Türkei
„(K)ein großer Tsunami“ – Zahlenspiele und politische Diskussionen über das Ausmaß der Corona-Pandemie

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© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Altan Gocher

Die zweite Welle von Covid-19 hat die meisten Länder Europas erfasst. Während in Italien, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern die Fallzahlen in diesen Tagen in die Höhe schnellen, ist in der Türkei – schenkt man offiziellen Angaben Glauben - nur ein mäßiger, vor allem gleichmäßiger Anstieg zu beobachten. Das liegt unter anderem an der Zählweise, die sich von der Erfassungsmethode in anderen Ländern unterscheidet.

Nach der ersten Pandemiewelle, deren Höhepunkt Mitte April bei über 5.000 Neuinfizierten täglich lag, flachte die Kurve bis Mai auf rund 700 Neuinfektionen pro Tag ab. Seitdem beobachten die Behörden einen langsamen und auffallend gleichmäßigen Anstieg. Ende Oktober lag dieser auf einem Level von ca. 2.000 Neuinfektionen pro Tag. Dies ist die offizielle Angabe des türkischen Gesundheitsministeriums. Die Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 lagen laut Ministerium im Oktober zwischen 50 und 80 pro Tag, die täglich durchgeführten Tests zwischen 100.000 und 130.000.

Das Gesundheitssystem, so versichert die Regierung, stoße derzeit nicht an seine Grenzen. Dieses war auch im Frühjahr 2020 nicht der Fall. Gleichwohl warnt beispielsweise der Verband der türkischen Ärzte (TBB) vor einer sich zuspitzenden Lage. Die unabhängige Internetzeitung T24 zitiert die drastischen Warnungen der Ärzte: „In der kommenden Zeit erwartet uns ein großer Tsunami“ oder „Der Rettungsdienst in der Türkei ist nicht in der Lage, der nächsten Welle standzuhalten."

Eine andere Meinung vertritt Medizinprofessor Gürkan Ersoy in der Tageszeitung Hürriyet: „Die zweite Welle wird nicht kommen, da wir immer noch in der ersten Welle sind, in der es auf und abgeht.“

Für viel Aufsehen – in der Türkei und auch darüber hinaus – sorgte die zunächst verschwiegene Änderung der Zählweise der Regierung. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu erklärte Gesundheitsminister Fahrettin Koca am 30. September: „Nicht jeder Fall ist ein Patient. Es gibt Menschen, die keine Symptome zeigen, obwohl ihr Test positiv ist; die überwiegende Mehrheit sind solche Menschen." Koca räumte ein, dass bereits seit Ende Juli die Infizierten, jedoch symptomfreien Virusträger, nicht länger in der amtlichen Statistik auftauchten.

Die Opposition bezweifelt die Zahlen der Regierung. Führende Vertreter der CHP, darunter Ekrem Imamoglu, der Bürgermeister von Istanbul, behaupten, die tatsächlichen Infektionszahlen liegen um ein 20-faches höher als offiziell angegeben. Der CHP-Politiker Murat Emir präsentierte durchgesickerte Dokumente, welche die Diskrepanz zwischen den internen Zahlen des Ministeriums und den offiziellen Zahlen beweisen sollen.

Abdülkadir Selvi rechtfertigt in einem Kommentar der Tageszeitung Hürriyet die neue Zählmethode. Nach einer Lobeshymne auf das Corona-Management der Regierungspartei AKP und das türkische Gesundheitssystem („Wir haben früher voller Neid auf das Gesundheitssystem im Westen geschaut. Jetzt schauen sie neidisch auf unser System.“) macht sich der Journalist die Unterscheidung des Ministers zwischen vaka (Fall) und hasta (Erkrankter) zu Eigen und behauptet, die positiv getesteten aber symptomfreien Infizierten würden isoliert. Die Zahl der schwer Erkrankten sei wichtiger, gelte es doch, deren Zahl so klein wie möglich zu halten, um das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen.

Selbst der vom Gesundheitsministerium zur Bekämpfung der Pandemie ins Leben gerufenen Wissenschaftsrat kritisiert den amtlichen Umgang mit der Covid-19-Statistik. Das ist ungewöhnlich, denn das Gremium ist mit Kritik an der Regierung eher zurückhaltend. Pınar Okyay vom Expertenrat warnt: „Ohne zuverlässige Daten ist der Kampf gegen das Virus nicht vollständig.“