Trollspielplatz, Hackertraum und Start-up Hub

Russland und die Digitale Revolution

Nachricht08.06.2017Julius von Freytag-Loringhoven
Netzstecker
Erwarten uns Cyber-Attacken aus Russland während des Bundestagswahlkampfes? iStock-Sudo2

Gemeinsam mit verschiedenen russischen Partnern entwickelt die Stiftung für die Freiheit liberale Antworten zur Gestaltung der Digitalen Revolution. Wer nicht vom radikalen Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft überrollt werden will, benötigt neue, an die Entwicklung angepasste Bildungskonzepte und Abkommen und muss ein System schaffen, in dem Start-ups gedeihen können und Bürgerrechte geschützt bleiben.

Die Digitalisierung: So selbstverständlich wie Luft und Wasser?

Der amerikanische Informatiker und Technologie-Vordenker Nicholas Negroponte sagte bereits vor über 20 Jahren: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Wie bei Luft und Trinkwasser wird digital zu sein, nur in seiner Abwesenheit bemerkt werden, nicht in seiner Präsenz.“

Die Präsenz des digitalen Wandels spürt man auch in Russland. Die Digitalisierung wurde besonders während der großen Demonstrationen in den Jahren 2011/12 bei Bürgergesellschaft und Opposition durch die Nutzung neuer alternativer Informationsquellen im Netz sichtbar. Aber auch weniger rühmliche Hackerkollektive und „Trollfabriken“ sind in Russland Symbole des neuen digitalen Zeitalters geworden. Herman Gref, ehemaliger russischer Vizepremier und Vorstandsvorsitzender der staatlichen Sberbank, plant damit, bis 2025 die Hälfte seiner Angestellten zu entlassen – eine Folge der Digitalisierung. Die Digitalisierung verändert aber nicht nur die Wirtschaft und Zukunft der Arbeit, sondern auch die bilateralen Beziehungen zu Russland – etwa in Fragen zu Bürgerrechten und Bildung in der neuen Zeit.

In Zeiten von Cyberwar und Fake-News

Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europäischen Parlaments und Bundestagskandidat, ist diese Woche extra nach Moskau gekommen, um russischen Gesprächspartnern deutlich zu machen, dass bereits ein Medienbericht über eine aggressive Falschmeldung wie im Fall „Lisa“ oder eine mögliche Cyber-Attacke aus Russland während des Bundestagswahlkampfes das Restvertrauen zwischen Russland und Deutschland dramatisch stören könnte. In einem neuen analogen, unter Chatham House Rule durchgeführten Gesprächsformat der Stiftung für die Freiheit – unter dem deutschen Vorsitz von Alexander Graf Lambsdorff – sollen unter anderem noch weitere mit der Digitalisierung verknüpfte Fragen im bilateralen Verhältnis besprochen werden.

Scheitern als Erfolgskonzept – „Fuck Up Nights“ in Moskau

Mit anderen Partnern arbeitet die Stiftung schon länger an konkreten Antworten zur Gestaltung der Digitalen Revolution. Das im Juni 2016 von der Stiftung nach Russland importierte Format „Fuck Up Nights“ ist auch dank des richtigen Partners, dem Start-up Hub „Digital October“, zu einem monatlichen Sammelpunkt der explorativen Start-up Szene geworden. Die Idee, dass die spielerische Auseinandersetzung mit gescheiterten Unternehmungen zu einem Kulturwandel und zu mehr Eigenverantwortung beitragen kann, gilt grundsätzlich für jegliches unternehmerisches Handeln – doch vor allem junge digitale Unternehmer dominieren den neuen Diskurs. Die deutsche Start-up Expertin Jennifer Miksch sowie die deutsche Diplomatin Kirsten Staudt diskutierten bereits ihre eigenen gescheiterten Projekte bei den „Fuck Up Nights Moscow“ mit russischen Unternehmern. Frank Sitta, Unternehmer und FDP-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, plant, Ende diesen Monats teilzunehmen.

Bürgerrechte in Zeiten der Datensammler

Zum Thema Bürgerrechte im Digitalen Zeitalter diskutierte die Stiftung für die Freiheit in Moskau mit den russischen Journalisten Andrej Soldatov und Irina Borogan – bekannt durch ihr Buch über Datenüberwachung in Russland, mit Konstantin Kuhle, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, sowie dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum. Die Runde beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Datensammler und neue Technologien die Grundrechte der Bürger gefährden und was man dem entgegensetzen kann. Mehr Transparenz vom Staat und Big Data einzufordern und neue digitale „Bürgerrechte“ wie das „Recht auf Vergessen“ schlugen russische und deutsche Teilnehmern als erste Lösungsansätze im Umgang mit scheinbar übermächtigen Akteuren im Netz vor.

Die Digitalisierung als Chance, nicht als Bedrohung

Die Digitalisierung betrifft aber auch die Zukunft der Arbeit. Wie man am Beispiel der Sberbank sieht, könnten viele Menschen ihre „traditionellen“ Arbeitsplätze verlieren. Unter den richtigen Umständen könnten in der digitalen Wirtschaft jedoch gleichzeitig neue Arbeitsplätze entstehen. Um auf diese Entwicklung vorbereitet zu sein, organisiert die Stiftung für die Freiheit gemeinsam mit der liberalen Yegor-Gaidar-Stiftung Veranstaltungen, die sich mit diesen Zusammenhängen auseinandersetzen. Zuletzt diskutierte der bekannte Arbeitsmarktvordenker Thomas Sattelberger in München mit den ehemaligen russischen Wirtschaftsministern Andrej Netschaew (1992/93) und Jakov Urinson (1997/98) sowie dem russischen Arbeitsmarktexperten Vladimir Gimpelson über den radikalen Wandel auf dem Arbeitsmarkt und wie man auf diese Entwicklung mit Reformen im Bildungswesen und Arbeitsmarkt antworten kann.

Bei den zahlreichen Projekten zur Digitalen Revolution wird immer wieder deutlich, dass wir nur gemeinsam nach Antworten suchen können. Sowohl Europa als auch Russland stehen noch ganz am Anfang dieses Prozesses. Auch sollte uns bewusst werden, dass der Digitalen Revolution gemeinsam und mit guten Ideen begegnet werden muss, um ein System zu schaffen, in dem erfolgreiche Start-ups sich entwickeln können und Bürgerrechte gleichzeitig geschützt werden. Im Moment scheinen europaweit die Liberalen die einzigen zu sein, die klare Gestaltungsideen für nötige Reformen anbieten und zu erkämpfen versuchen.

Julius von Freytag-Loringhoven ist Leiter des Stiftungsbüros in Moskau. 

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Julius von Freytag-Loringhoven
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Russland
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