Sieh, das Gute liegt so nah

Erfahrungen zur digitalen Bürgerbeteiligung aus Indien

Meinung15.05.2017Anna Marti
I change my city
Das Bürgerbeteiligungsportal "I change my city" bringt Bürger mit den Behörden in wechselseitigen Austausch. Janaagraha

Vom 15. bis 28. Mai 2017 finden in Berlin die Asien-Pazifik Wochen statt. Zur „Connecting Startup Cities“ Konferenz vom 17. bis 19. Mai bringt die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Srikanth Viswanathan, Hauptgeschäftsführer der indischen NGO Janaagraha Centre for Citizenship & Democracy als Redner zum Thema Smart Cities nach Berlin.

Im Interview mit Srikanth Viswanathan fragte freiheit.org nach den Erfahrungen, die seine Organisation Janaagraha in Indien zum Thema digitale Bürgerbeteiligung gemacht hat.

Die Organisation Janaagraha wurde 2001 in Bengaluru gegründet – in einer Stadt, die auch als das “Silicon Valley Indiens” bezeichnet wird. Wie hat dieser Umstand Janaagraha beeinflusst? Oder anders gefragt: Hätte Janaagraha auch in einer anderen indischen Stadt gegründet werden können?

Nun, Janaagraha wurde vor allem hier gegründet, weil unsere Gründer Swati Ramanathan und Ramesh Ramanathan aus dieser Stadt stammen. Bengaluru hat sicherlich eine spezielle zivilgesellschaftliche Energie, die uns in unserer Arbeit zur aktiven Bürgerbeteiligung hilft. Und natürlich hoffen wir, dass die Gründung von Janaagraha und unsere Arbeit über die Jahre auch ihren Teil zu dieser Energie beigetragen haben. Janaagraha hätte tatsächlich auch an jedem beliebigen anderen Ort gegründet werden können. Was wirklich zählt, ist die Kraft der Idee und die Überzeugung der Pioniere, die daran glauben, dass sie ihre Idee umsetzen können, in Arbeit, die etwas bewirkt.

Srikanth Viswanathan
Srikanth ViswanathanSrikanth Viswanathan

Einige der erfolgreichsten Initiativen von Janaagraha – wie „I paid a bribe“ oder „I change my city“ sind online-basierte Crowdsourcing-Projekte. In Deutschland wird Online-Aktivismus oftmals kritisch und als wenig effektiv gesehen - etwas auf Facebook zu liken gilt nicht als gleich starke Willensäußerung, wie wenn man auf die Straße demonstrieren geht. Was sind Ihrer Meinung nach die Faktoren welche gerade diese Programme so erfolgreich machten? Werden in Indien „digitale Meinungs- und Willensäußerungen“ als ebenso stark angesehen wie physische Manifestationen?

I Change my City ist ein Bürgerbeteiligungsportal, das die Bürger mit den Behörden verbindet und in einen wechselseitigen Austausch bringt. Es ermutigt Bürger dazu, sich aktiv einzubringen  und zivilgesellschaftliche Themen in ihrem Stadtteil aufzugreifen, ihre Behörden darauf aufmerksam zu machen und sie mit ihnen zu bearbeiten. I Paid A Bribe ist eine Plattform, auf der Bürger ihre täglichen Erfahrungen mit Korruption und Bestechung melden und veröffentlichen können.  Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden und sich Gehör zu verschaffen.

Wir nutzen neben Webportalen auch mobile Apps, räumliche Informationssysteme, Fotos, die mit Standortkoordinaten versehen sind, sowie Dashboards um es den Bürgern noch einfacher zu machen, mit ihren Behörden in einen Austausch zu treten.

Digitale Bürgerbeteiligung kann so viel mehr sein als nur „like“ auf Facebook zu klicken. Wenn Onlineplattformen robust und nachhaltig sind, dann können sie sogar effektiver sein als eine Demonstration auf der Straße. Selbstverständlich sollten wir uns bewusst sein, dass es Raum gibt für alle verschiedenen Ausprägungen von aktiver Bürgerbeteiligung, die sehr gut neben- und miteinander ko-existieren können.

Was ist der Kernnutzen der Herangehensweise von Janaagraha und wie können Länder wie Deutschland und Städte wie Berlin von den Erfahrungen von Janaagraha lernen?

Das Ziel von Janaagraha ist es, Städte in Indien lebenswerter zu machen – unsere Arbeit konzentriert sich also auf Indien. Unsere Erfahrungen lassen sich wohl nicht eins-zu-eins auf den deutschen Kontext übertragen.  Aber ich denke, dass  es eine kraftvolle Idee ist, die Möglichkeiten des mobilen Internets sowie der räumlichen Analyse zu nutzen, um Bürger mit den Behörden und Regierungen in Kontakt uns Austausch zu bringen. Ich denke diese Idee ist allgemein anwendbar – und in einem Land wie Deutschland, wo Smartphones noch weiter verbreitet sind als in Indien, könnte diese Art von Bürgerbeteiligung noch erfolgreicher und breiter sein.

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Anna Marti arbeitet als Asien Referentin bei der Stiftung für die Freiheit.

Anna Marti
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