Türkei
Buhmann Macron – Persönliche Antipathien und eine strategische Konkurrenz entzweien die Präsidenten der Türkei und Frankreichs

Erdogan Marcon
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„Es gibt immer  Polemik zwischen den beiden Präsidenten, am Telefon und vor der Presse“, schreibt Burhanettin Duran in der regierungsnahen „Daily Sabah“. Es ist bekannt, so verrät der Kolumnist, dem ein guter Draht in den Präsidentenpalast von Ankara nachgesagt wird, dass „Erdogan am Telefon Macron über die Weltpolitik und die französische Geschichte belehrt“. Dabei gehe es alles andere als herzlich zu. Erdogan finde den französischen Amtskollegen „unerfahren“ und „naiv“, schreibt Duran.

In den zurückliegenden Wochen ist der französische Präsident zum Buhmann in den von der Regierung gelenkten türkischen Medien geworden. Kaum ein Tag geht vorbei ohne ätzende Kommentare in den Erdogan-freundlichen Blättern. All dies erinnert an ähnliche Anfechtungen gegen Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren. Im Zuge des gescheiterten Putschversuches vom Sommer 2016 war Angela Merkel ins Fadenkreuz feindseliger Kommentatoren geraten. Damit ist mittlerweile Schluss: Wegen der deutschen Vermittlung im türkisch-griechischen Zwist behandelt die Presse Merkel derzeit mit Samthandschuhen.

Paris und Ankara liegen in mehr oder minder allen Konfliktzonen der Region über Kreuz. Paris sieht sich als Ordnungsmacht, das Mittelmeer als seine Einflusszone. Ankara rüstet auf, geriert sich als aufstrebende Seemacht und fordert die Franzosen in Wort und Tat heraus. Der Rückzug Washingtons hat Spielräume geschaffen, die den Streit beflügeln.

Ein Brennpunkt der türkisch-französischen Querelen ist Libyen. Ankara und Paris setzen auf unterschiedliche Parteien in dem bewaffneten Konflikt, der zusehends zu einem internationalen Stellvertreterkrieg mutiert ist. Auf dem Höhepunkt des türkisch-griechischen Streites über Hoheitsrechte im östlichen Mittelmeer setzte Paris demonstrativ alles auf die griechische Karte. Diese politische Parteinahme untermauerte Macron mit einer militärischen Machtdemonstration: Frankreich, Griechenland, Zypern und die Vereinigten Arabischen Emirate – diese zählen zu den Erzfeinden Erdogans in der arabischen Welt – führten in Seegebieten vor der türkischen Küste Manöver durch.

Das Gipfeltreffen der EU-Mittelmeeranrainer, zu dem Macron Mitte September nach Korsika einlud, kommentierten türkische Zeitungen nicht zu Unrecht als eine anti-türkische Veranstaltung. Ankara sei wegen seines „inakzeptablen“ Verhaltens „nicht länger ein Partner“, sagte Macron in diesem Zusammenhang. „Wir müssen hart mit der türkischen Regierung sein und nicht mit dem türkischen Volk, das mehr verdient als Erdogan“, sagte der französische Präsident. Erdogan ließ die Verbalattacke nicht lange unbeantwortet: „Leg Dich nicht mit der Türkei an“, schallte es aus Ankara zurück. „Sie haben keine Ahnung von Geschichte und keine Ahnung von der Geschichte Frankreichs,“ urteilte Erdogan und verwies auf Kriegsgräuel in Rwanda und Algerien. 

Im Zuge der Ankündigung der griechisch-türkischen Expertengespräche ist es zu einer verbalen Entspannung zwischen Paris und Ankara gekommen. Medien berichten von einem einstündigen Telefonat der Staatschefs, das dem Vernehmen nach ohne Zwischenfälle abgelaufen sei. Ob die Zurückhaltung Bestand hat, beurteilen Experten skeptisch – zu tiefgreifend seien die strategischen Interessengegensätze. Diese gehen weit über das östliche Mittelmeer hinaus. Ein neuer Brennpunkt ist Afrika, wo Ankara – jenseits seiner Militärpolitik in Libyen – gezielt vorgeht und Beziehungen mit Somalia, dem Sudan, Äthiopien und nun auch dem Tschad und Niger vorantreibt. „Die Rivalität zwischen der Türkei und Frankreich wird absehbar die treibende Kraft der Geopolitik Afrikas werden“, schreibt der Politikwissenschaftler Michael Tanchum in einer aktuellen Analyse.