Südkorea
Corona-Infizierte: Von Null auf Hundert nach einer Nacht

Ein einziger Partygänger in Korea hat nun vor Augen geführt, dass der Sieg über das Virus noch nicht erreicht ist - und wie fragil die Akzeptanz von Minderheiten sein kann
Desinfektion Club Made
Gesundheitsbeamte desinfizieren das Innere von MADE, einem großen Club im internationalen Touristenviertel Itaewon in Seoul. © picture alliance/YONHAPNEWS AGENCY

In den vergangenen Wochen hatte sich Südkorea durch beeindruckende Erfolge bei der Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus weltweit Respekt und Anerkennung erworben. Nun waren Lockerungen des Social Distancing eingeleitet worden, denn die Zahl der heimischen Infektionen war auf Null abgesunken. Ein Grund zum Feiern.

Die Südkoreaner hatten sich in den vergangenen Monaten so sehr zurückgehalten und viel Verantwortungsbewusstsein in ihrem Sozialverhalten gezeigt. Regierung, Behörden und Bevölkerung waren so stolz auf das Erreichte: keine heimischen Neuinfektionen mehr. Doch gerade vielen jungen Menschen fehlte das regelmäßige Ausgehen. Und nun, zum mutmaßlichen Ende der Restriktionen, wuchs die Ungeduld, endlich wieder sorgenfreier miteinander umgehen zu können. Das lange Wochenende um den ersten Mai und weitere Feiertage boten sich an.

Das sagte sich auch ein 29-jähriger Mann, als er sich am 1. Mai im Seouler Stadtteil Itaewon auf eine ausgedehnte Tour durch fünf Clubs und Bars begab. Dass er sich in dieser Nacht als Covid-19-Superverbreiter durch den Bezirk feiern würde, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Mittlerweile weiß man, dass der junge Mann Ursprungsherd für die Infektion von mehr als 120 Personen war. Es steckten sich überwiegend Besucher derselben Lokale an, aber auch deren Kollegen und Familienangehörige blieben nicht verschont.

Unerwartete Probleme bei der Nachverfolgung der Infektionskette

Der Fall erinnert an die erste Phase der Ausbreitung des Virus in Korea, als sich die Besucher eines Gottesdienstes in der Stadt Daegu massenhaft gegenseitig ansteckten. Nur dem schnellen Handeln von Regierung und Verwaltungen war es zu verdanken, dass der allergrößte Teil der Corona-Fälle Südkoreas auf die 300 Kilometer südlich von Seoul gelegene Stadt und ihre Umgebung begrenzt blieb.

Einer der Erfolgsfaktoren war, dass man Infektionswege stets nachvollziehen und den Kontakt zu den möglichen Virenträgern herstellen konnte – oftmals auch unter Umgehung von Bankgeheimnis, Datenschutz und mit Verletzung der Privatsphäre. Dieses Mal war es zunächst anders. Zwar werden auf dem „Homo Hill“ - einer Anhöhe in Itaewon, auf der sich Clubs und Bars befinden, die in der LGBT-Szene beliebt sind – auch die zurzeit obligatorischen Besucherlisten geführt. Doch gaben viele Gäste falsche Namen, Kontaktdaten und Telefonnummern an. Sie wollten nicht dokumentieren, dass sie Teil der Szene sind. Später, bei der Rückverfolgung der Infektionswege, waren sie nicht erreichbar. Seouls Oberbürgermeister Park beklagte vor einigen Tagen, dass man zwar die Namen von 5.517 Besuchern habe, von diesen aber nur 2.405 erreichen konnte. Wer falsche Angaben gemacht hatte, seine Drinks aber mit der Kreditkarte bezahlte, hatte Pech: monetäre Bewegungsprofile werden in Zeiten wie diesen bei Bedarf behördlich nachvollzogen.

Die Bewohner der Gemeinde Seoul in Yongsan stehen in einem kommunalen Gesundheitszentrum an, um sich auf das Coronavirus testen zu lassen.
Bewohner des Stadtteils Itaewon im Bezirk Yongsan-gu in Seoul stehen stehen in einem kommunalen Gesundheitszentrum an, um sich auf das Coronavirus testen zu lassen. © picture alliance/YONHAPNEWS AGENCY

Angst vor Outing und Diskriminierung

Warum gerade in diesem Umfeld überdurchschnittlich viele Menschen ihre Anonymität zu wahren versuchen, hängt zu großen Teilen mit einem Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz von Homosexualität und anderen sexuellen Orientierungen zusammen. In den vergangenen Jahren hat hier zwar ein Wandel begonnen, doch ist der Weg zu einer wirklichen Integration in der Mehrheitsgesellschaft noch weit.

Als bekannt wurde, dass es sich bei dem Superspreader um einen Homosexuellen handelte, schlugen die Wogen von Aufregung und Ablehnung vor allem in den Sozialen Medien hoch. Konservative Zeitungen nutzten die Gelegenheit, Saunen, Clubs und Darkrooms der Szene zu kritisieren. Zwar gehört Social Distancing dort in der Tat nicht zum Markenkern. Aber die Konservativen tun nun so, als ob es solche Etablissements nicht auch für Heterosexuelle gäbe.

Ein Outing ist für Schwule und Lesben in Südkorea ungleich schwieriger als zum Beispiel in Deutschland. Die Angst vor Nachteilen im Berufs- und Privatleben ist sehr groß und berechtigt. Wie schädlich dieser den Betroffenen auferlegte Zwang zur Anonymität und zur Verleugnung ihrer Neigungen sein kann, hat sich nun in den Bars von Itaewon gezeigt. Mittlerweile haben Gesundheitsbehörden und hochrangige Politiker anonyme Tests zugesichert. Alle Partygänger mögen sich melden.

Vergnügungslokale wieder dicht, Semester- und Schulbeginn erneut verschoben

Die Auswirkungen dieser besonderen Partynacht sind gewaltig. Im Lichte der Neuinfektionen müssen Einrichtungen, in denen körperliche Nähe billigend in Kauf genommen wird, für zwei weitere Wochen schließen. Auch die geplante schrittweise Wiedereröffnung der Schulen ist erneut verschoben worden. Die Universitäten verlängern die Onlinephase des Semesters ein weiteres Mal. Viele Schüler haben seit Dezember 2019 keine Schule mehr von innen gesehen, zunächst ferien-, dann coronabedingt.

Die Furcht vor einer zweiten Welle von Covid-19 ist in der Republik Korea so groß wie die Befürchtung, all die erfolg- und entbehrungsreichen Bemühungen der vergangenen Monate könnten umsonst gewesen sein.

 

Dr. Christian Taaks ist Leiter des FNF-Büros Korea mit Sitz in Seoul.

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Johann Ahlers
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