Türkei

Turbulenzen am Bosporus

Die Lage in der Türkei ist brandgefährlich. Aber sie bietet auch Chancen für die Rückkehr zur Vernunft.

Nachricht26.09.2018Karl-Heinz Paqué
Bosporus
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Dieser Artikel wurde am Dienstag den 18.09.2018 im Handelsblatt veröffentlicht und ist online auch hier zu finden. © Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Um es vorweg klar zu sagen: Die Türkei ist seit rund anderthalb Jahrzehnten ein wirtschaftlich erfolgreiches Land. Sie hat ein dynamisches Wirtschaftswachstum erlebt. Sie verfügt über eine erfolgreiche Industrie, die viele Chancen wahrnimmt, sich in die globalen Wertschöpfungsketten einzuklinken. Sie hat es in der Regierungszeit von Recep Tayyip Erdogan geschafft, zu einem Industriestandort hohen Ranges am südöstlichen Rand Europas zu werden.

Allerdings: Dem Erfolg des Wachstums steht seit Jahren ein zunehmend düsteres Bild der gesamtwirtschaftlichen Schieflage gegenüber. Trotz starker Exportkraft gibt es ein großes Defizit in der Leistungsbilanz, zuletzt in der Größenordnung von rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Inflationsrate ist sehr hoch, schon lange im Bereich von zehn Prozent pro Jahr, in jüngster Zeit im Bereich von 20 Prozent für Konsumenten und 30 Prozent für Produzenten, mit einer rasanten Beschleunigung im Laufe des Jahres 2018 – in nur wenigen Monaten. Die Folge: Die türkische Lira hat über die Jahre kontinuierlich gegenüber Dollar und Euro an Wert verloren, jüngst in einem dramatischen Sturzflug.

Die Gründe für dieses Bild sind fundmental: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen Verbrauch und Wertschöpfung, verursacht durch zu hohe Verschuldung im In- und Ausland, allerdings nicht des Staates, sondern des privaten Sektors – bedingt durch Zinsen, die auf massiven Druck der Regierung von der Zentralbank niedrig gehalten werden, trotz der galoppierenden Preisinflation. Diese Zinspolitik hält die Finanzmärkte allerdings nicht davon ab, die Rendite auf längerfristige Staatsanleihen inzwischen auf über 20 Prozent ansteigen zu lassen sowie die türkische Lira auf Talfahrt zu schicken – und dies natürlich durch Entscheidungen vieler Investoren, nicht durch eine Verschwörung, wie Erdogan behauptet. Es droht durch den Währungsverfall eine massive Überschuldung der Privatwirtschaft, denn ein Großteil von deren Verpflichtungen ist in Dollar oder Euro notiert. Käme es dazu, würden die Geschäftsbanken durch den Bedarf an Refinanzierung in Schieflage geraten, und deren Absicherung ließe sich nur über die Zentralbank bewerkstelligen: letztlich durch das Drucken von Geld und damit ein weiteres Anheizen von Preisinflation und Währungsabwertung. Ein Teufelskreis!

Eine Krise wie aus dem Lehrbuch

Alles in allem ist das eine Standardkrise wie aus dem volkswirtschaftlichen Lehrbuch. Man kennt das von vielen historischen Vorläufern. Entsprechend orthodox muss die politische Antwort ausfallen: Es geht um die Rückkehr zu glaubwürdiger Stabilitätspolitik, durch Zinserhöhungen der Zentralbank, wie zuletzt geschehen, um die Kapitalabflüsse zu stoppen, die Inflation zu bändigen und den Währungsverfall aufzuhalten. Zwei Elemente sind essenziell: die Wiederherstellung politischer Unabhängigkeit der Zentralbank sowie ausländische Unterstützung, und zwar von einem Kreditgeber mit Gütesiegel, am besten dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

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Eine stabile Türkei liegt im tiefen Interesse nicht nur der Europäischen Union, sondern auch der Vereinigten Staaten.

Karl-Heinz Paqué

Dafür muss die türkische Regierung die Zusammenarbeit mit Europa, den USA und dem IWF suchen. Anders wird es nicht gehen, um jene Dimension der Absicherung zu gewährleisten, die nötig ist, um das Land vor dem wirtschaftlichen Absturz in eine tiefe und langwierige Krise zu bewahren. Argentinien hat – in aktuell ähnlich bedrängter Lage mit ähnlichen Eckdaten – bereits Konsequenzen gezogen und dem Vernehmen nach über IWF-Kredite in der Größenordnung von 60 Milliarden Dollar nachgesucht. Die Summe lässt aufhorchen: Gemessen an den Daten der Türkei würde sie implizieren, dass es für die Türkei um fast 100 Milliarden Dollar gehen würde. Ein beeindruckendes Hilfspaket!

Das Kernproblem: Erdogan muss demütig erkennen, wo letztlich der politische Engpass für die Hilfe liegt: in aggressiver Rhetorik, Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien und Verletzung der Menschenrechte. Europa und die USA sind allein schon aus geostrategischen Gründen an einer stabilen Türkei interessiert, aber sie können natürlich nur dann Hilfsprogramme unterstützen, wenn Erdogan auf den Pfad der Kooperation zurückkehrt, auch in für ihn schwierigen humanitären Fragen. Tut er dies nicht, bleibt für ihn nur der Weg, mit massiven Finanzkontrollen der Kapitalflucht mit Währungsverfall Einhalt zu gebieten. Dies ist allerdings ein Weg, der künftige Investoren abschrecken würde, weil er letztlich auf eine verdeckte Enteignung von Vermögen hinausläuft. Es wäre ein riesiger Rückschritt in der Entwicklung der Türkei zu einer modernen Marktwirtschaft.