Veranstaltung
„Als Journalist konnte ich quasi Löcher in die Mauer bohren“

30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit – Von der mutigen Selbstbefreiung zur selbst gestalteten Demokratie
Teuteberg
Roland Jahn, Gerlinde Sommer und Linda Teuteberg bei unserer Veranstaltung "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit – Von der mutigen Selbstbefreiung zur selbst gestalteten Demokratie“ . Herunterladen

Roland Jahn und Linda Teuteberg sprachen bei unserer Veranstaltung im Erfurter Kaisersaal über ihre persönlichen Wendeerfahrungen, den Umgang mit Stasi-Unterlagen und eine gesamtdeutsche Perspektive für den Umgang mit der Geschichte.

Es war seine ganz persönliche Geschichte, die der Journalist und Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn erzählte. Und es war vor allem eine Geschichte, die den rund 150 Gästen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Einblicke gab, die eher ungewöhnlich sind: In die Arbeit eines einstigen Westjournalisten, der aus dem thüringischen Jena stammt.

Mit „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit – Von der mutigen Selbstbefreiung zur selbst gestalteten Demokratie“ war das Gespräch am Montagabend im Erfurter Kaisersaal überschrieben. Moderiert von der stellvertretenden Chefredakteurin der Thüringischen Landeszeitung (TLZ), sprachen Roland Jahn und Linda Teuteberg, Bundestagsabgeordnete und FDP-Generalsekretärin über Erinnerungen, Probleme und Chancen der Deutschen Einheit. Genau 30 Jahre nachdem Hans-Dietrich Genscher in der Prager Botschaft seine berühmten Worte: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise heute…“, sprach, trafen sich Jahn und Teuteberg in Erfurt. Die Besonderheit der beiden: Während Linda Teuteberg Friedliche Revolution und Wendezeit als Teenager erlebte, war Roland Jahn 1989 bereits aus der DDR ausgebürgert und arbeitete als Journalist für die Medien der Bundesrepublik. Im Gespräch betonte Jahn die Wichtigkeit, die seine Arbeit für ihn hatte – auch und gerade in Bezug auf seine persönliche Vergangenheit in der DDR: „Im Westen angekommen war für mich klar: Deine Mission ist das zu tun, was wichtig ist. Für freie Informationen zu sorgen, als Journalist konnte ich quasi Löcher in die Mauer bohren.“

Das Bohren dieser Löcher war einer der wichtigen Beiträge, die Mauer zu Fall zu bringen. Dabei stand für Roland Jahn fest, dass die Zukunft der DDR mit deren Polit- und Sicherheitsapparat zum Scheitern verurteilt war. Auf die SED-Führung bezogen sagte er: „Egal, was die gemacht hätten: Es wäre immer falsch gewesen. Denn das Fundament des Staates war morsch.“  Linda Teuteberg berichtete wiederum, wie sie die DDR und deren Ende empfand, erzählte von Schwierigkeiten zwischen kirchlichem Elternhaus und Staatsdoktrin und ihrer hohen Anerkennung für die Leistungen derer, die die Mauer zu Fall brachten.

Doch nicht nur Wendeerlebnisse waren es, die das gut einstündige Gespräch bestimmten. Auch der Umgang mit der vormaligen deutschen Teilung, die Differenzen zwischen Ost und West und die Komplexität der wirtschaftlichen Verbindungen wurden thematisiert. Einen besonderen Schwerpunkt bildete der Umgang mit den Menschen aus der ehemaligen DDR. „Wichtig ist, dass wir Respekt für die Biografien haben und zugleich nicht die Leute aus ihrer Verantwortung entlassen“, sagte Roland Jahn und betonte, dass viele Menschen das System durch Tätigkeit aber auch durch Untätigkeit mitgetragen hätten. Auch er selber gehöre dazu, schließlich habe auch er seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee geleistet, weil er sich einfach nicht widersetzt habe.

Doch Jahn und Teuteberg sprachen nicht nur miteinander, auch das Publikum kam zu Wort. Eine gute Stunde lang konnten die Anwesenden Fragen stellen und eigene Statements abgeben, um so eine vielfältige Debatte zu erzeugen. Dabei ging es unter anderem um die Opfer des SED-Regimes, Rente für Frauen, die in der DDR geschieden worden und die Perspektive zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit. „Es muss uns um ein Zusammenleben auf Augenhöhe gehen, darum, sich zusammen erinnern zu können“, sagte Linda Teuteberg dazu.