Türkei
Making the Myth – Türkische Geschichte als Instrument der AKP-Politik

Die Eröffnung zweier Museen zum dritten Jahrestag des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 ist symbolisch für Erdogans Narrativ einer „Neuen Türkei“
Erdogan
Recep Tayyip Erdogan bei einer Kundgebung zum Gedenken des Putsches vom 15. Juli 2016 © picture alliance / AP Images

Zum dritten Jahrestag des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 eröffneten in Ankara und Istanbul zwei Museen, die an diese Nacht gedenken sollen. Anstatt den Putschversuch jedoch in den Kontext gegenwärtiger politischer und gesellschaftlicher Ereignisse zu rücken, wird er von der herrschenden Partei AKP in Zusammenhang mit zentralen historischen Ereignissen gebracht, die vor gut 1.000 Jahren ihren Lauf nahmen. Laura Kunzendorf aus dem Stiftungsbüro in Istanbul analysiert den Geschichtsmythos der propagierten „Neuen Türkei“.

Anlässlich des dritten Jahrestages des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 eröffnen in Ankara und Istanbul zwei Museen, die die Ereignisse der vielleicht folgenreichsten Nacht jüngerer türkischer Geschichte rekonstruieren und gleichzeitig den „Märtyrern“ des Putsches Tribut zollen. Darüber hinaus wird das Museum in Ankara eine Abteilung umfassen, die über die von der Türkei als Terrorvereinigung („FETÖ“) eingestufte und für den Putsch verantwortlich gemachte Gülen-Bewegung sowie terroristische Gruppierungen weltweit informiert. 

So weit, so normal. Was jedoch beim Museumskonzept ins Auge fällt, ist die Tatsache, dass in Istanbul eine zusätzliche Abteilung dem Thema „Kolonialisierung“ gewidmet ist und zudem ein Moschee-Bau an das Museum anschließt. Wer sich jetzt noch wundert, wo die Verbindung zwischen Putschversuch, Kolonialisierung und Religiosität liegt, findet die Antwort nicht etwa in den Ereignissen der Nacht des 15. Juli 2016. Sie erstreckt sich vielmehr über knapp 1.000 Jahre Geschichte, die die herrschende AKP („Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“) seit nun mehr 17 Jahren kontinuierlich für ihre ideologischen Zwecke instrumentalisiert – der Geschichtsmythos der „Neuen Türkei“.

Eine Schlacht ändert den Gang der Geschichte 

26. August 1071: In Manzikert („Malazgirt“ auf Türkisch), in der heutigen Osttürkei, besiegt das zahlenmäßig unterlegene Seldschuken-Heer unter Führung des Sultans Alp Arslan die Byzantiner und nimmt deren Kaiser Romanos IV. Diogenes gefangen. „Geschichtsbanausen“ mögen weder diese Schlacht noch ihre Feldherren ein Begriff sein - in der Türkei jedoch weiß wohl jedes Kind, was es damit auf sich hat. Die emotionale Bedeutung, die in der türkischen Öffentlichkeit, insbesondere seit dem Aufstieg der AKP, der mittelalterlichen Schlacht zugemessen wird, könnte kaum größer sein. Die Schlacht ist ein Epos, ja gleichsam der Gründungsmythos der von Präsident Erdoğan einst proklamierten „Neuen Türkei“: Dank ihr, so lautet die Geschichtserzählung, öffneten sich die Tore des bis dahin christlichen Anatoliens für die muslimischen Vorfahren der heutigen Türken und so wurde der Verlauf der Weltgeschichte grundlegend verändert. Aus der Ansiedlung der Türken in Anatolien entwickelten sich die türkische Dominanz und die Islamisierung der gesamten Region.

Kein Platz für den Islam? 

29. Oktober 1923: Mustafa Kemal Atatürk ruft die Republik Türkei aus und legt den Grundstein für einen säkulär-kemalistischen Staat, in dem Religion in der öffentlichen Sphäre keinen Platz hat. In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung der modernen Türkei nimmt auch die Schlacht von Manzikert (noch) keinen besonderen Platz in den Geschichtsbüchern der Nation ein. Sie wird als ethnische Auseinandersetzung zweier Mächte dargestellt, wobei die zentralisierte Befehlsgewalt innerhalb der seldschukischen Armee höchstens als Argument für die Effektivität eines Zentralstaats im Sinne des Kemalismus genutzt wird. Doch während Atatürk und seine Nachfolger den Islam aus dem öffentlichen Leben zu verbannen suchen, leben besonders in den anatolischen Provinzen des Landes traditionelle, religiöse Werte weiter. 

Rückkehr zu den islamischen Ursprüngen

Mit der zunehmenden Urbanisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden diese Werte zurück in die rasant wachsenden Großstädte gespült. Innerhalb der aus Anatolien zuwandernden Bevölkerungsgruppe bildet sich eine wohlhabende Mittelschicht, die mit ihrer islamischen Prägung den säkularen Eliten Paroli bietet und nun selbst versucht, ihre konservativen Werte in der öffentlichen Debatte durchzusetzen. So kommt in den 1960er und 1970er Jahren zunehmend die Idee auf, die türkische Identität und der Islam seien untrennbar miteinander verbunden. 

Die Verfechter einer türkisch-islamischen Synthese rufen nun auch Manzikert/Malazgirt zurück ins nationale Gedächtnis - es soll als Symbol für die Rückkehr zu den „Ursprüngen“, den traditionell-islamischen Werten, dienen. Sie berufen sich auf zeitgenössische Quellen, aus denen praktischerweise nicht einmal mehr Feindbilder im Sinne der Islamisierung geschaffen werden müssen – denn sie existieren dort bereits! Die ältesten Berichte schildern den Sieg rechtschaffener, aufrichtiger Muslime über ungläubige Barbaren. Durch das Aufgreifen dieser Darstellung wird der Eindruck erweckt, der Triumph der Seldschuken habe der türkischen Nation nicht nur einen Gründungsmythos, sondern auch ein religiöses Erbe hinterlassen.

1071 – Erdogans Glückszahl

An dieser Stelle kommt der heutige Präsident Erdoğan ins Spiel, dessen 2002 an die Macht gelangte AKP u.a.  aus dem Aufschwung islamisch-nationalistischer Ideen hervorgegangen ist: Er erkennt das Potenzial, das die zunehmend ins nationale Geschichtsbewusstsein dringende Schlacht von Manzikert für seine politischen Zwecke bereithält. Mithilfe einer aufwendig zelebrierten Erinnerungskultur an die nahezu 1.000 Jahre zurückliegenden Ereignisse präsentiert er sich selbst als Verteidiger der türkischen Nation und der weltweiten muslimischen Gemeinschaft („Umma“). Gelegenheiten dazu findet er zuhauf: Ein Panorama-Museum zur Schlacht von Manzikert an deren historischem Ort ist in Planung. Bis dahin dient der 2014 fertiggestellte, von Kritikern als Ausdruck von Prunksucht angesehene Präsidentenpalast in Ankara als Denkmal. Erdoğan ließ ihn in der Nähe des Kriegslagers des seldschukischen Sultans Alp Arslan und in Anlehnung an seldschukische Architektur erbauen. Als kleines „Schmankerl“ für Detailverliebte: Die Wohnfläche des Palastes bemisst exakt 1.071 Quadratmeter. Die Jahreszahl der Schlacht scheint Erdoğans persönliche Glückszahl zu sein: Auch die Minarette der erst 2019 eröffneten Çamlıca-Moschee in Istanbul messen – Überraschung – 107,1 Meter. Nun könnte man vielleicht über Erdoğans Zahlen-Versessenheit in Bezug auf Manzikert schmunzeln, würde er die Schlacht lediglich als Inspiration für seine Bauwerke nutzen. In seinen Reden bildet die Schlacht jedoch immer wieder die Grundlage für eine Feindbild- und Machtanspruchs-Rhetorik, die jedes Lächeln schnell gefrieren lässt. 

Geschichte wiederholt sich 

26. August 2017. Bei einer Gedenkrede zu Manzikert zieht Erdoğan direkte Parallelen zum Putschversuch vom 15. Juli 2016 und stellt den Kampf der Türkei gegen den Islamischen Staat (IS) sowie gegen die kurdischen Organisationen PKK und YPG als Wiederholung der Geschichte dar: „Das Spiel ist dasselbe, das Ziel ist dasselbe. Nur das Drehbuch und die Spieler sind unterschiedlich. In diesem Spiel ist FETÖ [die Gülen-Bewegung] das Werkzeug, genauso wie die anderen Terrororganisationen. Unsere Kämpfe sind nicht nur gegen diese Werkzeuge gerichtet, sondern eigentlich gegen die, die sie benutzen.“ Nachdem Erdoğan für den Putschversuch bereits „den Westen“ verantwortlich gemacht hat und diesem wiederholt die Unterstützung von Terrororganisationen (wie der PKK) vorwirft, ist nicht schwer zu verstehen, dass sich seine Ansprache auch an westliche Länder richtet. Dabei scheint er überzeugt, dass die Türkei in der heutigen Zeit, genau wie einst die Turk-stämmigen Vorfahren vor 1.000 Jahren, ihre Widersacher mithilfe des Geistes der Geschichte besiegen könne, wie Erdoğan in einer anderen Gedenkrede verdeutlicht: „Während wir einer Unzahl von Angriffen von innen und außen getrotzt haben, hat unser Volk dank des Geistes von Malazgirt seit fast 1.000 Jahren an diesem Boden festgehalten.“ Der größte Beschützer der Türkei sei „die Entschlossenheit des türkischen Volkes, seine Unabhängigkeit, das Mutterland und seine Freiheit zu verteidigen“ - und zwar auch gegen wirtschaftliche Angriffe, wie er mit einem Seitenhieb auf amerikanische Sanktionen bemerkte.  

Der Feind sitzt im Westen

Manzikert zeigt deutlich auf, wie die AKP durch das Gedenken an traumatische, gewaltvolle Ereignisse Feindbilder schafft – in diesem Fall der christliche Westen, der als kontinuierlicher Feind der Türken dargestellt wird – um in Abgrenzung dazu das Gefühl der türkischen und islamischen Identität der eigenen Bevölkerung zu stärken. Als aparter Nebeneffekt dient dabei die gleichzeitige Ablenkung von sozialen und ökonomischen Problemen bzw. deren Abwälzung auf just denselben Feind - siehe die behauptete Schwächung des türkischen Staates durch den Westen mittels „Terrorunterstützung“ oder Wirtschaftssanktionen. 

Das Osmanische Reich wird von einer Weltmacht zum Nationalstaat

Doch der geschichtspolitische Instrumentenkoffer der AKP hat noch einiges mehr zu bieten: Er bedient sich auch der Stilisierung des Osmanischen Reiches zu einem friedlichen und toleranten Vielvölkerstaat, einem islamischen Weltreich und einer gewaltigen Militärmacht. 

29. Mai 1453. Unter der Führung von Sultan Mehmed II (posthum „Fatih“, der Eroberer, genannt) erobern die Osmanen die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel. Damit wird aus dem osmanischen Emirat des 14. Jahrhunderts endgültig eine Weltmacht. Eine Weltmacht jedoch, deren Glanzzeit im 17. Jahrhundert ihren Zenit überschreitet und die nach dem Ersten Weltkrieg endgültig zerfällt. Nicht jedoch in Erdoğans Geschichtsverständnis. 

24. Juli 1923: Mit dem Vertrag von Lausanne erkennt die Türkei nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und ihrem Sieg im türkischen Befreiungskrieg die Grenzen der heutigen Türkei an und verzichtet auf jeden Anspruch auf weitere Gebiete des ehemaligen Osmanischen Reiches. In der neu gegründeten Türkei wenden sich die Modernisierer des Staates, allen voran Atatürk, von der Dekadenz und der Religiosität des Osmanischen Reiches ab und einer an westlichen Vorbildern orientierten Modernisierung zu. 

Die Türkei besetzt nicht -  sie erobert Herzen 

18. Januar 2016: Erdoğan nennt den Vertrag von Lausanne eine „Schande für die Nation“ und fordert Neuverhandlungen. Diese Forderung steht in einer Reihe politischer Entwicklungen, die westliche Beobachter als „Neo-Osmanismus“ charakterisieren: Versuche der türkischen Regierung unter Erdoğan, den außenpolitischen Einflussbereich der Türkei auf die früheren Gebiete des Osmanischen Reiches auszuweiten und das Land innenpolitisch zu islamisieren. Um dieses Ziel zu legitimieren und voranzubringen, erzeugt Erdoğan mit rhetorischen Mitteln Nostalgie für das glorreiche Osmanische Reich. Durch Verweise auf die gemeinsame Religion und durch die Darstellung seiner eigenen Person als Repräsentant der Interessen aller Muslime weltweit, buhlt er auch um ehemals osmanisch beherrschte Länder des Balkans und türkische Gemeinschaften im Ausland. Er betont das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Völker und Kulturen in der Zeit der Sultane. Dabei zögert er nicht zu behaupten, dass christliche Minderheiten, wie z. B. die Armenier, im Osmanischen Reich freundschaftlich mit Muslimen zusammengelebt hätten, während es erst die Indoktrination der jungtürkischen Modernisierer zu Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen sei, die zu gesellschaftlichen Brüchen führte. Dass christliche Minderheiten Muslimen keinesfalls gleichgestellt waren und dass der armenische Genozid, den Erdoğan bis heute leugnet, zu Zeiten ebendieses Osmanischen Reiches stattfand, ignoriert er dabei geflissentlich. 

Die Länder des Nahen Ostens umwirbt er weniger, sondern stellt den türkischen Anspruch dort als selbstverständlich dar. So erklärte er auf die Frage, was die Türkei im Gazastreifen, Sudan oder Syrien verloren habe: „Wir müssen überall dort hingehen, wo einst unsere Vorfahren gewesen sind.“ Dabei wird jedoch betont, dass die Türkei nie besetze oder zerstöre, sondern „die Herzen erobere“.

 

Der Türkei gebührt eine Führungsrolle 

Anstatt die Milde der osmanischen Eroberer anzuerkennen, erlauben es sich die westlichen Mächte aus Sicht Erdoğans tatsächlich, den Osmanen ihren Sieg von 1453 zu verübeln. Zumindest klingt diese Vermutung an, wenn Erdogan dem „Westen“ vorwirft, die Eroberung von 1453 bis heute nicht verarbeitet zu haben und separatistische Terrororganisationen, insbesondere kurdische, aus purer Rache für 1453 zu unterstützen. Durch diese Geschichtsinterpretation gelangt die Türkei zu einem Selbstverständnis, wonach ihr - dank ihres osmanischen Erbes und auf der Grundlage von Vertrauen und Gerechtigkeit - eine regionale Führungsrolle zustehe. 

Zurück zu den islamisch-osmanischen Wurzeln

Neben der Instrumentalisierung osmanischer Geschichte zu außenpolitischen Zwecken dient diese gleichzeitig der Festigung islamischer Werte im Inneren. In der Erinnerungspflege zur siegreichen Eroberung Konstantinopels wird die AKP nicht müde, Mohammeds Rolle in der Geschichte hervorzuheben. Dieser habe schon im 7. Jahrhundert den künftigen Eroberer Istanbuls gepriesen und soll in Fortführung der erfolgreichen türkischen Geschichte die Nation dazu „inspirieren, die Türkei zu ihren künftigen Zielen 2023, 2053, 2071 zu bringen“. Da Erdogan die konkreten Ziele offenlässt, bleibt zu hoffen, dass er sich zu deren Erreichung nicht der gleichen Mittel bedienen wird wie Atatürk, Sultan Fatih Mehmed und Alp Arslanvor ihm. Unabhängig von dieser Machtanspruchsrhetorik fördert die sprachliche Verknüpfung von Mohammed und der Eroberung Istanbuls die Vermittlung der Idee, dass es des Islam bedarf, um die „Neue Türkei“ voranzubringen. 

Atatürk wird zum Helden der Nation

Um die Macht des religiösen Geistes, der dem türkischen Volk schon zu vielen Siegen verholfen habe, zu demonstrieren, fehlt es der AKP nun noch an einem Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Dafür muss sie jedoch tief in die argumentative Trickkiste greifen, denn das geeignetste Exempel hierfür ist bereits durch kemalistische Geschichtsdeutung besetzt. 

18. März 1915, Erster Weltkrieg: Die alliierten Mächte, voran Großbritannien und Frankreich, brechen nach militärischen Niederlagen an der türkischen Halbinsel Gallipoli ihre Seeangriffe zur Eroberung Istanbuls ab; sie verlieren nicht nur eine Seeschlacht, sondern unterliegen den Osmanen im gesamten Gallipoli-Feldzug. Obwohl das Osmanische Reich im Anschluss den Krieg verliert und zerbricht, wird der Sieg von Gallipoli zum nationalen Mythos. Denn in diesem Feldzug zeigt sich erstmals Mustafa Kemal, der später unter dem Namen „Atatürk“ als Gründer der modernen Republik Türkei in die Geschichtsbücher eingehen sollte, als erfolgreicher Militärstratege. Er wird zum Helden, der die imperialistischen Mächte besiegt und die türkische Nation gerettet hat. Die Schlacht von Gallipoli ist für türkische Nationalisten so das Vorspiel zur türkischen Republik, dass das Ende des imperialistischen Zeitalters und den Beginn des türkischen Nationalstaates einläutet. Auf der Halbinsel Gallipoli werden zum Gedenken zahlreiche Monumente, Militärfriedhöfe und Kenotaphe errichtet. Doch wo und wann immer die Schlacht zum Thema wird - Atatürk spielt dabei die Hauptrolle. Es ist sein Wirken, aus dem sich die Bedeutung der Schlacht in der Erinnerungskultur der türkischen Nation speist - zumindest bis die AKP die Regierung übernimmt.

Göttliche Kräfte entscheiden Sieg über die Kolonialisten

29. Juli 2004. Die türkische Zeitung „Milliyet“ veröffentlicht einen Artikel, in dem von einem „spirituellen Ansturm“ auf die Dardanellen die Rede ist. Der Autor beklagt, dass die Besucher der Kriegsschauplätze die Erinnerung an Atatürk nicht respektierten und die Besuchstouren immer religiöser geprägt seien. Voraufgegangen sind diesem Artikel Versuche der AKP, die Verbindung zwischen dem Gallipoli-Mythos und dem türkischen Staat neu zu definieren. Statt den türkischen Nationalismus durch Heldengeschichten über die Kriegstaten Atatürks und seiner Soldaten zu stärken, soll Gallipoli im Sinne der AKP als Sieg des Osmanischen Reiches, der sich aus dem islamischen Glauben der Soldaten gespeist habe, dargestellt werden. Zugespitzt formuliert: die Schlacht von Gallipoli als Sieg des Dschihad! Dazu werden in den 2000ern zahlreiche neue Touristenführer eingestellt, die Besucher nun nicht mehr zu den auf Atatürk bezogenen Kriegsschauplätzen führen, sondern zu Gedenkstätten, die zu diesem Zweck neu erbaut wurden. Darunter befindet sich z. B. ein gewaltiges Monument, bei dem die Namen der als „Märtyrer“ verehrten Kriegstoten nach osmanischen Bezirken angeordnet sind, sodass das Bild osmanisch-islamischer Bruderschaft der Soldaten impliziert wird. 

Dabei ist nicht nur der Begriff „Märtyrer“ religiös besetzt. Die Reiseführer berichten den Besuchern außerdem über die göttliche Kraft, die den Osmanen zum Sieg verholfen habe. So geschah nicht nur das Verlegen der Minen in den Dardanellen, das letztlich zum Ende der alliierten Seeoperation führte, unter göttlicher Führung; erzählt wird auch von Märtyrern, die auferstanden seien und mit grünen Turbanen gegen den Feind kämpften. 

Diese Entwicklungen haben zu einer Debatte in der Gesellschaft über die Frage geführt: War es taktische Kriegsführung, kurz gesagt: Vernunft, oder war es Gottes Gnade, die die Schlacht entschied? Die AKP hält an Letzterem fest und nutzt den „Geist von Gallipoli“ als Metapher für die entscheidende Funktion religiösen Glaubens. Durch die Darstellung der heldenhaften Soldaten als religiösen Kämpfern wird auch das Türkischsein durch die AKP religiös definiert; schließlich gilt Gallipoli als erster Grundstein für den türkischen Nationalstaat. Doch nicht nur das: Mit dem Sieg in Gallipoli triumphierten die Osmanen mit ihrer multiethnischen Armee aus Türken, Arabern und Afrikanern über zwei der größten Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich. Und was ließe sich besser als Argument für einen türkischen Führungsanspruch in der Gegenwart nutzen als der glorreiche Sieg eines multikulturellen Vielvölkerstaates (zu dessen Erbe die Türkei ja zurückkehren möchte) gegen westlich-imperialistische und kolonialistische Mächte? 

Der 15. Juli 2016 als „verräterischstes“ Ereignis der türkischen Geschichte 

In Gedenkveranstaltungen zum 15. Juli nun betonen Erdogan und andere Regierungsmitglieder immer wieder, dass das türkische Volk gemeinsam gegen seine Feinde gekämpft und beim „verräterischsten Ereignis“ türkischer Geschichte durch seinen Mut und – noch wichtiger – seinen Glauben gegen Panzer, Bomben und Patronen gesiegt habe. Anstatt den Putschversuch dabei jedoch in den Kontext gegenwärtiger politischer und gesellschaftlicher Ereignisse zu setzen, wird er in der Rhetorik der AKP in Zusammenhang mit zentralen historischen Ereignissen gebracht, die vor gut 1.000 Jahren ihren Lauf nahmen. Gemeinsam ist allen diesen Ereignissen, dass sie von der AKP in einen islamischen Kontext gesetzt werden, in dem der „imperialistische Westen“ als ältester und fortwährender Feind der Nation dargestellt wird. In Bezug auf den 15. Juli wird der ewige Feind „Westen“ beschuldigt, die Gülen-Bewegungin ihrem terroristischen Vorgehen unterstützt zu haben - und das weiterhin zu tun. 

Auch die Gegner in Manzikert, Konstantinopel und Gallipoli kamen bekanntlich aus der christlichen, westlichen Welt. Daher ist der Bogen, den Erdogan schlagen muss, um den 15. Juli auf eine Stufe mit diesen Schlachten zu stellen, leicht gespannt. Die Errichtung von Museen zum Putschversuch am 15. Juli ist aus der historischen Perspektive der AKP nur konsequent. Dass sich im Istanbuler Museum eine Abteilung zu Kolonialismus und eine Moschee befinden wird, überrascht dann auch nicht mehr. Laut dem Geschichtsverständnis der AKP ging die Türkei dank des Schutzes des Islam siegreich aus ihren vergangenen Auseinandersetzungen hervor. Also ist die Moschee der Ort, an dem im Gebet der göttlichen Fügung gedankt werden kann. Und letztlich dient die Kolonialismus-Abteilung als Erinnerungsstütze, woher die vergangenen Bedrohungen stammten. Zugleich unterstreicht sie den Anspruch von Erdoğans„Neuer Türkei“, weltweite Vorhut gegen (neuen) westlichen Imperialismus und Kolonialismus zu sein, der sich heute des Kapitalismus und vorgeblicher „universaler Menschenrechte“ bediene, um seine Herrschaft zu sichern. Die „Magischen Mythen“ sind in Erdoğans„Neuer Türkei“ sehr lebendig und bilden ein deutliches Gegenbild zu einer europäischen Orientierung des Landes.

 

Laura Kunzendorf ist Praktikantin im Stiftungsbüro Istanbul unter der Leitung von Dr. Hans-Georg Fleck 

 

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