Türkei
Kunst und Freiheit in Zeiten von Corona

FNF Türkei bringt Theater auf die Online-Bühne
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"Freiheit in Zeiten von Corona! - Ein neues Projekt der FNF schafft eine digitale Bühne und gibt türkischen Autoren, Schauspielern und Regisseuren die Möglichkeit, in ihrem Heimatland zu produzieren. © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Gedimmtes Licht, geschlossene Vorhänge und ein voller Theatersaal. Alle warten gespannt darauf, dass die Schauspieler die Bühne betreten. Der Vorhang öffnet sich und das Theaterstück beginnt. Was vor Ausbruch der Corona-Pandemie weltweit ein normales Szenario war, ist heute kaum noch vorstellbar. Live-Darstellungen in Theater-, Kino- und Opernsälen zählen zu den Freiheiten, die der Pandemie zum Opfer gefallen sind. Das bedeutet aber nicht, dass alle künstlerischen Aufführungen abgesagt sind. Mit Unterstützung des Türkei-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat die türkische NGO Beraberce Derneği („Miteinander Verein“) zwei Theaterstücke zum Thema „Freiheit in Zeiten von Corona“ auf die Online-Bühne gebracht.

Darstellende Künstler leben davon, Menschen zusammenzubringen. Um die Corona-Pandemie bekämpfen zu können, ist jedoch genau das Gegenteil notwendig, nämlich Distanz. Künstler gehören daher zu einer der mit am stärksten von den Corona-Maßnahmen betroffenen Gruppen.

Im Interview mit der FNF Türkei haben die am Projekt „Freiheit in Zeiten von Corona“ beteiligten Künstler von ihren Erfahrungen berichtet. In der Türkei seien insbesondere selbstständige Theaterschaffende und private Theater auf sich allein gestellt, um die Krise zu überstehen. Staatliche Hilfen würden – wenn überhaupt – ausreichen, um die Miete zu zahlen und von Steuererleichterungen zu profitieren. „Für mich bedeutet Freiheit auch, meine Kreativität zeigen zu können. Wenn ich als Theaterschaffende meine Kreativität nicht zeigen kann, habe ich in gewisser Weise meine Freiheit verloren”, berichtet die Theaterautorin Ebru Nihan Celkan. Kreative könnten sich zwar an europäische Organisationen und Geldgeber wenden, doch deren Unterstützung setze voraus, dass die Künstler für Projekte nach Europa reisen. Ihnen bleiben also wenige Möglichkeiten, in der Türkei vor Ort weiter zu produzieren.

Genau dort setzt das Projekt der Friedrich-Naumann-Stiftung und dem Verein „Beraberce” an: Es schafft eine digitale Bühne und gibt türkischen Autoren, Schauspielern und Regisseuren die Möglichkeit, in ihrem Heimatland zu produzieren. Auch die Bevölkerung profitier, da sie sieht, dass Theaterschaffende nicht aufgeben. Das Projekt erzeugt Hoffnung, schafft aber auch neue Inhalte und setzt sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf unsere Freiheit auseinander.

Nun gibt es bereits zahlreiche Medien, die sich in Kommentaren, Analysen und Debatten mit der Coronakrise befassen. Welchen Mehrwert kann Theater da noch erzeugen? Die Kraft von Kunst liegt darin, dass sie keine Grenzen kennt und sich frei entfalten kann. „Kunst fordert unsere tägliche Wahrnehmung heraus, die oft auf Dualitäten und Normen reduziert ist, die festlegen, was als schön, wahr oder gut gilt”, erklären die Theaterautoren Çiğdem Şimşek und Sinan Akcan. Sie erweitert unseren Horizont und leitet zum um- und anders denken an. Noch mehr als andere Formate ist das Theater in der Lage, unsere Gefühle anzusprechen. „Theater bedeutet, eine Erfahrung zu teilen. Du als Zuschauer erlebst selbst mit, was dem Charakter auf der Bühne widerfährt“, berichtet der Schauspieler und Initiator des Projekts, İlyas Özçakır.

„Die Menschen sind gelangweilt davon, immer die gleichen Geschichten zu hören“

Das erste Stück „Ecowash“ – geschrieben von Ebru Nihan Celkan und aufgeführt von den Schauspielern Ceren Taşçı und Barış Gönenen –  öffnete am 21. Juli seine digitalen Vorhänge. In einer klassischen Alltagssituation erlebt eine junge in Deutschland lebende Türkin Probleme mit der Waschmaschine in einem ansonsten menschenleeren Waschsalon. Ihr Videotelefonat mit dem Kundendienst entwickelt sich schnell zu weit mehr als nur einem technischen Gespräch. Der Kundenberater wird zum Tröster, der die Einsamkeit der jungen Frau für einen Moment vertreibt.

Das Stück lehrt uns eine wertvolle Lektion über die Bedeutung sozialer Beziehungen. Es wirft die Frage auf, ob wir vor Ausbruch der Pandemie das Beisammensein mit anderen Menschen wirklich zu schätzen wussten. Wer hat sich nicht schon mit Freunden getroffen und in der Zeit viel zu oft aufs Telefon geschaut und nur mit halbem Ohr zugehört?

Doch in dem Theaterstück geht es noch um viel mehr. Obwohl es auf jegliche politische Kommentierung verzichtet, zeigt es auf, wie eingeengt sich viele Menschen in der Türkei fühlen. Die Autorin Ebru Nihan Celkan erklärt, dass sich viele säkulare Menschen – wie die Protagonistin –  in der Türkei nicht mehr wohl fühlen und emigrieren, auch wenn sie politisch nicht aktiv sind. „In der öffentlichen Debatte konzentrieren wir uns oft auf die kritischen Fälle: Akademiker, Journalisten oder Aktivisten, die aus politischen Gründen das Land verlassen haben. Die Menschen sind gelangweilt davon, immer die gleichen Geschichten zu hören. Auch viele Menschen, die einfach nur abends ausgehen und mit Freunden ein Bier auf der Straße trinken wollen, fühlen sich unwohl. Wir müssen mehr solcher Geschichten hören, um das ganze Bild zu sehen”, so die Autorin. Sie hat sich also ganz bewusst einer politischen Perspektive entzogen, um auch politisch uninteressierte Menschen anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen.

„Ich sehe Corona nicht als das Ende von etwas, sondern als Beginn von mehr Vielfalt“

Am 11. August haben Tilbe Saran, Fatma Yüksel Sendan und İlyas Özçakır das zweite von Çiğdem Şimşek und Sinan Akcan geschriebene Stück „Abwasch“ („Bulaş-ık“) aufgeführt. Darin verstrickt sich ein Paar während der Eintönigkeit der Ausgangssperre in eine intensive Freiheitsdebatte. Im Rahmen des Gedankenaustausches nehmen sie die Zuschauer mit auf eine philosophische Reise. Doch die Diskussion ist weit davon entfernt, abstrakt zu sein: Sie bringt innere Auseinandersetzungen zum Ausdruck, mit denen sich viele Zuschauer identifizieren dürften.

Das Stück regt in erster Linie dazu ein, sich mit eingesessenen Denkweisen auseinanderzusetzen. In der Debatte mit ihrem Partner wirft die Protagonistin die Frage auf: „Waren wir überhaupt freie und ethische Wesen bevor der Staat uns eingeschlossen hat?“. Regierungen haben viel Kritik für Freiheitseinschränkungen im Zuge der Pandemie erhalten. „Doch wir möchten aufzeigen, dass Freiheitseinschränkungen nicht nur eine Folge der Pandemie sind“, so die Autoren Çiğdem Şimşek und Sinan Akcan. Menschen, die schon vor der Pandemie am Rande des Existenzminimums lebten, haben nicht die Freiheit genossen, sich zum Selbstschutz an Ausgangssperren zu halten – sie mussten arbeiten gehen. Obdachlose hatten nicht die Freiheit, „Zuhause“ bleiben zu können. Freiheiten vieler – benachteiligter – Menschen waren schon vor der Pandemie eingeschränkt, nur auf weniger sichtbarere Weise. Wir müssen nicht nur „Freiheit in Zeiten von Corona“ diskutieren, sondern auch, was „Freiheit für alle“ in normalen Zeiten bedeutet, so die Autoren.

Natürlich stehen auch die Auflagen im Zuge der Corona-Krise zur Debatte. Die Widersprüchlichkeit türkischer Regelungen diskutieren die Protagonisten des Stücks mit spitzer Zunge: „Geh an Wochentagen raus, aber nicht an den Wochenenden. Geh ins Einkaufszentrum, aber setz dich nicht in den Park. Setz eine Maske auf! Aber teilt euch eine Maske mit acht Personen im Gefängnis“. Die tragik-komischen Widersprüche der Vorkehrungen regen zum Nachdenken an. Ist in Krisen eine Balance zwischen Freiheit und dem notwendigen Maß an Kontrolle überhaupt möglich? Die Antwort von İlyas Özçakır, dem Initiator des Projekts, ist eindeutig „ja”. Zumindest solange „Regierungen sich nicht vor freien Bürgern und Bürgerinnen fürchten, Vertrauen die zentrale Grundlage in der Beziehungen zwischen Regierung und Gesellschaft darstellt und die Maßnahmen mit Transparenz einhergehen”. Gerade an einer vertrauensvollen Basis für das Verhältnis zwischen Regierung und Gesellschaft fehlt es jedoch in der Türkei und kritische Stimmen müssen oft mit politischer Verfolgung rechnen.

Obwohl Theaterschaffende derzeit einen schweren Stand haben, wird die Bühnenkunst weiterhin dazu beitragen, Zuschauern neue Perspektiven zu eröffnen – da sind sich alle Projektbeteiligten sicher. Derzeit ist niemand in der Lage, fundierte Vorhersagen über die Zukunft des Theaters zu treffen, betont der Schauspieler İlyas Özçakır. Er sorgt sich um seinen Beruf, arbeitet aber an neuen Online-Projekten, Solo- und Freiluftauftritten um sich auf die Rückkehr zur Bühne vorzubereiten. Denn in jedem Fall wird es der über 2.500 Jahre alten Theaterkunst gelingen, neue Wege zu finden um zu überleben. Die Digitalisierung öffnet dem Theater Möglichkeiten, Stücke auf die online Bühne zu übertragen und ein neues Publikum zu erschließen. Durch die „Zwangspause“ während der Pandemie hatten Stückeschreiber, Regisseure und Schauspieler außerdem mehr Zeit, sich vorzubereiten und hochqualitative Werke zu schaffen. Es gibt also Lichtblicke. „Ich sehe Corona nicht als das Ende von etwas, sondern als Beginn von mehr Vielfalt“, so die Autorin Ebru Nihan Celkan.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
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