Über Fremde schreiben

Drei Auslandskorrespondenten erzählen, welches Bild sie von den deutschen Medien haben

Nachricht10.11.2017Anja Schorr
fremde
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Was ist Fremde? Welches Bild zeichnen die deutschen Medien von Ausländern? Die Stiftung für die Freiheit hat mit Auslandskorrespondenten der russischen Rossijaskaja Gaseta, der italienischen La Repubblica und der niederländischen Zeitung De Telegraaf in der Hochschule Macromedia in Berlin diskutiert. Und dabei festgestellt, dass der Blick von außen doch überraschende Erkenntnisse über das eigene Land bringt.

Es ist die Silvesternacht 2015 auf 2016. In Köln bedrängt eine Gruppe junger Männer, vornehmlich nordafrikanischer Herkunft, hunderte von Frauen. Von sexuellen Übergriffen ist die Rede, über 600 Anzeigen werden erstattet. [1] Das ist der Wendepunkt. Eine Studie von Prof. Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia stellt fest:  Die vormals in deutschen Medien euphorisch beschrieben Willkommenskultur hat sich seit dieser Nacht ins Gegenteil gekehrt. Immer mehr Artikel stigmatisieren Flüchtlinge und Zuwanderer als Angstfiguren und potentielle Gewalttäter.  Der Journalismus-Professor sagt dazu: „Seit den Vorfällen in Köln berichten deutsche Medien viermal so viel über ausländische Kriminalität.“  Er fragt sich: „Warum werden nur ausländische Gewalttäter in den Medien wahrgenommen? Wo bleiben die Geschichten zum Gelingen von Integration?“

Thomas Hestermann sitzt zusammen mit drei Auslandskorrespondenten auf dem Podium eines Hörsaals in der Macromedia-Hochschule, an der er lehrt. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Im Publikum sitzen viele junge Studierende, es gibt Chips und Club Mate in Pappbechern, die golden angestrichenen Wände geben ein warmes Licht. Dennoch ist das Thema ein sehr Ernsthaftes.

Alles für die Quote?

Anna Rose, Korrespondentin der russischen Zeitung Rossijskaja Gaseta, sieht die deutsche Berichterstattung zur Flüchtlingskrise ähnlich kritisch wie Thomas Hestermann: „Mich ärgert es richtig, dass  Meinungsführermedien, namentlich Welt und Bild, die öffentliche Diskussion in puncto Fremdenfeindlichkeit so prägen.“ Laut ihrer Einschätzung würden Bild und Welt damit auch die russische Berichterstattung über Deutschland beeinflussen, da sie Themen auf die öffentliche Agenda setzen, die dann wiederum von russischen Medien aufgenommen werden. „Das ist alles nur spekulativ, sensationell und absolut reißerisch. Und es wird als Gegenseite nie thematisiert, was in Deutschland Ausländern angetan wird.“

Rob Savelberg, niederländischer Journalist vom De Telegraaf erklärt sich dieses Problem auch durch den Quotendruck der Medien. Besonders reißerische Schlagzeilen bringen die meisten Klicks. Dennoch ist er der Meinung, dass deutsche Medien um eine Darstellung von Gegenpositionen bemüht seien: „Erst heute hat die Welt berichtet, dass die Zahl der Anschläge auf Flüchtlingsheime nach wie vor sehr hoch ist. Solche Meldungen kommen zwar, aber es ist natürlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit.“

Die ewigen Klischees

Tonia Mastrobuoni, Korrespondentin der italischen Zeitung la Repubblica, bezeichnet die Reaktionen der Medien nach den Vorfällen in Köln als „richtige Hysterie“.  Neben der Wahrnehmung von Flüchtlingen haben deutsche Medien auch einen großen Einfluss darauf, wie ausländische Politik in Deutschland wahrgenommen werde. „Die italienische Politik ist sehr chaotisch, keine Frage. Aber wie deutsche Journalisten darüber schreiben, finde ich ganz schlimm. Viele Korrespondenten vor Ort sind so festgefahren in ihren Meinungen, dass sie in erster Linie negativ schrieben. Hier kommt immer wieder die italienische Mafia. Dass diese ewigen Klischees nach wie vor bedient werden, ist sehr schade“, so die Halbitalienerin.

Auch Anna Rose ist mit dem Bild deutscher Medien von ihrem Heimatland Russland ganz und gar nicht zufrieden: „Ich muss die deutschen Medien in Russland immer verteidigen. Es ist zwar so, dass deutscher Journalismus ein hohes Niveau hat. Die Fakten sind immer richtig. Aber die Tonalität ist durchweg negativ.“ Besonders irritierend findet sie, dass es in Deutschland üblich ist, Politiker in Zeitungen als Karikaturen dazustellen: „Dass Putin in Deutschland mit einer Pinocchio-Nase dargestellt wird, wird in Russland als sehr respektlos gesehen“, erzählt Anna Rose.

Das Niveau deutscher Medien ist ein Punkt, den auch Rob Savelberg anspricht. Dabei nennt der die Bild-Zeitung als besonders positives Beispiel: „Die fahren dorthin, wo es wehtut, nach Libyen oder Tunesien. Auch die klare Positionierung der Bild gegen die AfD fand ich bemerkenswert.“  Für ihn ein Beweis, dass deutsche Medien auch bereit sind, entgegen der Quote ihre Prinzipen zu verfolgen.

 

Den Live-Stream zur Veranstaltung finden Sie HIER.