Tijen Onaran: „Ich glaube fest an die Kraft des Netzwerks“ | freiheit.org

Interview

Tijen Onaran: „Ich glaube fest an die Kraft des Netzwerks“

Meinung21.01.2019
Tijen Onaran
Tijen OnaranTroNa GmbH

Sich für andere engagieren ist für Top-Netzwerkerin und Unternehmerin Tijen Onaran eine Art Lebensthema. Erst probierte sie sich in der Politik für die FDP aus, um dann zu entscheiden, dass ihre Bestimmung eine andere ist: Tijen Onaran will Frauen stark und sichtbar machen. Heute ist sie der Kopf der Networking-Bewegung Global Digital Women, die sie selbst gegründet hat. Wir haben von der 33-Jährigen im Interview erfahren, warum man die Wichtigkeit eines guten Netzwerks niemals unterschätzen sollte.

Frau Onaran, Sie gelten als Netzwerkerin der Stunde. Warum haben Sie sich der Idee verschrieben, Frauen miteinander zu verbinden?

Weil ich ganz fest an die Kraft des Netzwerkens glaube. Ohne mein Netzwerk wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Es hat immer genau dann besonders geholfen, wenn ich es am dringendsten gebraucht habe. Und genau dazu ist ein Netzwerk ja auch da: Wenn du Hilfe brauchst, die falsche Ausfahrt genommen hast oder gescheitert bist. Ein Netzwerk hilft aber auch, Stärken zu bündeln. Und: Netzwerke empowern und ermutigen dazu, sichtbar zu werden.

Wann war Ihr Netzwerk das letzte Mal für Sie da, als Sie es gebraucht haben?

Als ich mich vor vier Jahren selbstständig gemacht habe, sicherten mir im Vorfeld einige Kollegen und Bekannte zu, meine ersten Kunden zu werden. Sie bestärkten mich, diesen Schritt zu gehen. Natürlich war ich gespannt, wer sein Wort halten würde. Tatsächlich wurde ich dann von allen, die es versprochen hatten, für Jobs gebucht – das rechne ich diesen Personen noch heute hoch an.

Für schwere Zeiten vorbauen, das leuchtet ein. Weshalb sollte man noch Zeit und Energie in sein Netzwerk invest ieren?

Unabhängig davon, ob man selbstständig ist oder nicht: Wir alle lernen unheimlich viel im Sparring mit anderen. Es ist doch schöner, wenn du Leute um dich hast, die alle Talente mitbringen, die du selbst nicht hast. Wenn ich merke, ich bin schlecht in Visualisierung, dann kenne ich aber jemanden in meinem Netzwerk, der genau das kann.

Sie verwendeten eingangs den Begriff „empowern“. Was genau meinen Sie damit?

Mir gefällt es, etwas aus der Stärke heraus anzugehen. Ich hatte immer Chefinnen, die mich gefördert haben. Ihr Engagement hat mich dazu inspiriert, dieses tolle Gefühl des „empowert werden“ weiterzugeben.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Frauen ein Defizit haben, wenn es darum geht aufzustehen und zu sagen: „Das sind meine Stärken“?

Ich beobachte, dass da ein völlig neuer Schlag Frauen ans Ruder kommt, ich nenne sie „Generation Empowerment“. Diese Frauen kommunizieren ganz selbstverständlich ihre Talente und gehen proaktiv vor. Es vergeht kein Tag, an dem mich keine Mails von Frauen erreichen, die schreiben: „Hey Tijen, wenn Du mal wieder ein Panel zu besetzten hast: Ich bin Experten für dieses oder jenes Thema.“

Woher kommt es, dass Frauen so aktiv auf Sie zugehen?

Ich glaube, dass sich Frauen gerade intensiv mit den Rahmenbedingungen auseinandersetzen. Klar, auf der einen Seite ist da die Politik, die dafür sorgen muss, dass das Thema Frauen im Berufsleben ins Blickfeld rückt. Auf der anderen Seite ist da aber die individuelle Perspektive: Was kann ich selbst tun, um sichtbar zu werden und meine Geschichte zu erzählen?

Wie können Sie Frauen helfen, diese Sichtbarkeit herzustellen?

Übers Netzwerken. Indem ich die richtigen Frauen bei Veranstaltungen miteinander bekannt mache oder im Internet vernetze. Begonnen hatte das vor etwa drei Jahren mit meinem monatlichen Afterwork-Format des Vereins „Women in Digital“. Ich investierte damals viel Zeit, um auf Veranstaltungen nach spannenden Frauen für mein Netzwerk zu suchen. Ich wollte eine Basis an loyalen Frauen aufbauen. Weil ich mich so ins Zeug legte, spürten die Frauen, dass es sich nicht um einen einmaligen Sektumtrunk handelt. Sondern dass ein nachhaltiges Karrierenetzwerk entsteht. Schnell war klar: Ich treffe hier Menschen, die ich sonst nicht getroffen hätte und komme an Informationen, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Es wurden richtig gute Geschäftskontakte geknüpft: Start-up trifft auf Konzern, diese Liga.

Dann gehen wir mal ans Eingemachte: Wie geht gute Netzwerk-Pflege wirklich?

Idealerweise tut man jeden Tag ein kleines bisschen etwas für sein Netzwerk. Das muss nicht immer ein Mittagessen sein. Ich empfehle, in den sozialen Medien nicht nur passiv vertreten zu sein. Sondern aktiv den Leuten zu zeigen, dass man da ist und sieht, was sie machen. Also Beiträge liken und kommentieren. Honorieren, was andere auf die Beine stellen. Und klar, Veranstaltungen sind auch wichtig. Deshalb laden wir regelmäßig zu unseren Global Afterwork Events ein.

Ihre wichtigsten Regeln für gelungenes Networking bei einer solchen Abendveranstaltung?

Erstens: Gehe alleine hin! Ich beobachte häufig, dass Menschen zu zweit kommen. Da hängt man aneinander und macht keine Kontakte. Wenn du wirklich gut netzwerken willst, lass die gute Freundin im Büro, denn dann bist du gezwungen, dich bei anderen dazuzustellen und Kontakte zu knüpfen.

Zweitens: Gehe gut vorbereitet hin. Vor allem dann, wenn du neu in dem Kreis bist. Du solltest wissen, was besprochen wird. Wer sind die Menschen, die da hinkommen? Vielleicht vorher die Teilnehmerlisten anschauen. Ein bisschen Einarbeitung ist also nicht schlecht. Und da sind wir schon beim dritten Punkt: Small Talk! Ich bin kein Fan davon, übers Wetter zu sprechen. In dem Moment, wo du dich vorbereitet hast, kannst du über das Thema kommen. „Was ist denn Ihre Verknüpfung mit dem Thema heute Abend?“ Wenn man kontextbezogen fragt, hat man einen viel stärkeren Anknüpfungspunkt, um danach zu sagen: „Lass uns noch mal auf einen Kaffee treffen oder gemeinsam etwas auf die Beine stellen.“

Welche Denkanstöße brauchen Frauen heute, um erfolgreich zu sein?

Frauen sollten den Wunsch relativ schnell beiseiteschieben, von jedem gemocht zu werden. Denn Karriere bedeutet Sichtbarkeit. Das kann innerhalb einer Organisation sein. Aber je nach Position ist das auch eine externe Sichtbarkeit. Und klar, wenn Menschen einen Blick auf dich werfen und deine Aussagen und Leistungen bewerten, beurteilen sie dich auch. Zugegeben, sich davon freizumachen, ist nicht ganz leicht. Anders funktioniert es aber nicht. Im Job geht es darum, eine Position zu haben, für die man einsteht. Und nicht darum, die Beliebteste zu sein.

Was ist an dem Klischee dran, dass sich Frauen mit ihrem Perfektionsdrang selbst im Weg stehen?

Sehr viel! Bei Frauen muss alles immer Hundertprozent sein. Es ist natürlich eine gute Eigenschaft, wenn man sich bis ins kleinste Detail einarbeitet und extrem gut vorbereitet. Es kann aber zum Hemmnis werden, wenn die Perfektion über dem Thema steht. 60 Prozent reichen meistens völlig aus. Die restlichen 40 Prozent kriegt keiner mit.

Sie setzten stark aufs Digitale, haben Ihre Initiative Global Digital Women genannt. Raten Sie Frauen, sich zu digitalisieren?

Absolut, ohne geht es heute nicht mehr. Um weiterzukommen, muss man das Thema Digitalisierung für die eigene Karriere nutzen, und zwar unabhängig von der Position. Jeder muss schauen, dass er innovativ und informiert bleibt. Die neusten Tools kennen und wissen, was in der Branche besprochen wird. Und sich dann fragen: Worin kann ich Expertin werden und Sichtbarkeit erlangen? Die sozialen Medien sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Hier kann die eigene Geschichte erzählt werden, die wiederum andere dazu inspiriert, selbst über sich zu berichten und sichtbar zu werden.

Netzwerken Frauen anders als Männer?

Es gibt Studien, die belegen, dass Männer sehr zielorientiert vorgehen. Das beobachte ich auch und kenne es durchaus noch aus der Politik. Wenn es um Befindlichkeiten geht, sind Männer befreiter. Denen ist es egal, ob sie die Nase des anderen ausstehen können oder nicht. Bei Frauen muss es auch persönlich passen. Sie sagen sich: „Ich will hier nicht nur mein Business abziehen, sondern bin auch wirklich an der Person und ihrer Geschichte interessiert“. Diese Haltung ist ehrenwert, führt aber häufig dazu, dass Frauen ihre Netzwerk-Beziehungen unnötig aufblasen. Darum gebe ich den Frauen immer mit: Macht Euch von der Erwartungshaltung frei, die Freundin fürs Leben zu treffen. Sonst werdet ihr enttäuscht.

Können wir festhalten: Networking bedeutet nicht, möglichst viele Leute zu kennen?

Ganz genau. Ich setze mich nicht aus dem Gedanken heraus fürs Netzwerken ein, tausend Kontakte in der Minute zu machen. Das hätte eher einen Vertriebscharakter und darum geht es nicht. Sondern um loyale Businesskontakte, die Sparringspartner und Helfer in der Not sind.