Freiheitspreis

„Siege für die Freiheit müssen immer wieder errungen werden "

Joachim Gaucks Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche

Meinung20.11.2018
Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., während seiner Dankesrede
Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., während seiner DankesredeStephan Flad

Die Dankesrede von Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., anlässlich der Verleihung des Freiheitspreises 2018 in der Frankfurter Paulskirche.* Den Nachbericht zur Veranstaltung finden Sie hier und die Laudatio auf den Preisträger, gehalten von Ludwig Theodor Heuss, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, hier.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich habe eine wirklich lange Rede vorbereitet, aber eigentlich möchte ich jetzt nur eine Rede aus dem Herzen heraus halten, als Dank für die wunderbaren Geschenke, die ich empfangen habe. Durch diese unerwartet sensiblen, tiefschürfenden und weitgespannten Gedanken, die mir heute geschenkt worden sind von all denen, die zu mir gesprochen haben.

Liebe Frau Beer, dass ich aus dem Munde einer FDP-Spitzenpolitikerin an das Evangelium erinnert werde, ist ein dieser Geschenke. All das hat mich zutiefst bestärkt und so lebt eigentlich jetzt in meinem Herzen eine andere Rede.

Aber wir wollen auch nachdenken und uns nicht nur glücklich fühlen in solchen Stunden der Ehrungen und Würdigungen und der schönen Rückschau, wie wir sie eben von Ihnen, lieber Herr Prof. Heuß, gehört haben. Das war schon sehr bewegend.

Aber natürlich, lieber Herr Prof. Paqué, zuerst steht ein ganz tief gefühlter Dank an Sie, an die Stiftung, an die Kuratorien, die mir diesen Preis zugesprochen haben. Und, natürlich, Herr Bürgermeister, ist es mir eine Ehre, ihn hier in der Stadt Frankfurt am Main und in der Paulskirche entgegenzunehmen. Mir sind diese Traditionen durchaus bewusst und Sie machen auch einen Teil meiner politischen Identität aus.

Wenn ich ihn von der Stiftung entgegennehme, von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dann auch deshalb, weil ich mir vor Augen geführt habe in Ihren Berichten, mit welcher Intensität Sie auch international über die Menschenrechte nachdenken und dazu arbeiten – insbesondere wenn es um Presse- und Meinungsfreiheit geht, um das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Menschenrechten. Dort haben Sie sich engagiert, das gefällt mir. Und das ist einer der Gründe, warum ich mich freue, von Ihnen diesen Preis entgegenzunehmen.

Ich gebe natürlich zu, dass es vor ein paar Jahren, und das klang hier schon an in den Reden, leichter gewesen wäre, eine Dankesrede für einen Freiheitspreis zu halten. 2018 – das sind doch andere politische Erfahrungen und auch andere Gefühle, die in uns und um uns herum sind. 1998 oder 2008 wäre es leichter gewesen, mit Freunden der Freiheit, wie Sie es alle sind, das Lob der Freiheit zu singen. Wir fühlten uns damals eben wie die Sieger der Geschichte.

Meine Damen und Herren, das waren wir auch. Nur dass die Geschichte eben nicht am Ende ist, sondern dass Siege für die Freiheit immer wieder errungen werden müssen, egal von welcher Seite die Bedrohungen nun auch kommen.

Wir hätten damals, vor zehn oder 20 Jahren, natürlich schon gewusst, dass Freiheit immer weiter gestaltet werden muss. Das hat sich in uns eingelagert, dieses Wissen. Aber wir wären uns doch sicherer gewesen als heute, dass die Ideen einer freien und offenen Gesellschaft in Europa und in den Vereinigten Staaten und irgendwann auch weltweit zu Hause gewesen wären. Wir hätten gewusst, dass die Strahlkraft dieser Gedanken viele Länder, die diesen Weg noch nicht beschritten hatten, einladen würde, auch auf diesen Weg einzuschwenken. Das erschien uns nur eine Frage der Zeit.

Ich war als Bundespräsident 2016 bei Ihnen, bei Ihrem europäischen Zukunftskongress in Berlin. Damals standen die Zeichen schon an der Wand: Es gab den Brexit-Beschluss und es gab die Wahlen in den USA. So blickte ich bei meiner damaligen Rede auf den schon erwähnten Ralf Dahrendorf und kam auf einen Text von 1997. Er prophezeite damals, dass die Globalisierung zu einer Gegenbewegung führen würde, nämlich einerseits zu Rückzugsbewegungen, die ihr Heil im kleineren, eben im überschaubaren Nationalstaat sehen würden, vielleicht auch in einer Region. Heute, da würden wir hinzufügen, auch ein Rückzug in identitäre Bewegungen, in bestimmten Gruppen, in Bezug auf Ethnie, Geschlecht, oder andere Gruppenzugehörigkeiten.

Worum geht es dabei eigentlich? Vielleicht geht es darum, dass Leute versuchen, sich zu beheimaten. Und zwar zu beheimaten, in dem, was ihnen vertraut ist. Beheimatung im Vertrauten, im Zusammensein mit Gleichen.

Nicola Beer während ihres Grußworts
Nicola Beer während ihres GrußwortsStephan Flad

Ist die Freiheit so verunsichernd, dass sie automatisch diesen Rückzug auslöst? Darüber haben viele Leute, Psychologen, Politikwissenschaftler und andere nachgedacht, und wir werden es weiter tun. Das Thema wird uns weiter beschäftigen.

Und noch vor einer anderen Gegenbewegung zur Globalisierung warnte Dahrendorf damals, vor 20 Jahren, nämlich vor der Gefahr, dass, „die Entwicklung zur Globalisierung und ihre sozialen Folgen eher Autoritäten als demokratischen Verfassungen Vorschub leisten“. Ein Jahrhundert des Autoritarismus, so sagte er, sei keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose für das 21. Jahrhundert.

Wir neigen uns nochmal mit großem Respekt vor Ralf Dahrendorf, den wir schmerzlich vermissen in dieser Zeit der wichtigen Debatten um Liberalität. Das Epitheton „liberaler Vordenker“ war schon fast zu einem Namensbestandteil geworden für ihn. Es zeigt sich nochmal, wie berechtigt diese Bezeichnung war.

Jedenfalls hätte er uns immer vor Selbstzufriedenheit gewarnt und diese angeblich zwangsläufige Entwicklung hin zur Freiheit mit seinen Fragezeichen versehen.

Und tatsächlich haben uns nun die letzten Jahre unsanfter, als wir uns das wirklich gewünscht haben, daran erinnert, dass Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte in ihrem Bestand eben nie ein für alle Mal gesichert sind und nicht automatisch immer zur weiterer Blüte gelangen. All diese Errungenschaften, wir wissen es, wir ahnen es, wir befürchten es, sie können sich auch zurückentwickeln. Demokratien, so hat es ein kluger Mensch einmal gesagt, von dem wir alle viel gelernt haben, bieten den unglaublichen Vorteil, dass man Regierungen ohne Gewalt friedlich loswerden kann. Aber sie bieten auch die Gefahr, dass auf ganz demokratischem Wege das ausgehöhlt wird, was geschaffen worden ist an Demokratie. Es lässt sich abschaffen, eigenständig, eigenhändig und ganz ohne Gewalt.

Ich spreche hier heute bei einer Stiftung und im Kreise von Menschen, die sich der freien Demokratie in ganz besonderer Weise verpflichtet fühlt, die den politischen Liberalismus in Deutschland mit seinen unterschiedlichen Akzenten gestalten. In vielen Ihrer Bemühungen fühle ich mich Ihnen nahe. Besonders wenn Sie mitunter ganz gegen den Zeitgeist, gegen das Populäre und auch gegen demoskopische Trends wachsame Hüter sind für den Freiraum des Einzelnen und die Selbstentfaltung in den unterschiedlichen Lebensbereichen.