager verurteilt. Die Begründung: Mit dem „Rowdytums aus religiösem Hass“ hätten sie „die soziale Ordnung grob unterwandert“.

Pussy Riot presents »Riot Days«

Basierend auf den Erfahrungen mit Pussy Riot, den zahlreichen Gerichtsprozessen und staatlichen Repressionen sowie über das Leben im russischen Gefangenenlager („Gulag“) verfasste Marija Aljochina ein autobiografisches Buch, das zudem in ein crossmediales Bühnenstück adaptiert wurde: Pussy Riot presents »Riot Days«

Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Karl-Hermann-Flach-Stiftung war das russische Protestkunst-Kollektiv Pussy Riot nun zu Gast im Staatstheater Wiesbaden. 

Nach einer kurzen Einführung durch den Producer und langjährigen Wegbegleiter der Punk-Gruppe, Alexander Cheparukhin, begann die beeindruckende Cross-over-Performance aus Konzert, Kundgebung und Theater. Untermalt von elektronischen Sounds und Livemusik erzählten die Künstler – mal singend, mal sprechend, immer tanzend – die Geschichte von Pussy Riot. Von den ausführlichen Vorbereitungen für das Punkgebet über die Verhaftung und den Prozess bis zu Marija Aljochinas Einsatz für die Rechte von Strafgefangenen in Russland (sie gewann drei von vier Gerichtsprozessen): Pussy Riot elektrisierte das Publikum im altehrwürdigen und restlos ausverkauften Wiesbadener Staatstheater – stets verbunden mit der Botschaft, dass es keine Freiheit geben kann, wenn man sich nicht täglich für sie einsetzt. Und so schloss Pussy Riot ihre Performance mit den Worten „No Pasarán“, kein Zurückweichen vor dem Autokraten.

Cross-over-Performance von Pussy Riot
Cross-over-Performance von Pussy Riot © Dirk Beichert Business Photo

Auf der anschließenden Diskussionsveranstaltung „Punk meets Posh“ diskutierten die Gäste Marija Aljochina, Alexander Cheparukhin, Martin Hammer, Kurator am Staatstheater Wiesbaden, sowie Julius Freytag-Loringhoven, Leiter des Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Moskau, über die Rolle der Kunst in autoritären Systemen. Nach einleitenden Berichten über die große Unterstützung, die die Pussy-Riot-Aktivistinnen im Zuge ihrer Verhaftung erfuhren, entspann sich eine Diskussion über die Rezeption von Pussy Riot in der russischen Gesellschaft. Producer Alexander Cheparukhin berichtete, dass selbst er nicht mit allen Orten einverstanden war, an denen die Gruppe protestierte. Dies spiegle sich in der russischen Gesellschaft wider.

Breite Unterstützung für Pussy Riot

Unabhängigen Umfragen zufolge habe die russische Bevölkerung das Punkgebet sehr negativ empfunden, analysierte Julius Freytag-Loringhoven. Als jedoch der Prozess gegen die Aktivistinnen begann und drei junge Frauen aufgrund eines kurzen Videoclips zu mehreren Jahren im Arbeitslager verurteilt werden sollten, habe es auch in der liberalen Gesellschaft Russlands breite Unterstützung für Pussy Riot gegeben. Auf die Frage, warum das mächtige russische Regime Angst vor fünf jungen Frauen habe, erläuterte Martin Hammer vom Staatstheater Wiesbaden, dass autoritäre Staaten große Sorge vor Imageschäden haben. Künstler, die durch Auslotung des (Un-)Rechts provozieren, müssten aus Sicht des Regimes bestraft werden. Da gleichzeitig eine größere mediale Aufmerksamkeit vermieden werden soll, befinde sich der Staat in einer strategischen Zwickmühle – und so könnten auch fünf junge Frauen zum Problem für ein autoritäres Regime werden. Und tatsächlich, ergänzte Freytag-Loringhoven, hätten sich die Bilder der fünf jungen Frauen in Glaskäfigen vor Gericht ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. So seien die Angeklagten nicht nur als Angeklagte, sondern auch als große Bedrohung für die Gesellschaft inszeniert worden. Die Macht der Bilder wurde – wieder einmal – unterschätzt.

Eine vor diesem Hintergrund bedeutende Rolle, betonte Aljochina, nehmen die zivilgesellschaftlichen Organisationen in Russland ein, darunter auch Kooperationspartner der Friedrich-Naumann-Stiftung, die sich unter dem ständigen Druck staatlicher Repressionen vehement für Bürger- und Freiheitsrechte einsetzen. Doch nicht immer stellen sich trotz der harten und gefährlichen Arbeit auch Erfolge ein – im Gegenteil: Auf die Frage hin, was Pussy Riot mit ihrer Protestaktion 2012 erreicht habe, urteilte Producer Cheparukhin: Viele oppositionelle Liberale in Russland verurteilten Pussy Riot. Oberflächlich sei das Ergebnis also negativ zu deuten. Betrachte man jedoch die heutige Situation, mit Tausenden jungen Menschen auf den Straßen, die für liberale Reformen demonstrieren, so habe auch Pussy Riot als kreative Opposition geholfen, einige Steine ins Rollen zu bringen. Er sei daher optimistisch, dass Russland sich zu einem freieren Land entwickeln werde, als es noch 2012, im Jahr des Punkgebets, der Fall war.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
Jordi Razum
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