Türkei Bulletin
„Gott hat die Tore geöffnet“ – Erdgasfunde als wahltaktisches Instrument?

picture alliance / AA | Turkish Presidency / Murat Cetinmuhurdar / Handout
© picture alliance / AA | Turkish Presidency / Murat Cetinmuhurdar / Handout  

Die Menschen in der Türkei haben sich daran gewöhnt: Präsident Erdogan liebt den öffentlichen Auftritt und hält gerne Reden an das Volk. Dieses Mal sollte es etwas ganz Besonderes sein. „Alle Augen sind auf den Präsidenten gerichtet“, titelte die regierungstreue Zeitung „Daily Sabah“ zwei Tage vor der „epochalen“ Ankündigung. Die ganze Welt werde auf Erdogan schauen, wenn er „die gute Nachricht“ kundtut, so das Blatt.

In einer von allen TV-Kanälen übertragenen Ansprache verkündete der Präsident am 21. August sodann die Entdeckung großer Erdgasvorkommen vor der türkischen Schwarzmeerküste. Es handle sich um die größte Erdgas-Entdeckung in der türkischen Geschichte, so Erdogan. Die Regierung und die ihr nahestehende Medien sprachen von einer Zeitenwende, von einem Ereignis mit weitreichenden wirtschaftspolitischen und geostrategischen Auswirkungen. Nicht nur würden die Gasreserven dem in hohem Maße von Energieeinfuhren abhängigen Land enorme Devisenersparnisse bescheren – von 50 Milliarde Dollar ist die Rede. Der Rohstoff-Fund werde auch die Rolle der Türkei in der Welt ändern. „Die Türkei hat sich einen Schritt auf Erdogans Vision hin zubewegt: ein großes und mächtiges Land“, schreibt Burhanettin Duran in „Daily Sabah“. Und die Entdeckung im Schwarzen Meer sei nur der Anfang, frohlocken die Optimisten. „Die Türken wollen ein prominenter Spieler auf den globalen Energiemärkten werden“, schreibt Yahya Bostan, ebenfalls in „Daily Sabah“: „Die Türkei plant zu den Erdgas-Exporteuren aufzuschließen und ihre Bohrtätigkeiten zu diesem Zweck fortzusetzen“. Erdogan selber beruft sich auf den Allmächtigen: „Gott hat die Tore zu beispiellosen Ressourcen geöffnet“.

Derweil teilen nicht alle die amtliche Zuversicht. Vor allem in den sozialen Medien und in der internationalen Wirtschaftspresse entbrannte alsbald eine Debatte darüber, wie realistisch die offiziellen Angaben sind. Kritiker relativieren die Größe der Funde – 320 Milliarden Kubikmeter. Im Vergleich zu nachgewiesenen Reserven der Weltmarktführer Russland, Iran und Katar ist das relativ bescheiden. Andere Experten verweisen auf die technischen Probleme, das Gas aus den großen Tiefen von bis zu 3500 Metern zu marktfähigen Preisen an die Oberfläche zu bringen.

Zurückhaltend fällt der Kommentar des Journalisten Murad Yetkin aus. Auf seinem vielbeachteten Blog blickt Yetkin in die Geschichte und erinnert daran, dass die Ankündigung von üppigen Rohstoff-Funden in der Türkei eine gewisse Routine habe und ein oft eingesetztes Wahlkampfinstrument sei. In einer Liste dokumentiert der Journalist die zeitliche Nähe von Regierungsmeldungen über Rohstoff-Funde und Wahltermine. „Die gute Nachricht von Entdeckungen von Öl und Gas wurde von allen vorherigen Regierungen mit der Absicht eingesetzt, Wählerstimmen einzufangen“. Das sei dieses Mal nicht anders. Als Reaktion auf die „Sensationsmeldung“ hätten – so Yetkin – „die Oppositionsparteien bereits ihre lokalen Organisationen angewiesen, sich auf vorgezogene Neuwahlen einzustellen“.

 

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