Thailand

Startup Küche Thailand

Thailands Regierung setzt jetzt mit ihrer Thailand 4.0 Kampagne auf Digitalisierung und Startups. Alles nur Slogans?

Meinung19.09.2018Martin Venzky-Stalling
hailands Tech-Startup Landschaft vielfältiger und dynamischer geworden, mit einer Reihe von kommerziellen Erfolgsgeschichten
Thailands Tech-Startup Landschaft vielfältiger und dynamischer geworden, mit einer Reihe von kommerziellen Erfolgsgeschichten CC BY 2.0 Flickr.com/ yeowatzup

Thailand ist bekannt für seine Strände und das gute Essen der unzähligen Straßen-Garküchen. Doch wirtschaftlich sitzt es in der sogenannten “Middle Income Trap“, was den Sprung in den Kreis der Industrienationen schwierig macht. Die Regierung setzt jetzt mit ihrer Thailand 4.0 Kampagne auf Digitalisierung und Startups. Alles nur Slogans? Oder brodelt es in der Startup-Küche in Thailand tatsächlich schon? 

Als Amarit Charoonphan, Mitbegründer des Coworking Space Hubba 2013 auf der TEDxChiang Mai-Bühne über die Bedeutung von Coworking Spaces und die wachsende Startup-Szene sprach, war das für viele der thailändischen Zuhörer neu. Amarit gehörte zu den Pionieren einer aufstrebenden Tech-Startup-Szene. Seit 2012 hat sich Amarits „Hubba“ zu einem der wichtigsten Coworking Spaces in Thailand entwickelt, und er ist Mitorganisator von „TechSauce“, einer der größten Tech-Startup-Konferenzen in Südostasien.

Thai Tech-Startups sind digital

Vor nur acht bis zehn Jahren gab es in Thailand keine große Startup-Szene. Seitdem ist Thailands Tech-Startup Landschaft vielfältiger und dynamischer geworden, mit einer Reihe von kommerziellen Erfolgsgeschichten und vielen weiteren interessanten jungen Unternehmen, die nach nachhaltigen Geschäftsmodellen streben. Einige der bekanntesten Startups wie z.B. Wongnai (ein Online-Restaurantführer) oder Builk (digitale Plattform für die Bauindustrie) beginnen, Gewinne zu erzielen, und denken teilweise über den Gang an die Börse nach.

Viele der ersten Startups konzentrierten sich auf die Entwicklung von sogenannten B2C-Plattformen (also Plattformen, die Unternehmen mit den Konsumenten vernetzen) und mobilen Anwendungen und suchten mit Hilfe von digitaler Technologie nach Skalierbarkeit. E-Commerce kam so richtig in Schwung, nachdem die Bedenken bezüglich Online-Zahlungen und Logistik ausgeräumt wurden. Thailand bietet hier ein gutes Geschäftsumfeld, da Smartphones weit verbreitet sind und die Bevölkerung die vorhandene digitale Infrastruktur einfach nutzen kann. Thailand gehört weltweit zu den Top 10-Ländern hinsichtlich Facebook-Nutzung

Startup-Szene entwickelte sich zuerst organisch 

Thailands Technologie-Startup-Szene entwickelte sich organisch, angetrieben vor allem von jüngeren Thais. Viele hatten eine internationale Ausbildung und versuchten, etwas nicht-traditionelles mit ihrem Leben anzufangen. Sie wurden von den Möglichkeiten und dem Flair des Tech-Startup Unternehmertums angezogen. Unterstützt hat sie eine kleine Anzahl an Community-Entwicklern wie Amarit, die Veranstaltungen und den Aufbau von Netzwerken oder Vereinen organisierten. Mit Hilfe von AIS und DTAC, zwei lokalen Telekommunikationsunternehmen, entstanden die ersten privaten Gründerzentren und Accelerators.

Die Startup-Szene ist insgesamt noch sehr auf Bangkok konzentriert, allerdings hat sich, unter anderem durch Initiativen wie Creative Chiang Mai, die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands mittlerweile auch zum interessanten Standort für digitale Startups entwickelt.

„Startup Thailand“ als neue Regierungspriorität

Die thailändische Regierung hat mit ihrer „Thailand 4.0“-Kampagne seit zwei Jahren auch die  Bedeutung von Technologie-Startups entdeckt. Seitdem hat sie Förderprogramme initiiert und Veranstaltungen und Wettwerbe finanziert. Strukturen in Universitäten wurden zumindest zum Teil aufgelockert. Mit einem „Research Gap Fund“ werden Firmen und Startups unterstützt, Ideen aus der Forschung kommerziell umzusetzen. Hochschulforschern wird ermöglicht, Startups zu gründen, und die Einrichtung von Universitätsinkubatoren, Startbeschleunigern und Unternehmercamps wird gefördert. Außerdem gibt es Gesetzesinitiativen, z.B. für ein Startup-Gesetz. Diese Vorhaben sind positiv zu bewerten, sie müssen sich aber noch in der Praxis beweisen.

In vielen Bereichen sind aber Gesetze oder Regulierungen, und auch das Herangehen der Regierung an das Thema Startups und digitale Wirtschaft noch nicht förderlich. Bürokratismus und Korruption machen  vor allem neuen Firmen das Leben schwer. Hinzu kommen Unsicherheiten bezüglich Gesetzesvorhaben zur Kontrolle des Internets, was Firmen in datenintensiven Branchen zum Teil abschreckt. Am wichtigsten ist vielleicht aber eine gewisse Mentalität der Abwehrhaltung gegen neue Ideen, die im Bildungsbereich besteht, aber auch das allgemeine Umfeld für neue Unternehmen noch schwierig macht. Einige digitale Geschäftsmodelle werden als Bedrohung angesehen. Andere Firmen kämpfen mit der niedrigen Digitalisierung von Behörden und ihrer geringen Bereitschaft, Daten in digitalen Formaten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Momentan verlagert sich der Fokus in Richtung Förderung von Startups in bestimmten Technologiebereichen oder spezifischen Branchen. Die Startup-Cluster Fintech (digitale Technologien im Finanzbereich), Agri-Tech (Agrarwirtschaft und Lebensmittelindustrie) und eSports (virtuelle Sportveranstaltungen und Wettbewerbe) wachsen. Die thailändische Regierung fördert aktiv Startups in Bereichen wie Gesundheit, Tourismus, Landwirtschaft/Lebensmittel und Energie. Das thailändische Ministerium für Wissenschaft und Technologie fördert außerdem so genannte Deep-Tech-Startups (Deep-Tech steht für fortgeschrittene Technologien). Es gibt zwar ein paar Erfolge, aber in diesen Bereichen braucht man meist mehr Zeit mit dem Unternehmensaufbau als bei Startups mit reinen digitalen Geschäftsmodellen.

Herausforderung:  Früh-Finanzierung  

Eine der größten Herausforderungen für lokale Startups bleibt der Zugang zu Finanzierungen während der Aufbau-Phase. Nur wenige der Instrumente der Regierung stellen das benötigte Risikokapital zur Verfügung (oder zu Bedingungen, die für Unternehmer attraktiv sind). Die Entstehung von mehr Bank- und Corporate Venture Capital (CVC) Fonds, also sehr großen Firmen, die Startups unterstützen, war wichtig, um neue Finanzierungsmöglichkeiten für Startups zu schaffen. Die Finanzierung im Frühstadium, insbesondere außerhalb von Bangkok, bleibt jedoch eine Herausforderung.

Ausländer am Start

Auch Ausländer spielen in der Startup Szene mit, zumal Thailand als einer der beliebtesten Orte für digitale Nomaden gilt. Sie genießen den hochwertigen Lebensstil und die gute Infrastruktur, wie zum Beispiel zuverlässige Internetverbindung und eine große Anzahl von Coworking Spaces.

Es gibt viele Beispiele für interessante Technologie-Startups von Ausländern, auch wenn diese in der Szene weniger bekannt sind. BuzzWoo in Chiang Mai zum Beispiel wurde von einem Deutschen gegründet, der an einer lokalen Universität studierte. BuzzWoo arbeitet jetzt für deutsche und andere internationale Kunden in den Bereichen digitales Marketing, Design und Web Development. Omniscien Technologies (maschinelle Übersetzungen) begann lange vor dem thailändischen Startup-Boom, ist aber ein interessantes Beispiel für ein sogenanntes Deep-Tech-Unternehmen. Zwei interessante Startups mit einer Gruppe von Gründern unterschiedlicher Nationalität, darunter Thais, sind Eatigo und Ricult. Eatigo ist eine Plattform, die Online-Reservierungen für Restaurants anbietet und in Thailand begann. Eatigo ist mittlerweile in mehreren südostasiatischen Ländern präsent und Marktführer in dieser Sparte. Ricult ist ein aufstrebendes Startup-Unternehmen für Agrartechnologie. Ein neuer Trend ist, dass Startups aus anderen Ländern nach Thailand ziehen, was zu einer aktiveren Fusions- und Übernahme-Landschaft beiträgt.

Insgesamt tut sich Thailand mit ausländischen Nomaden und Startups noch schwer. Das thailändische Board of Investment (BOI), das für die Förderung von Investition verantwortlich ist, versucht zwar, Ausländern zu helfen, ist aber insgesamt noch immer stärker auf größere Institutionen vor allem im industriellen Bereich ausgerichtet. Ein vor kurzem eingeführtes Smart Visa, einschließlich einer Startup Visa-Kategorie, wurde unter Experten mit wenig Begeisterung begrüßt. Erfolgreiche Bewerber sind bislang nicht bekannt. Viele Förderprogramme sind nicht offen für Startups, die von Ausländern gegründet worden sind. Dazu gehören oft sogar Firmen, die mehrheitlich Thailändern gehören.

Thailand ist ein Land, in dem der Unterschied zwischen dem, was auf dem Papier steht und dem, was in der Praxis geschieht, recht hoch ist. Wenn man sich auskennt, Marktpotential hat und spezielle Stärken Thailands nutzen kann, ist Thailands interessant. Die niedrigeren Kosten, im Vergleich mit Deutschland zum Teil geringere Regulierungen in einigen Sparten, positive Erfahrungen mit thailändischem Personal und die Lebensqualität tragen dazu bei, dass doch immer mehr Ausländer in Thailand Firmen gründen.

Nicht digital, trotzdem innovativ?

Die lokale Startup-Szene durchläuft nun eine neue Phase von Herausforderungen. Es gibt immer noch viele Startups, die über ihr Wachstum sprechen, das aber nur auf Finanzierung und nicht auf ihren Ideen, der Neuartigkeit ihres Geschäftsmodells oder der Rentabilität basiert. Einige äußern den sehnlichen Wunsch, dass Thailand bald sein erstes „Einhorn“ bekommt (ein „Einhorn“ ist eine Firma mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar).

Sollte aber Thailand nicht eher zu einem Schmelztiegel innovativer und vielfältiger Ideen, Geschäftsmodelle, Technologien und Dienstleistungen werden, der auf seinen alten und neuen Stärken aufbaut? Vielleicht müssen nicht alle (Tech-)Startups überwiegend digital sein? In Thailand sind die interessantesten Orte zum Essen nicht die Restaurantketten, sondern die Straßenhändler und Restaurants in lokalen Ladenlokalen oder alten Holzhäusern.

Am wichtigsten bleibt eine gute Idee, die Kunden und Märkte verbindet, die über den eigenen Horizont hinauswächst und Biss in den Aufbau des eigenen Unternehmens steckt. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat deshalb dieses Jahr zum ersten Mal das Falling Walls Lab in Thailand ausgerichtet. Es   bringt junge Menschen zusammen, die innovative Ideen haben. Der Gewinner wird beim internationalen Falling Walls Lab in Berlin seine Innovation vorstellen und eine Idee aus Thailand präsentieren, die die Welt verändern könnte.

Martin Venzky-Stalling ist freier Berater im Bereich ICT und Innovation,  Berater am Science & Technology Park Chiang Mai University, und Gründer einer Medical Services Startup in Chiang Mai.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Experten der Stiftung für die Freiheit:

Katrin Bannach
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Thailand
Tel.: +662 365 0570