Über den Namensgeber
Friedrich Naumann: Ein Leben für die Freiheit

Zum 100. Todestag des Namensgebers der Stiftung
Friedrich Naumann
Friedrich Naumann, Namenspatron der Stiftung. Herunterladen

Wie kommt es, dass ein „wilhelminischer“ Pfarrer und Politiker auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Orientierung für eine freiheitliche Gesellschaftspolitik geben soll und auch kann? Das liegt kurz gesagt daran, dass Friedrich Naumann zwar einerseits ein wirklicher „Wilhelminer“ war, denn seine öffentliche Wirksamkeit zwischen 1888 und 1919 deckte sich fast genau mit der Regentschaft des namensgebenden letzten deutschen Kaisers.

Natürlich beeinflussten ihn die Strömungen und Ereignisse dieser Zeit. Andererseits unterschied sich Naumann von den meisten seiner Zeitgenossen durch seine Weltsicht, seine Offenheit für Neues, sein konzeptionelles Denken und nicht zuletzt sein natürliches Charisma.

Geboren wurde Friedrich Naumann am 25. März 1860 fernab der liberalen Welt in einem kleinen Dörfchen im Westen Sachsens. Das ländliche Leben Störmthals nahe Leipzig war für ihn ebenso prägend wie das orthodoxe Luthertum des Vaters und des Großvaters, welche als Pfarrer amtierten. Zwei Ereignisse änderten die Wahrnehmungen des Heranwachsenden: die Reichsgründung von 1871 und der Wechsel vom Vaters an eine Pfarrstelle im sächsischen Industrierevier, wo der junge Friedrich erstmals Bekanntschaft mit der sogenannten Sozialen Frage machte. Seitdem waren für ihn zunächst einmal das „Nationale“ und das „Soziale“ die bestimmenden politischen Momente seiner Gegenwart.

Erste politische Ambitionen

Die ersten Versuche, politisch Einfluss zu nehmen, standen im Zeichen eines schon als Pfarrer begonnen Networkings: Um sein Beziehungsgeflecht zu stabilisieren, rief Naumann Ende 1894 mit der „Hilfe“ eine Wochenschrift ins Leben, die zunächst im Dienst seines sozialreformerischen Protestantismus stand, sich aber bald zu einem politischen Organ mit sozialliberaler Stoßrichtung wandelte und ihren Gründer um ein Vierteljahrhundert überleben sollte. Weniger erfolgreich war der erste Versuch, parteipolitisch Fuß zu fassen; denn der 1896 gegründete „Nationalsoziale Verein“, der die vermeintlichen Hauptbewegungen des 19. Jahrhunderts organisatorisch vereinen sollte, lebte ganz von den persönlichen Beziehungen des Parteigründers und dessen Publizistik, was aber nicht reichte, um darauf eine eigenständige politische Kraft aufzubauen. Naumann musste dies schmerzhaft bei den Reichstagswahlen von 1898 und 1903 erfahren.

„Alles was wir heute haben von Rechtsbewußtsein, von Staatsbürgergefühl, das kommt aus liberalen Kämpfen  heraus.“

Friedrich Naumann
Friedrich Naumann, 1909

Naumanns Netzwerk ließ sich auch jenseits der Parteipolitik erweitern, wobei Naumann zwei Zielgruppen im Visier hatte. Da waren zunächst die Frauen, die in der Gesellschaft und Politik des Kaiserreiches ein auf Familie und Haushalt begrenztes Schattendasein führten: Weder durften sie - abgesehen von Ausnahmen - berufstätig sein noch sich politisch organisieren. Letzteres taten sie in Form von speziellen Frauenorganisationen dennoch, und die anwachsende Frauenbewegung erreichte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erhebliche Verbesserungen, indem Frauen auch in Deutschland zum Studium zugelassen und bestimmte Bereiche des öffentlichen Dienstes für sie geöffnet wurden. Friedrich Naumann hatte früh das Potential dieser neu ins öffentliche Leben tretenden Gruppe, die ja die Mehrheit der Bevölkerung stellte, erkannt: Bereits der „Nationalsoziale Verein“ fordert

in seinem Programm die Unterstützung der Frauenemanzipation, und Naumann selbst suchte demonstrativ die Nähe zur – bürgerlichen – Frauenbewegung, aus der dann viele engagierte Frauen wie Gertrud Bäumer und Marianne Weber zum Naumanns Netzwerk stießen. Nach seiner Wende zum Liberalismus tat sich Naumann mit diesem Kurs schwerer, weil es unter den organisierten Liberalen mehr Widerstände gegen eine politische Gleichstellung der Frauen gab. Immerhin half Naumann, nachdem er erstmals in den Reichstag gewählt worden war, tatkräftig mit, dass 1908 mit dem Reichsvereinsgesetz Frauen ermöglicht wurde, sich politischen Parteien anzuschließen. Das Frauenwahlrecht konnte er zunächst weder innerparteilich noch parlamentarisch durchsetzen, was aber nicht verhinderte, dass Frauen aus dem Bürgertum weiterhin zu seinen treuesten Anhängern zählten.

Leitfigur des Liberalismus

Friedrich Naumanns große Bedeutung für den Liberalismus war nicht unbedingt vorgezeichnet. Anders als viele liberale Vorkämpfer des 19. Jahrhunderts war er nach Herkunft und Bildungsgang kein geborener Liberaler. Zwar hatte er schon in seiner nationalsozialen Zeit die Schlüsselstellung des Liberalismus erkannt, wenn man das Kaiserreich politisch reformieren wollte. Aber gerade vom wirtschaftlich geprägten Freisinn eines Eugen Richter trennte ihn zunächst ebenso viel wie von den recht konservativen Positionen, die die Nationalliberalen einnahmen. 

Je mehr sich aber zeigte, dass der Aufbau einer neuen „Arbeiterbewegung“, die national orientiert war und deutsche Großmachtambitionen unterstützte, schlichtweg unmöglich war, desto wichtiger wurde der Liberalismus für Naumann. Eine Rolle spielte dabei auch, dass die Unterstützung für ihn und die Nationalsozialen bei den Wahlen eben nicht aus der Arbeiterschaft, sondern aus jenen Teilen des Bürgertums kam, die zwar grundständig liberal orientiert, aber zugleich enttäuscht von den liberalen „Altparteien“ waren.

1903 zog Naumann daraus die Konsequenzen und vereinte den Nationalsozialen Verein mit der linksliberalen „Frei- sinnigen Vereinigung“ von Theodor Barth, in der es unter den liberalen Organisationen die größte Aufgeschlossenheit für Naumanns Reformvorstellungen für die Verfassung des Kaiserreiches und die Positionierung des Liberalismus gab.

„Das erste darum, was wir tun können, um an der allgemeinen Freiheit mitzuhelfen, ist, daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.“

Friedrich Naumann
Friedrich Naumann, 1905

Politische Bildung

Durch seine nicht ganz unerwarteten, dann aber doch überraschenden Tod konnte er auch nicht mehr erleben, welchen Aufschwung eines seiner Lieblingsprojekte nehmen sollte. Schon lange hatte Naumann erkannt, welche Bedeutung in einer liberalen und partizipatorischen Gesellschaft politischer Bildung zukam. Seine gesamte Publizistik war nicht zuletzt darauf ausgerichtet, seine Mitbürger – und auch Mitbürgerinnen – zur politischen Mitwirkung zu bewegen, im besten Fall natürlich im liberalen Sinne. Ohne politische Bildung schien ihm politischer Fortschritt nur schwer erreichbar.

Der Weltkrieg verzögerte, dass dem Ganzen ein organisatorisches Fundament gegeben werden konnte. Aber noch bevor dieser endete, konnte mit finanzieller Hilfe von Robert Bosch mitten in Berlin die „Staatsbürgerschule“ ihre Pforten öffnen. Naumann selbst gab dem Projekt mit seinen bald berühmten gewordenen „Vier Reden an junge Freunde“ den programmatisch-methodischen Unterbau und ließ es sich nicht nehmen, selbst entsprechende Kurse anzubieten.

Die „Staatsbürgerschule“ zielte zunächst auf den liberalen und republikanischen Nachwuchs, fand aber solchen Anklang, dass die Nachfolger Naumanns an ihrer Spitze beschlossen, das Angebot überparteilich zu verbreitern. Nachdem der preußische Staat Zuschüsse zugesagt hatte, wurde im Oktober 1920 an einem prominenten Ort, in Schinkels „Bauakademie“, als Nachfolgeorganisation die „Deutsche Hochschule für Politik“ eröffnet. Ihr Anspruch war weit akademischer als in der „Staatsbürgerschule“ und Zielgruppe war nun die republikanische Verwaltungselite und deren Nachwuchs insgesamt. Auch jenseits der deutschen Grenzen besaß sie großes Ansehen. Denn an ihr lehrten die führenden Köpfe der neuen Republik von gemäßigt konservativ bis gemäßigt sozialdemokratisch. Die Hauptlast des Unterrichts trugen aber Persönlichkeiten aus dem Umfeld Naumanns wie Theodor Heuss, Gertrud Bäumer oder Ernst Jäckh.

„Es wird richtig sein, wenn wir sagen, daß es die Optimisten sind, die die Welt erneuern, daß alles, was an wirtschaftlicher oder sozialer Reform überhaupt entsteht, geschaffen wird von derjenigen Art Menschen, die nicht tot zu machen sind mit ihrem Glauben an die Menschheit und an den Fortschritt.“

Friedrich Naumann
Friedrich Naumann

Aktualität des Erbes

Anders als die „Deutsche Hochschule für Politik“, die nach etlichen, politisch bedingten Umbrüchen schließlich in der „Freien Universität“ aufging, ist die „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ als die eigentliche Erbin der „Staatsbürgerschule“ anzusehen. Das ist insofern nicht verwunderlich, da an ihrer Gründung 1958 etliche beteiligt waren, die Jahrzehnte zuvor dem Naumann-Kreis angehört hatten, allen voran der damalige Bundespräsident Theodor Heuss. Und politische Bildung im liberalen Sinne gehörte von Anfang an zu ihren Kernaufgaben. Naumanns „Vier Reden“ gaben und geben dabei wichtige Orientierung. Insofern steht die nach ihm benannte Stiftung in der Tradition Naumanns, auch wenn die Herausforderungen an den Liberalismus natürlich heute andere sind als vor 100 Jahren.

Es bleibt jedoch weiterhin Aufgabe, „den Eigenwert seines Denkens und Darstellens herauszuarbeiten“, wie es schon Theodor Heuss beim Erscheinen vom ersten Band der „Werke“ seines politischen Mentors einforderte. Dabei kann es sicherlich nicht darum gehen, bei dem „Wilhelminer“ Naumannkonkrete Antworten auf brennende Probleme der Gegenwart zu finden. Aber wie er die Welt gesehen hat, wie er die Probleme seiner Zeit angegangen ist, wen er für den Liberalismus gewinnen wollte, welche Strategien er entwickelte, um Reformen gegen die Kräfte der Beharrung durchzusetzen, das kann auch heute noch durchaus Aktualität beanspruchen. Ungeachtet seiner nicht unproblematischen Seiten,die man nicht verschweigen kann und soll, findet man im Wirken und im Werk Friedrich Naumanns immer noch Orientierungen für liberale Antworten auf politische und gesellschaftliche Fragestellungen des 21. Jahrhunderts.