Über die Modernität und Aktualität von Friedrich Naumann

Ein Geleitwort von Wolfgang Gerhardt

Meinung28.09.2015Wolfgang Gerhardt
Gerhardt und Naumann
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Potsdam, im August 2009

Friedrich Naumann scheint uns weit weg: Seine Geburt liegt rund anderthalb Jahrhunderte zurück, der Tod ereilte ihn vor neun Jahrzehnten. Viele der sozialen und politischen Rahmenbedingungen, die sein Leben und Wirken prägten, sind verschwunden: das deutsche Kaiserreich, das preußische Junkertum, Europas weltpolitischer Führungsanspruch, deutsche Kolonien in Übersee, das System der europäischen Großmächte etc. Persönliche Erinnerung an ihn gibt es, anders als vor 50 Jahren bei der Gründung unserer Stiftung, auch nicht mehr. Ist es da noch sinnvoll, wenn sich die Arbeit einer politischen Stiftung des 21. Jahrhunderts auf einen Protagonisten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beruft?

Die Modernität und Aktualität von Friedrich Naumann liegt für mich vor allem darin, wie er die Problemlagen seiner Zeit analysiert hat und wie er damit umgegangen ist. So erkannte Naumann sehr früh, dass man damals wie heute in einem Zeitalter der Globalisierung lebte, deren Auswirkungen sich auf nationaler Ebene wenig oder gar nicht einschränken ließen. Naumann wollte dies auch gar nicht: „Wir haben nur die Wahl, ein kleines Volk am Rande der Weltgeschichte zu sein oder zum Freihandel überzugehen.“ Als Naumann dies 1906 schrieb, war für ihn klar, wie die Wahl ausfallen müsste, denn im Freihandel sah er die „denkbar größte Garantie der menschlichen Wohlfahrt“ und deshalb rief er in seiner „Neudeutschen Wirtschaftspolitik“ dazu auf: „Macht Luft, macht alle Häfen frei, lasst uns ein Werkhaus der Völker werden und ein Stapelplatz der Erzeugnisse aller Zonen.“ Wir sollten uns vom damaligen Optimismus Friedrich Naumanns anstecken lassen und die zweite Welle der Globalisierung ebenfalls vor allem als Chance ansehen.

Friedrich Naumann hat aber auch die Probleme des Liberalismus seiner Zeit nicht verkannt. Er hat für ihn neue Strategien und Aktionsformen gesucht, zum Teil selbst – wie bei seinem fulminanten Wahlerfolg in Heilbronn 1907 – erprobt. Vor allem hat er versucht, dem besitz- und bildungsbürgerlich erstarrten Liberalismus neue gesellschaftliche Gruppen zu erschließen. Eine eher kleine Gruppe waren Intellektuelle und Künstler. Naumann hat sich nicht damit begnügt, diese nur gelegentlich anzusprechen, er wollte ihnen dauerhafte Foren bieten, u. a. in seinen Publikationsorganen wie der „Hilfe“, der von ihm 1895 ins Leben gerufenen politisch-kulturellen Zeitschrift. In diesen Kontext gehört auch der „Deutsche Werkbund“, dessen 100. Geburtstages im Jahre 2007 vielerorts gedacht wurde.

Aus heutiger Sicht ist weniger wichtig, welche konkreten Ziele Naumann mit dem „Werkbund“ verfolgte, interessant und beispielhaft ist vielmehr, wie es ihm und seinen Mitstreitern, darunter der junge Theodor Heuss, gelang, ein Netzwerk von intellektuellen Vordenkern, schaffenden Künstlern und innovativen Unternehmern aufzubauen, das bis heute trotz aller zeithistorischen Stürme überlebt hat. Der ursprüngliche „Werkbund“ ist sicherlich auch heute noch ein Modell, wie man liberales Gedankengut in scheinbar unpolitische gesellschaftliche Kreise hineintragen kann.

Eine zweite, weit größere Zielgruppe als die, welche der „Werkbund” bedienen sollte, hatte Friedrich Naumann in den Frauen erkannt. Diese waren damals noch weitgehend vom politischen Leben ausgeschlossen; erste Verbesserungen wurden vor genau 100 Jahren mit dem Reichsvereinsgesetz erreicht, für das sich Naumann sehr stark gemacht hatte. Naumann hatte große Sympathien für die Frauenbewegung, in der er eine Art Freiheitsbewegung ausgemacht hatte und die er für den Liberalismus gewinnen wollte. Das ist ihm teilweise auch gelungen, man denke nur an Helene Lange, Gertrud Bäumer und Marie-Elisabeth Lüders.

Friedrich Naumann war überzeugt davon, dass Liberalismus keine Sache der sozialen Herkunft sei, sondern auch Menschen jenseits des klassischen Bürgertums von ihm profitieren würden. Andererseits sollten die Liberalen sich auch direkt an diese wenden. Nochmals sei die „Neudeutsche Wirtschaft“ zitiert: „Der Liberalismus muß um seiner eigenen Selbsterhaltung willen für die Industrieverfassung sein, für freie Koalition, für Tarifverträge, für Arbeiterschutz, für alles, was den Wert der einzelnen Persönlichkeit in der Menge der Angestellten und Arbeiter erhöht.“

Dieses Zitat belegt, Naumann ging es immer auch um den Ausbau der Freiheit. Sie war für ihn, unabhängig davon, wie weit er sich in Detailfragen vom „klassischen Liberalismus“ absetzte oder diesen kritisierte, das zentrale Element moderner Gesellschaften. Und die Freiheit ging jeden einzelnen etwas an: „Freiheit ist eine ganz persönliche Angelegenheit, und wenn sie das nicht ist, dann gibt es keine freien Staaten und keine freien Kulturen.“ Dieser Satz aus dem 1905 erschienenen „Ideal der Freiheit“ steht auch 100 Jahre später noch im Mittelpunkt der Bildungsarbeit unserer Stiftung. Von daher gesehen, meine ich, war es nur folgerichtig, dass wir den altehrwürdigen Namen unserer Stiftung um den Begriff „Freiheit“ ergänzt haben. Friedrich Naumann hätte dagegen sicherlich keine Einwände gehabt. Denn an seiner grundsätzlichen Bedeutung für die Stiftungsarbeit ändert dies nichts.

Dieser Text stammt aus der Broschüre "Daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.“, die das Lebens und Wirken Friedrich Naumanns thematisiert. Neben dem Geleitwort von Dr. Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, enthält die Publikation u. a. folgende Beiträge:

  • Sein Leben, sein Werk, seine Wirkung von Dr. Barthold C. Witte
  • 100 Jahre danach von Dr. Jürgen Frölich
  • Biografie Friedrich Naumanns
  • Bibliografie Friedrich Naumanns
  • Chronik der Stiftung
  • Reden zum Festakt "50 Jahre für die Freiheit" (19. Mai 2009 in Bonn) von Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler und Prof. Dr. Lord Ralf Dahrendorf

Die komplette Broschüre können Sie sich auf Deutsch und Englisch herunterladen: