Tschechien

„...um die Menschen aufzurütteln“

Tschechien gedenkt der Selbstverbrennung des Jan Palach

Meinung15.01.2019Detmar Doering
Jan Palach (* 11. August 1948 in Mělník; † 19. Januar 1969 in Prag) der tschechoslowakischer Student, verbrannte  sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und gegen das Diktat der Sowjetunion selbst. 
Jan Palach (* 11. August 1948 in Mělník; † 19. Januar 1969 in Prag) der tschechoslowakischer Student, verbrannte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und gegen das Diktat der Sowjetunion selbst.  dpa - Bildarchiv

Vor 50 Jahren verbrannte sich Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst  – ein Märtyrer der Freiheit.

Bei dem Geländer am Brunnen des Nationalmuseums zieht er seine Jacke aus und öffnet eine Flasche mit Äther, um sich leicht zu betäuben. Dann gießt er einen Kanister Benzin über seinen Kopf und zündet sich an. Lichterloh brennend springt er über den Zaun und rennt in Richtung des Denkmals des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz. Nach einigen Metern bricht er zusammen und Passanten beginnen, das Feuer mit ihren Mänteln zu löschen. Mit immer schwächerer Stimme sagt er den Passanten, er sei kein einfacher Selbstmörder, sondern es handele sich um einen Protest. Man solle die Aktentasche öffnen, die er am Zaun stehengelassen habe. Ein zufällig vorbeikommender Krankenwagen hält, und der junge Mann wird mit seinen schweren Verbrennungen eilig in ein Hospital gefahren. Es ist der 16. Januar 1969. Jan Palach heißt der Mann, dessen Schicksal damals die Welt bewegte.

Die Behörden reagieren sofort und sperren das Krankenhaus ab. Nur die Mutter und der Bruder dürfen ihn am ersten Tag besuchen, am zweiten Tag besuchen ihn die Studentenaktivisten Eva Bednáriková und Lubomír Holeček, denen er noch einige wenige Botschaften mitgibt, unter anderem, dass seine Aktion ein Fanal gesetzt habe, aber niemand ihm nacheifern solle. Die Verbrennungen dritten Grades, die 85% des Körpers überziehen, sind schwer. Kurz darauf, am 19. Januar 1969, stirbt der zwanzigjährige Student.

Niederschlagung des Prager Frühlings

Die Polizei arbeitete schnell. Die Aktentasche war umgehend sichergestellt. Trotzdem hingen schon in der Nacht nach seinem Tode in ganz Prag Plakate mit seinem Abschiedsbrief, die Freunde und Mitstreiter Palachs illegal gedruckt hatten: „Da unser Land davor steht, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, haben wir uns dazu entschlossen, unserem Protest auf diese Weise Ausdruck zu verleihen, um die Menschen aufzurütteln“, hieß es da unter anderem. Der Aufruf wies auf die Ereignisse im August des Vorjahres hin – der Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes. In den Jahren zuvor hatte sich das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei ein wenig und sehr vorsichtig demokratisch geöffnet und ein erstaunliches Maß an Meinungsfreiheit zugelassen. Das war der Sowjetunion zu weit gegangen und man beschloss, den Liberalisierungsprozess mit militärischer Gewalt von außen zu zerschlagen.

Tausende nehmen am 25.1.1969 in der Altstadt von Prag an der Beerdigung des Philosophie-Studenten Jan Palach teil
Tausende nehmen am 25.1.1969 in der Altstadt von Prag an der Beerdigung des Philosophie-Studenten Jan Palach teildpa - Fotoreport

Die wütende Reaktion der Bürger über diesen Gewaltakt gegen ihre Freiheit war zunächst heftig. Es kam zu äußerst mutigen Reaktionen. Als der Direktor des Flughafens in Prag merkte, dass sowjetische Militärflugzeuge dort landeten, schaltete er den Strom im ganzen Gebäude ab, um so die Invasion ein wenig zu verzögern. Bei dem Versuch von Bürgern, den tschechoslowakischen Rundfunk, der bis zur letzten Sekunde Programme gegen die Besatzer sendete, mit Barrikaden und brennenden Benzinfässern vor den anrollenden Sowjetpanzern zu schützen, kamen am 20. August mehr als 17 Bürger ums Leben.

Ein weltweites Symbol für den Widerstand

Aber bis zum Ende des Jahres hatte sich die Lage beruhigt. Protest gab es hauptsächlich nur noch in studentischen Kreisen. Palach und seine Mitstreiter waren empört über die sich ausbreitende Apathie in der Bevölkerung. Der Student kam aus einem schon zu Zeiten der ersten tschechoslowakischen Republik demokratisch engagierten Elternhaus. Er hatte sich an allen Studentenprotesten gegen die Besatzer beteiligt, galt aber eher als ruhig und introvertiert. Mit seiner Selbstverbrennung hatte er jedoch ein Zeichen gesetzt und seine Botschaft verbreitete sich schnell und ohne, dass es die Behörden verhindern konnten. Palach wurde zum Märtyrer und zum Symbol für die Sache der Freiheit. Sein Name wurde weltweit bekannt. Rund 200.000 Menschen versammelten sich schon am Tag nach seinem Tode auf dem Wenzelsplatz und legten Blumen und Kränze an der Stelle nieder, an der er sich angezündet hatte. Weitere Demonstrationen mit tausenden Teilnehmern folgten. Auch im westlichen Ausland kam es zu riesigen Studentendemonstrationen und Staatsmänner aus weiten Teilen der Welt würdigten die Tat. Papst Paul VI. fasste am 26. Januar 1969 zusammen, was viele über die Tragödie des Selbstmordes eines jungen Menschen und dessen hehre Ziele dachten: „Wir können diese tragische Form des Zeugnisses nicht bejahen, jedoch sollen wir sein Andenken bewahren, da es die Überordnung des eigenen Opfers aus Liebe zu unseren Nächsten zeigt.“

Jan Palacvhs Mutter Libuse Palachová und sein Bruder Jiri bei der Beerdigung in Prag.
Jan Palachs Mutter, Libuse Palachová und sein Bruder Jiri bei der Beerdigung in Prag.picture alliance/CTK

Während die Demonstrationen abklangen, folgte, was Palach eigentlich hatte verhindern wollen:  andere junge Menschen wählten aus Protest den freiwilligen Feuertod.  Schon am 20. Januar 1969, also einen Tag nach Palachs Tod, hatte sich in Pilsen der 25-jährige Arbeiter Josef Hlavatý angezündet. Er starb fünf Tage später. Bekannter wurde die Selbstverbrennung des Studenten Jan Zajíc, der sich am 25. Februar nur wenige Meter unterhalb der Stelle, wo Palach auf dem Wenzelsplatz zusammengebrochen war, in Brand setzte. In Jihlava verbrannte sich am 4. April der Automechaniker Evžen Plocek.

Doch dieser Fall erregte kaum noch überlokales Aufsehen und zeigte, dass sich die Zeiten zu ändern begannen. Im April 1969 war die neue orthodox-kommunistische Regierung unter Gustáv Husák an die Macht gekommen. Die Zensur und die Unterdrückung von Trauerveranstaltungen wurden verschärft. Die wenigen Proteste, die es noch gab, waren schnell niedergeschlagen und erreichten keine Öffentlichkeitswirkung mehr. Palachs Grab an dem für Demonstranten als „Wallfahrtsort“ leicht erreichbaren Prager Olšany-Friedhof wurde geöffnet und der Körper im abgelegenen Všetaty, wo sein Elternhaus steht, begraben. Es war die von den Kommunisten verharmlosend „Normalisierung“ genannte Zeit der Repression. Das Bild Palachs verschwand langsam aus der Öffentlichkeit.

Was bleibt?

Was blieb also von Palach? Dem offiziellen Vergessen stand stets ein unterschwelliges Andenken entgegen. Für die Dissidenten, die sich später mit der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 um den späteren Präsidenten Václav Havel zu Wort meldeten, blieb Palach weiterhin ein moralisches Vorbild. Bei dem zunächst hauptsächlich von Studenten getragenen großen Demonstrationszug des 17. November 1989 (heute ein tschechischer Nationalfeiertag), der die Samtene Revolution und damit den Fall des Kommunismus einleitete, war Palachs Andenken allgegenwärtig. Havel unterstrich dies als Präsident, als er 1991 mit der posthumen Verleihung der höchsten Auszeichnung des Landes, des Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden (I. Klasse), Palach und Zajíc ehrte.

In der Tat gibt es seither eine kaum nachlassende öffentliche Verehrung Palachs, der inzwischen zum eigentlichen Gesicht des Widerstandes gegen die Kommunisten geworden ist. Einer der großen Prachtplätze am Moldauufer wurde schon 1989 nach im benannt. Kurz darauf wurde an dem am Platze liegenden Universitätsgebäude, in dem Palach studiert hatte, eine Gedenkbüste angebracht. Der Bildhauer Olbram Zoubek hatte sie nach der Totenmaske angefertigt, die er am Tag nach dem Tode Palachs abnahm. 2016 stellte man das große Monument Haus der Mutter, Haus des Sohnes des Künstlers John Hejduk am Rande des Platzes auf. An der Stelle, an der er sich angezündet hatte, wurde im Jahr 2000 ein kleines Denkmal für Palach und Zajíc in Form eines Grabhügels mit Kreuz eingeweiht, das von  der Bildhauerin Barbora Veselá und den Architekten Čestmír Houska und Jiří Veselý  gestaltet wurde.

Nicht nur Prag, auch andere Städte in Tschechien würdigen ihn ebenfalls. In seiner Heimatstadt Všetaty soll im August sein Elternhaus als großes Museum eröffnet werden. Schon im Herbst 2018 war der Film Jan Palach, der seine Geschichte eindringlich nacherzählte, ein großer Kinoerfolg in ganz Tschechien. Bereits 2013 hatte sich die dreiteilige Fernsehserie Der brennende Dornbusch (die später gekürzt als Kinofilm erschien) erfolgreich mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Gedenken an Palach ist fast allgegenwärtig.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass gerade Palach im Lande so verehrt wird. Palach war kein Glamourheld. Der sympathische junge Mann wurde von seinen Mitstreitern eher als unauffällig beschrieben. Es ist vielleicht dieses Normalsein, das zum Heldentum erwächst, das Palach so sehr zu einer Identifikationsfigur werden ließ. Und dann ist da noch die Bereitschaft zur Selbstaufopferung und Selbstauslöschung, die für viele Betrachter häufig der ethisch umstrittenste Punkt ist, die aber dennoch Respekt hervorruft. Palach zeigte, dass auch ein Einzelner durch eine Verzweiflungstat einen moralischen Sieg über die Unterdrücker erringen kann.

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Dr. Detmar Doering
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Tschechien
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