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Über Transgender-Soldaten in den europäischen Streitkräften

Analyse22.08.2017Rebekka Haffner und Sebastian Vagt
Das Militär setzt sich an der London Pride für die Rechte von Homosexuellen ein.
Das Militär setzt sich an der London Pride für die Rechte von Homosexuellen ein.iStock/ Bikeworldtravel

Im U.S.-Militär dürfen zukünftig keine Transsoldaten mehr dienen – so will es Präsident Trump. Doch wie sieht es in den europäischen Streitkräften aus? Freiheit.org fragte Rebekka Haffner, die politische Referentin der europäischen Organisation der Militärverbände (EUROMIL).

1. In den Vereinigten Staaten gab Präsident Donald Trump am 26. Juli per Twitter-Tweet bekannt, dass Transgender-Soldaten in amerikanischen Streitkräften nicht länger zugelassen seien. Dies hat auch auf unserer Seite des Atlantiks einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Wie ist die Situation der Transgender in den europäischen Streitkräften?

In den letzten Jahren war eine zunehmende Öffnung der europäischen Streitkräfte zu beobachten: Frauen, Homosexuelle und anders Orientierte (LGBTI) wurden zum Militärdienst zugelassen; Männer und Frauen mit Migrationshintergrund und/oder verschiedenen Religionszugehörigkeiten verpflichteten sich dem Dienst an ihrem Land. Der Leitgedanke, dass Armeen in demokratischen Staaten ein Spiegelbild der Gesellschaft sein sollten, schien sich langsam aber sicher durchzusetzen. Umso erstaunlicher ist die Kehrtwende des neuen U.S.-Präsidenten.

Transgender dürfen aktuell in weltweit 18 Ländern den Soldatenberuf ausüben und sich offen als Transgender bekennen. 13 dieser Länder liegen in Europa (Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Spanien, Schweden, Tschechien und das Vereinigte Königreich). In den übrigen europäischen Ländern gibt es keine expliziten, gesetzlichen Regelungen was Transgender im Militär angeht. In einigen Ländern, wie zum Beispiel Zypern, werden LGBTI-Themen vielmehr tabuisiert und mit einer „Don’t ask, don’t tell“-Mentalität tot geschwiegen.

Dies ist umso bedauerlicher, da verschiedene wissenschaftliche Studien sowie Befragungen von Transgender-Soldaten ergeben haben, dass ein offener Umgang mit dem Thema das Beste für alle Beteiligten ist. Je klarer die Regeln bezüglich einer Transition von einem Geschlecht zum anderen sowie den notwendigen medizinischen Behandlungen während der Dienstzeit sind, je aufgeklärter alle Vorgesetzten und Kameraden innerhalb der Armee sind, und je weniger Transgender-Themen tabuisiert werden, desto besser gelingt der reibungslose Ablauf einer Transition und die echte Integration von Transgender ins Militär.

2. Welches sind die Argumente der Gegner einer Öffnung der Streitkräfte für Transgender?

Präsident Trump führte hohe medizinische Kosten sowie eine geringere Einsatzfähigkeit der betroffenen Transsoldaten als Argumente an, um seine Entscheidung zu rechtfertigen. Diese Argumente halten aber einer genauen Überprüfung nicht stand. Eine von der Obama-Administration in Auftrag gegebene Studie der RAND Corporation untersuchte die Situation in vier Ländern (Australien, Israel, Kanada und im Vereinigten Königreich), in denen Transgender offen im Militär dienen dürfen. Die Wissenschaftler resümierten, dass in den untersuchten Armeen die medizinischen Kosten und die verringerte Einsatzfähigkeit durch die medizinische Transition im Hinblick auf den gesamten Personalkörper der Streitkräfte zu vernachlässigende Größen seien.

Dies sei zum einen darauf zurückzuführen, dass der Anteil der Transgender in der Gesellschaft als Ganzes und dementsprechend auch in der Armee relativ klein sei. Zum anderen möchten sich nicht alle Transgender einer medizinischen Transition von einem Geschlecht zum anderen unterziehen. Für die U.S. Armee schätzen die Wissenschaftler, dass nur 29-129 Personen pro Jahr eine Transition anstreben würden.

Ein weiteres wesentliches und grundlegendes Argument wird in der Diskussion oft gar nicht erwähnt: Transgenderrechte sind Menschenrechte. Obwohl es sich beim Militär um einen eher außergewöhnlichen Arbeitgeber handelt, gibt es kein juristisches Argument, welches die Diskriminierung von Transgender rechtfertigt. Wer alle Zulassungsvoraussetzungen erfüllt, sollte als Soldat dienen dürfen, ganz gleich welche sexuelle Identität er oder sie hat.

3. Gibt es Erkenntnisse darüber, ob und wie die Integration von Transgender die Streitkräfte und deren Kultur verändern?

Die RAND-Studie stellte in den vier untersuchten Ländern keine negativen Effekte der Zulassung von Transgender auf die operative Effektivität, Einsatzbereitschaft und den Zusammenhalt innerhalb der Truppe fest.

Breiter angelegte Studien, die sich mit der Einbeziehung von Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und LGBTI-Personen ins Militär beschäftigen, zeigen allerdings deutlich, dass Diversität viele positive Effekte hat: Der Talentpool, aus dem Nachwuchspersonal gewonnen werden kann, wird größer, inklusive Entscheidungsprozesse führen zu besseren Ergebnissen, und letztendlich steigt das Vertrauen der Bevölkerung, je mehr die Armeen ein wirkliches Spiegelbild der Gesellschaft werden.

Wenn die Streitkräfte selbst beginnen, die Vorteile eines diversen und inklusiven Personalkörpers offensiv zu kommunizieren, könnten sie dadurch sogar vom Spiegelbild der Gesellschaft zu deren Vorbild werden.

Rebekka Haffner ist politische Referentin der Europäischen Organisation der Militärverbände (EUROMIL). Sebastian Vagt ist European Affairs Manager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Brüssel.

Finden Sie hier die ausführliche Position zu dem Thema von EUROMIL.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Europa-Experten der Stiftung für die Freiheit:

Sebastian Vagt
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Belgien
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