Theodor Heuss – ein Leitbild für den Liberalismus

27.12.2003

ein Überblick über das Leben von Theodor Heuss

„Das Schicksal hat mich, ohne daß ich das 'erstrebte', zu einer deutschen Geschichtsfigur gemacht; ich glaube, der Aufgabe nach meiner Art genügt zu haben.“

Meine Damen und Herren, mit diesen zugleich bescheidenen und selbstbewußten Worten blickte Theodor Heuss in einem privaten Brief auf sein Leben zurück. In der Tat verlief der Weg des am 31. Januar 1884 im württembergischen Brackenheim geborenen Sohn eines Tiefbauinspektors keineswegs gradlinig und daß er einmal zu einer Symbolfigur des deutschen Liberalismus und lange Jahre zur Leitfigur der politischen Kultur in Deutschland werden würde, hätte sich Heuss wohl noch nicht einmal 1949, als er zum 1. Präsidenten der Bundesrepublik gewählt wurde, träumen lassen.

Aufgewachsen im demokratisch-liberalen Milieu Südwestdeutschlands, in einem Elternhaus, in dem die Erinnerung an 1848 wachgehalten wurde und in dem man Naumanns Schriften las, war Heuss zeit seines Lebens ein in historischen und politischen Bezügen denkender, neugieriger und lebensfroher Mensch. Photos des jungen Heuss zeigen einen schönen, bohèmehaft wirkenden Mann, und auch die Bilder des Bundespräsidenten strahlen neben der Würde des Amtes die Lebensfreude und den Humor des Amtsinhabers aus: Heuss, lächelnd, eine Zigarre in der Hand, plaudernd oder winkend – so ging er in die Erinnerung vieler Menschen ein. Die Mitarbeiter des in seinem Stuttgarter Haus eingerichteten Museums erzählen, daß noch heute, 40 Jahre nach seinem Tod, Menschen zu ihnen kommen, die sagen: „Der Heuss..., da kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen!“

Heuss war ein Bildungsbürger alten Stils, interessiert an Geschichte und Politik, an Literatur und Kunst. Er liebte es, sich durch Wort und Bild auszudrücken: Nicht nur daß er seine Reden selber schrieb und bis zu seinem Tod eine ausgedehnte Korrespondenz unterhielt, sondern er verfaßte auch noch als Bundespräsident Artikel zu Kunst und Literatur, gab ein Sammelwerk zu den „Großen Deutschen“ heraus und zeichnete. Während der Nazizeit schrieb er vier Biographien, unter anderem die von Friedrich Naumann und Robert Bosch. Und selbstverständlich gehörten Schriftsteller und Künstler in allen Lebensphasen zu seinen Freunden.

Neugierig und offen für Begegnungen mit Menschen ließ Heuss sich durchaus von Vorbildern leiten. Als er 1902 in München mit dem Studium begann, belegte er so unterschiedliche Fächer wie Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Geschichte, Nationalökonomie und Staatslehre. Daß er schließlich mit einer Arbeit zum „Weinbau in Heilbronn“ zum Doktor der Staatswissenschaften promovierte, ist Lujo von Brentano zu verdanken, dessen liberale Weltanschauung ihn ebenso beeindruckte wie seine wissenschaftliche Reputation. Theodor Barth und Hans Delbrück brachten ihn dann später in Berlin der politischen Arbeit nahe und durch die Bekanntschaft mit Ernst Jäckh wurde er zum Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes und Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik. Den wichtigsten und nachhaltigsten Einfluß auf Heuss übte aber Friedrich Naumann aus, der sein politischer Ziehvater wurde und auf den er sich bis ins hohe Alter bezog.

Die Bekanntschaft mit Friedrich Naumann hatte Heuss in seinem Elternhaus gemacht, bereits als Schüler und dann als Student hatte er hin und wieder Artikel für dessen Zeitschrift „Die Hilfe“ geschrieben, deren Redakteur er dann lange Zeit war, und in seinem Haus lernte er 1905 die Straßburger Professorentochter Elly Knapp, seine spätere Frau kennen. Er hat seinem großen Vorbild mit der Gründung unserer Stiftung ein Denkmal gesetzt und deshalb, aber auch, weil man Heuss ohne Naumann nicht versteht, möchte ich gerne an dieser Stelle einen Moment bei unserem Namenspatron verweilen.

Heuss war, wie andere auch, zuerst einmal fasziniert von der charismatischen Ausstrahlung des evangelischen Pfarrers, der in seiner Erscheinung so sehr unseren Vorstellungen eines Mannes des 19. Jahrhunderts entspricht, der aber in seinen politischen Ansichten seiner Zeit in vielem voraus war. Heuss hat das in seiner Rede zur Eröffnung der Friedrich-Naumann-Stiftung im Jahre 1958 dargelegt. In dieser Rede gibt er das Erbe Naumanns an die nach ihm benannte Stiftung vor allem in der „unbelasteten Unbefangenheit seines Fragens“ weiter. Das Moderne an Naumann ist für Heuss dessen Fähigkeit, Lernender zu sein: „Aber wenn hier“ – so Heuss- „in der Friedrich-Naumann-Stiftung gelehrt werden wird, dann mag dies doch ein sonderliches Erbe sein, daß dieser Mann, der in so großartiger Weise ein Lehrender gewesen ist, immer ein Lernender vor den Wirklichkeiten blieb, um sich ihnen in der Freiheit einer sittlichen Entscheidung zu stellen.“

„Freiheit“ – damit ist das Leitmotiv für Heussens Leben genannt. Heuss war ein freier und innerlich unabhängiger Mann, ein Liberaler, der sich nie festlegen ließ auf Dogmen und auch nicht auf Parteiprogramme. Er selber brauchte gerne den Naumannschen Begriff des „Elementarliberalismus“, und er meint damit eine individuelle Grundhaltung, eine Gesinnung. Die vornehmste Aufgabe, ja die Quelle jeden Liberalismus ist für Heuss die „Chance der freien Persönlichkeitsgestaltung und –behauptung“, aber wie nur wenige kann er diese abstrakte Formulierung konkret und sinnlich füllen: Es gehe darum, daß der Mensch „von Angst und Bedrängnis befreit den Sinn seines Lebens selber suchen und erfüllen“ kann. Gesellschaft und Staat haben hierfür einen verläßlichen Rahmen zu geben, indem Verfassung und Gesetzgebung die persönlichen Rechte der Staatsbürger garantieren und schützen.

In diesem Liberalismusbild kommt der politischen Bildung eine besondere Rolle zu. Daß sie keine Indoktrination, kein Auswendiglernen von Gesetzen oder Regeln sein darf, versteht sich ebenso von selber, wie daß sie nicht im Auftrag einer Partei geschehen kann. Ziel einer politischen Bildung im Sinn von Naumann und Heuss ist es, Bürger und Bürgerinnen heranzuführen an die Mitwirkung und Übernahme von Verantwortung im politischen Raum. Es geht um eine politische Bildung, „die von dem und in dem Glauben an die Freiheit der Menschen lebt“ und deren Ziel eine liberale Ordnung der Gesellschaft ist. Naumann mit seiner Staatsbürgerschule ist auch hier Vorbild für Heuss. In einem Brief beschreibt Heuss 1960 sein Ziel für die Arbeit unserer Stiftung so: „...wie Sie wissen, ist im vergangenen Jahr die Friedrich-Naumann-Stiftung ins Leben gerufen worden, durch die in einem nicht parteigebundenen Sinn die soziale und liberale Gesinnung, für die Naumann in seiner Zeit den gewissen Ausdruck gefunden hatte, durch Sachvertiefung gesichert und zugleich entwickelt werden sollte.“

Die Stiftungsgründung fand im Mai 1958 im Haus des Bundespräsidenten statt, er setzte als erster seinen Namen auf die Stiftungsurkunde. Als in den Stiftungsgremien Anfang der 60er Jahre die Idee entstand, eine eigene Bildungseinrichtung zu bauen und ihr den Namen von Heuss zu geben, gab er hierzu sein Einverständnis, wenn auch mit der ironischen Bemerkung, daß der Name Heuss die Akquisition von Spenden sicher leichter machen würde. Als ehemaliger Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes war er sehr interessiert an den Bauplänen für die Akademie, die ihm in ihrer Nüchternheit und Funktionalität sicher gefallen hätte, deren Eröffnung im Mai 1967 er allerdings nicht mehr erlebte.

Heuss war sein ganzes Leben lang auch und vor allem Politiker. Als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei gehörte er nicht zur aktiven Führungsriege der Liberalen, sondern er wirkte eher durch Schrift und Wort. Die Erfahrungen von Nazidiktatur und 2.Weltkrieg bestärkten ihn in seiner Wertschätzung der Freiheit und so war er 1945 bei den Liberalen der ersten Stunde. Er war eben nicht der Meinung, daß der Liberalismus „zu den Akten“ zu legen sei, wie einige seiner früheren Weggefährten, die ihren Platz in SPD oder CDU fanden. Auch wenn die Erfahrung sozusagen millionenfach dagegen gesprochen hatte, daß die Menschen frei und verantwortlich handeln: Heuss hielt fest an seinem Menschenbild. Unvergessen die Sätze, die er auf der Parteigründungsversammlung in Heppenheim sprach: „Wir wollen bei uns nicht die Menschen sammeln, die etwas werden wollen, sondern die etwas sein wollen, nämlich sie selber, Menschen eigenen Wuchses und eigener Verantwortung...“. Ihm waren die Schwierigkeiten einer Partei, die sich als Partei von Individualisten versteht, durchaus bewußt. Um es mit seinen Worten zu sagen: „Eine liberale Partei wird nie eine einfache Schablone ertragen können. Sie wird verschiedene Dialekte und verschiedene Tonarten in sich dulden müssen; ihr Reichtum muß es sein, selbständige, unabhängige Männer und Frauen unter ihren Gliedern zu besitzen. Aber gegenüber den wachsenden wirtschaftlichen und politischen Organisationen muß der Liberalismus, will er die politische Wirkung seiner Partei nicht zerreiben lassen, in höherem Maße Parteisinn gewinnen als bisher. Der Einzelne muß Opfer bringen können, nicht in seiner Überzeugung, sondern in dem Grad und Charakter seiner politischen Betätigung. Die politische Arbeit soll nicht an den eigenen Wünschen und Behagen orientiert werden, sondern an den gemeinsamen Zielen...“.

Das Amt des Bundespräsidenten zwang ihn zur parteipolitischen Neutralität, aber aus seinen Tagebuchbriefen an Toni Stolper wissen wir, wie schwer es ihm oft fiel, nicht in die parteiinternen Auseinandersetzungen der 50er Jahre „erzieherisch“ – diesen Ausdruck gebraucht er in dem Zusammenhang – einzugreifen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundespräsidentenamt bekannte er sich in einer Rede 1961 auf dem Bundesparteitag der FDP zu seinen Wurzeln, wenn er auch im anschließenden Wahlkampf nicht damit einverstanden war, daß die FDP mit seinem Konterfei warb. Sie können sich die entsprechenden Dokumente nachher in unserer kleinen Ausstellung ansehen.

Die große Stunde von Heuss schlug im Parlamentarischen Rat: hier wird er aufgrund seiner umfassenden Kenntnis der deutschen Verfassungsgeschichte, seiner historischer Bildung und aufgrund seiner Fähigkeit, vermittelnd einzugreifen zu „einer Gestalt von überparteilicher Ausstrahlung“, wie es Hermann Rudolph einmal formuliert hat. So war es nicht nur „Koalitionsarithmetik“, die ihn zum 1. Bundespräsidenten werden ließ und seine Präsidentschaft wurde, wie es der sozialdemokratische „Vorwärts“ am Ende seiner Amtszeit formuliert, einer der ganz seltenen Glücksfälle der deutschen Geschichte.

Durch seine Amtsführung hat er der jungen Bundesrepublik Deutschland einen liberalen Stempel gegeben. Sein politischer Stil, die in ihm gelebte Verbindung von Kultur und Politik machten ihn zum ersten Bürgerpräsidenten der Deutschen und er schuf das Passepartout für alle seine Nachfolger. Es gelang ihm den Deutschen ihre Würde wiederzugeben und ihnen die Demokratie verständlich zu machen. In seiner Person repräsentierte er das andere, das bessere Deutschland, und damit wirkte er nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Bei seinen Staatsbesuchen verstand er sich als „ehrlicher Sendbote eines Deutschland des guten Willens“ (Eschenburg). Die persönliche Glaubwürdigkeit war auch hier Fundament seiner Autorität und er selber gab seinem Nachfolger Lübke den Rat mit auf den Weg: „mit sich selber im Reinen bleiben...!“

Sein Instrument als Bundespräsident blieb das Wort in Schrift und Rede, wobei Rede, Ansprache bei Heuss – wie Eschenburg es treffend beschrieben hat - immer hieß: „den anderen anzusprechen unmittelbar und eindringlich.“ Er stellte sich auf seine Zuhörer ein, suchte den Kontakt, wie er überhaupt mit seiner schwäbischen Bonhommie die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Deutschen nach dem Krieg erfüllte.

Als der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Theodor Heuss 1959 den Friedenspreis verlieh, hieß es in der Urkunde: „Theodor Heuss dem liberalen Manne, der ein Leben lang die Würde des Menschen vertrat, dem großen Schriftsteller, der Vergangenheit und Gegenwart von gefährlichen Ressentiments befreite und den hellen und sauberen Verstand an ihre Stelle setzte, dem redlichen Menschen, der Anmut und Würde mit nobler Geistigkeit verband, und der – ein Vorbild für viele in schwerer Zeit – Idee und Wirklichkeit in seiner Person und in seinem Werk in Einklang brachte...“. Treffender kann man Theodor Heuss kaum beschreiben.

„Schreibt Erinnerungen auf! – forderte Heuss einmal seine Landsleute auf. Er selber hat sich immer wieder und sehr gerne mit Geschichte beschäftigt und er hätte sich sicher sehr gefreut, wenn er erlebt hätte, daß die Liberalen es zu einem Archiv gebracht haben und daß dieses Archiv in der nach ihm benannten Akademie seinen Platz gefunden hat. Bei den Plänen für die Akademie war von Anfang an vorgesehen, hier eine Stätte der Liberalismusforschung mit Archiv einzurichten. Mit einiger Verzögerung ist es dazu vor genau zwanzig Jahren gekommen und ich freue mich, daß das Gedenken an Theodor Heuss uns die Gelegenheit gibt, Ihnen einen Teil unserer Arbeit zu präsentieren. Als historisches Gedächtnis des Liberalismus sehen wir unsere Aufgabe darin, zur Identitätsbildung der Liberalen beizutragen, sei es durch die Pflege des schriftlichen Erbes, sei es durch Veranstaltungen zur Geschichte des Liberalismus in Deutschland und in Europa, sei es durch Vorträge, Artikel, Publikationen oder auch Ausstellungen.
Wir möchten unser Schätze nicht verstecken, sondern wir wollen sie im Gegenteil präsentieren. Wir fühlen uns dem Auftrag verpflichtet, dafür zu sorgen, daß der Anteil der Liberalen an der Geschichte Deutschlands öffentlich und gebührend gewürdigt wird. Viele Editionen und Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt sind in unserem Archiv entstanden.

In zwei Vitrinen finden Sie heute aus unserem Bestand Dokumente zu Theodor Heuss: Unter anderem beschreibt Heuss in einem Brief das Leben in 2 Heidelberger Dachstuben in den beiden letzten Kriegsjahren und Elly Heuss-Knapp gibt im Oktober 1949 einen amüsanten Bericht über die ersten Wochen im Bundespräsidentenamt. Die zweite Vitrine enthält Briefe aus der Korrespondenz zwischen Theodor Heuss und Thomas Dehler, in denen Sie den Heuss der spitzen Feder kennen lernen, der seine Meinung bestimmt und mit Ironie zum Ausdruck bringt.

Sie werden in den kommenden Wochen einiges über Heuss lesen, jährt sich doch nicht nur sein Todestag, sondern Ende Januar auch sein 120. Geburtstag. Wir wollten Heuss selber zu Ihnen sprechen lassen, und haben deshalb aus seinen Briefen, Reden, Artikeln und Büchern Passagen ausgesucht, die Ihnen hoffentlich ein anschauliches (und manchmal auch amüsantes) Bild von Leben und Werk des liberalen Politikers, des Schriftstellers, des Bundespräsidenten vermitteln. Sie werden einem Menschen begegnen, der sich nie „einkasteln“ ließ, nicht von Institutionen, nicht von der Politik und auch nicht von seiner Partei. Er war ein Liberaler: unabhängig, eigenständig und auch eigenwillig und mit diesen Eigenschaften kann er sicher heute noch Vorbild sein.

Dr. Monika Faßbender
Leiterin des Archivs des Liberalismus