Samtene Revolution
"Wann – wenn nicht jetzt? Wer – wenn nicht wir?"

Vor 30 Jahren begann mit einem Demonstrationszug am 17. November 1989 in Prag die Samtene Revolution
Großdemonstration auf dem Wenzelsplatz am 27. November 1989 in Prag
Großdemonstration auf dem Wenzelsplatz am 27. November 1989 in Prag. Die so genannte Samtene Revolution in der ČSSR, die zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes führte, begann am 17. November 1989 in Prag mit einer friedlichen Demonstration gegen die Regierung, die von Sicherheitskräften brutal aufgelöst wurde. © dpa - Bildarchiv

Es begann ganz plötzlich vor genau 30 Jahren. Und dann ging es ganz schnell. Ja, das kommunistische Regime, das sich seit 1948 mit Gewalt an der Macht erhalten hatte, war auch in der Tschechoslowakei hohl und morsch geworden. Es bedurfte nur noch eines starken Signals, um der Demokratie zum Sieg zu verhelfen.

Am 17. November 1989 versammelten sich vor einem Universitätsgebäude an der Straße Albertov nahe des alten Botanischen Gartens die Studenten zu einem Demonstrationszug. Der Termin war gut gewählt, denn zunächst einmal konnte das Regime gegen eine Manifestation gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus nichts einwenden – dabei übersehend, dass die Demonstranten wohl durchaus eine Parallele ziehen wollten zwischen den beiden großen totalitären Gewaltherrschaften, die das Land durchgemacht hatte. Offiziell sollte die Demonstration an die Ermordung von Studenten durch die Nazibesatzer und die darauf folgenden mutigen Studentenproteste im Jahre 1939, auf den Tag genau 50 Jahre zuvor, erinnern. Aber jetzt ging es in Wirklichkeit gegen die herrschenden Kommunisten, die das Land seit 1948 unterdrückt hatten. Tausende und abertausende Menschen schlossen sich dem Zug an, der sich langsam der Innenstadt näherte.

Und schon zehn Tage später war das alte Regime weggefegt durch das, was man später die Samtene Revolution nennen sollte. Der 17. November ist seither als "Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie" (Den boje za svobodu a demokracii) ein offizieller Staatsfeiertag.

Morsches Regime

Das Regime war morsch, aber nun brauchte es einen Anstoß, um es zu beenden. Die gerontokratische kommunistische Führung unter dem kranken und greisen Gustáv Husák sah zu diesem Zeitpunkt, auch wenn sie es nicht so recht wahrhaben wollte, schon lange ihre Felle wegschwimmen. Ihr System war nie demokratisch legitimiert, sondern gründete sich ausschließlich auf der Hegemonie der Sowjetunion und des Warschauer Paktes, die – wie etwa bei der Niederschlagung des Prager Frühlings und der mit ihm verbundenen auf Liberalisierung abzielenden Reformpolitik im Jahre 1968 – es mit Gewalt aufrecht erhielten. Diese Sicherheit begann nun zu bröckeln. Die Sowjetunion – nun von dem reformorientierten Michail Gorbatschow regiert – griff nicht ein, als am 2. Mai 1989 Ungarn seinen Abschnitt des Eiseren Vorhangs öffnete und so tausenden Flüchtlingen aus der DDR die Ausreise ermöglichte. Am 30. September konnten sich die Bürger Prags selbst von der Kraft der neu erwachenden Freiheit im Ostblock überzeugen. Tausende von Hilfesuchenden hatten sich auf das Gelände der deutschen Botschaft gerettet. Nach zähen Verhandlungen mit der Führung der DDR konnte der liberale Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in der Botschaft in seiner Balkonrede die Ausreise in die Freiheit in die Bundesrepublik verkünden – ein neuer Schlag für das Regime, das immer mehr auf verlorenem Posten kämpfte.

Sieg der Freiheit

Damals, 1989, zogen die Studenten in Richtung Národní třída (Nationalallee), ganz nahe beim Nationaltheater, wo sich die Schauspieler den bereits tausenden Demonstranten anschlossen. Auf der Höhe des Schirding Palasts, wo zum 30. Jahrestag wieder die Gedenktafel für die Demonstranten in einem Blumenmeer versinken wird, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die nun versuchte, den Vormarsch gewaltsam zu stoppen. Das gelang ihr, nachdem rund 600 Demonstranten zum Teil schwer verletzt waren. Die Bewegung dahinter konnte die Polizei aber nicht mehr aufhalten. Schon zwei Tage später versammelten sich 200.000 Demonstranten auf dem Wenzelsplatz. Das Ende der Tyrannei war in Sicht.

Blumenmeer an der Gedenktafel
Die Gedenktafel auf Höhe des Schirding Palasts im Blumenmeer.

Dass sich spätestens beim Zug vorbei am Nationaltheater viele Kulturschaffende anschlossen, war vielleicht kein Zufall. Denn die waren in der Dissidnetenszene besonders stark vertreten, vor allem in der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, deren unangefochtene Leitfigur der Schriftsteller Václav Havel war, und die – trotz aller Repressionen – über Jahre das Thema der Freiheitsrechte auf die politische Agenda brachte. Fünf Tage nach der Demonstration trat Havel zusammen mit Alexander Dubček, dem Helden des Prager Frühlings vor tausenden Menschen auf dem Wenzelsplatz auf und forderte die Kommunisten zur Abdankung auf. Die schiere Größe der Demonstration mit rund 800.000 Teilnehmer in Prag alleine, ließ die Machthaber das Unvermeidliche einsehen. Schon am 26. November begannen Verhandlungen am Runden Tisch, die in der ersten nicht von Kommunisten dominierten Regierung seit 1948 mündeten. Der Weg zu den ersten freien Wahlen, die dann im Juni 1990 stattfanden, war geebnet.

Der Zaun wird zerschnitten

Am 23. Dezember 1989 konnte der neue liberale Außenminister der Tschechoslowakischen Republik, Jiří Dienstbier, mit seinem deutschen Kollegen Hans-Dietrich Genscher den Grenzzaun symbolisch zerschneiden. Auch hier verschwand der Eiserne Vorhang quasi über Nacht.

Und an dem Ort, wo damals am 17. November 1989 die Samtene Revolution begann, befindet sich heute eine kleine Gedenktafel. Sie ist an der Außenwand des Museums der Naturkundlichen Fakultät, Ecke Albertov und Studničkova, angebracht. Der tschechische Text lautet in deutscher Übersetzung etwa: "Wann – wenn nicht jetzt? Wer – wenn nicht wir?" – eine Mahnung daran, die Chancen für die Freiheit zu nutzen, wenn sie sich bieten.

 

Gedenktafel für den Beginn der Samtenen Revolution
Die Gedenktafel am Ort, wo am 17. November 1989 die Samtene Revolution begann, mit der Aufschrift "Wann – wenn nicht jetzt? Wer – wenn nicht wir?"

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Daniela Oberstein, Pressereferentin und stellv. Pressesprecherin Ausland
Daniela Oberstein
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