Rumänien: Mehr als Dracula

Ein Reisetipp für Alternativtouristen

Nachricht25.08.2017Raimar Wagner
Rumänien – ein immer beliebteres Reiseland
Eine Bootsfahrt durch die Kanäle in der Biosphäre des Donaudeltas führt auch zu den zahlreichen Kolonien mit Pelikanen.Raimar Wagner, FNF-Projekt Rumänien

Wer kennt nicht den blutrünstigen, aus Siebenbürgen stammenden Vampir Dracula oder den Prunkpalast des ehemaligen Diktators Nicolae Ceausescu? Doch auch über die zwei bekanntesten Attraktionen des Landes hinaus hat Rumänien heute viel zu bieten und entwickelt sich immer mehr zu einem alternativen Reiseziel – gerade was den Kultur-, Natur- und Wandertourismus angeht. Die zu DDR-Zeiten beliebte rumänische Schwarzmeerküste hat inzwischen das Rennen gegen den bulgarischen Nachbarn verloren; gilt als überteuert und wenig dienstleistungsorientiert. Der Nischentourismus ist im vergangenen Jahr jedoch um 10,3 Prozent gewachsen. Von den 1,85 Millionen ausländischen Touristen stammten die meisten aus Deutschland, Israel und Italien.

Vom „Klein-Paris“ über den Kommunismus zur modernen Hipster-Stadt

Hipster, Bukarest, Rumänien
In Bukarest boomen an jeder Ecke vegane, vegetarische und raw-vegane Läden mit jungen "Coffee-to-go"-Konsumenten aus der IT-Branche.iStock / gabriel__bostan

Während die ungarische Hauptstadt Budapest auch unter dem Spitznamen „Klein-London“ bekannt ist, entwickelte sich Bukarest vor und zwischen den beiden Kriegen zu einem „Klein-Paris“. Natürlich studierte die rumänische Elite in der französischen Hauptstadt. Die rumänischen Architekten standen unter dem Einfluss der Ècole des Beaux Arts und viele der imposanten Gebäuden zeugen bei einer Erkundung mit dem Doppeldecker auch heute noch von dieser Blütezeit Rumäniens – wie der Sitz der Rumänischen Nationalbank, der Sitz der Rumänischen Sparkasse oder das renommierten Restaurant „Carul cu Bere“ (dt. Zum Bierkarren), dessen Speisekarte und Kulturprogramm an die Zeit erinnert. Darüber hinaus gibt es zahlreiche kleine schmucke Jugendstilpaläste von Adligen (am repräsentativsten ist der Cantacuzino-Palast) sowie ältere Gebäude, die im spezifisch rumänischen „Brâncoveanu-Stil“ (z.B. das Palais von Mogoșoaia) erbaut sind.

Rumänien – ein immer beliebteres Reiseland
Der von Diktator Ceaușescu erbaute Palast ist heute nach dem Pentagon das zweitgrößte funktionale Gebäude der Welt und beherbergt sowohl das Parlament als auch das Verfassungsgericht.Raimar Wagner, FNF-Projekt Rumänien

Ein Großteil der Gebäude und Kirchen fiel jedoch den Baggern und Planierraupen der Kommunisten zum Opfer, um für den Boulevard des Sieges des Sozialismus (heute Boulevard der Einheit, rum. Unirii) Platz zu machen, an dessen Ende Ceausescus Prunkstück, das ehemalige „Haus des Volkes“, thront. Ursprünglich sollte er als Sitz der Regierung und der Kommunistischen Partei dienen. Ironie des Schicksaals: Heutzutage beherbergt das monumentale Gebäude das rumänische Parlament und ist damit zu einem Hort der Demokratie geworden.

Von der Altstadt, wo ehemals Armenier, Juden, Deutsche und Italiener ihren Handel betrieben, ist nicht viel erhalten geblieben. Die historische Bausubstanz wurde von den Kommunisten vernachlässigt. Der Fall des Eisernen Vorhangs führte zum Stopp der Systematisierungspläne und die Altstadt wurde nach und nach von Restaurants, Clubs und Nachtclubs besiedelt. Branchenexperten behaupten mittlerweile, Bukarest sei die Partyhauptstadt Osteuropas. Und tatsächlich: das Nachtleben der Altstadt ähnelt dem von Amsterdam; ist aber viel kostengünstiger.

Die zahlreichen Seen in und um Bukarest werden von schön hergerichteten Parks umrahmt, in denen man sich leicht – über eine App – ein Fahrrad leihen kann. Der Herăstrau-See, den man in 5,5 Kilometern umrundet hat, lädt zum Joggen ein. Entlang des Weges findet man schicke Restaurants, die gerade bei der alten Politikergarde beliebt sind. Die Newcomer in der Politik wählen dann schon eher die Hipster-Terrassen in den kleineren Parks, wie z.B. am Ioanid-Park in der Stadtmitte, wo man leicht einen ehemaligen Technokraten-Minister der Cioloș-Regierung oder einen Politiker der Union zur Rettung Rumäniens antreffen kann.

An jeder Ecke boomen vegane, vegetarische und raw-vegane Läden mit jungen „Coffee-to-go“-Konsumenten aus der IT-Branche, welche mittlerweile mehr zum rumänischen Bruttoinlandsprodukt beisteuert als die Landwirtschaft. Das neue rumänische Silicon Valley ist ein Stadtteil von Bukarest namens „Pipera“ und wurde innerhalb der letzten zehn Jahre buchstäblich aus dem Boden gestampft. Bukarest versprüht ein neues Lebensgefühl.

Von Rumäniens Schlössern und der Kirchenburgenlandschaft

Ca. 2,5 Stunden Fahrt von Bukarest entfernt, in den Karpaten am ehemaligen Pass zwischen der Walachei und Siebenbürgen, liegt das Schloss Bran (dt. Törzburg), das sogenannte Dracula-Schloss, welches allein im vergangen Jahr 800.000 Touristen aus dem In- und Ausland anlockte. Es ist spektakulär gelegen, doch ich muss den Leser an dieser Stelle enttäuschen: In Bram Stocker Roman spielen sich die Szenen um den berühmten Vampir viel weiter im Norden Siebenbürgens ab, am Borgo-Pass. Die Törzburg wird eigentlich mit dem blutrünstigen Fürst Vlad dem Pfähler (er spießte seine Feinde bei lebendigem Leibe auf) in Verbindung gebracht; seine Figur muss nun auch für den Dracula herhalten.

Rumänien – ein immer beliebteres Reiseland
Mittagspause oben auf der Hirtenalm bei Hermannstadt. Wanderzeit ca. 2-3 Stunden.Raimar Wagner, FNF-Projekt Rumänien

Auf dem Weg dorthin stößt man im heutigen Ski- und Luftkurort Sinaia auf das „Neuschwanstein“ Rumäniens: Das Schloss Peles wurde zwischen 1873 und 1883 vom ersten König Rumäniens, Karl I. von Hohenzollern-Sigmaringen (1839-1914), als Sommerresidenz für die Königsfamilie gebaut. Das Schloss beeindruckt nicht nur durch seine Architektur, sondern auch über die eindrucksvolle Dekoration der bekannten Künstler von J. D. Heymann aus Hamburg: August Bembé aus Mainz und Bernhard Ludwig aus Wien. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde über den Sommer praktisch das ganze Land von hier aus regiert, denn die ganze Regierung musste dem König nach Sinaia folgen, wo er seine Audienzen gewährte. Der Beschluss zur anfänglichen Neutralität Rumäniens während des Ersten Weltkrieges wurde hier getroffen.

Rumänien – ein immer beliebteres Reiseland
Die Kirchenburg von Birthälm dient heute als Kulisse sogar für ein jährlich-stattfindendes Horror-Filmfest, oder für den Alternativrockfestival „Servus Transylvania“.Raimar Wagner, FNF-Projekt Rumänien

Fährt man weiter nach Siebenbürgen, stößt man unweigerlich auf einige der 150 erhaltenen Kirchen- und Bauernburgen, die von den deutschen Kolonisten, den Siebenbürger Sachsen, nach 1150 zum Schutz gegen die Einfälle der tatarischen Horden erbaut wurden. Repräsentativ wurden sieben Burgen samt ihrer Dorflandschaft zum Weltkulturerbe ernannt: Darunter der ehemalige evangelische Bischofssitz in Birthälm (rum. Biertan), die Kirche in Wurmloch (rum. Valea Viilor), die vom deutschen Ritterorden gegründete Kirche in Tartlau (rum. Prejmer) oder das durch Prinz Charles zu Weltberühmtheit erlangte Dorf Deutsch-Weißkirch (rum. Viscri). Seit Jahren kommt der Prinz von Wales jeden Sommer zum Wandern in den umliegenden Wäldern und Wiesen her. Seinen Apfelsaft bezieht er – auch zuhause in Großbritannien – aus der Eigenproduktion der angekauften Obstgärten.

Und das Land hat noch viel mehr zu bieten: Ob nun die Schwarze Kirche in Kronstadt (rum. Brasov), die unter UNESCO-Schutz stehende Altstadt von Schäßburg (rum. Sighisoara), das Brukenthalsmuseum der ehemaligen Kulturhauptstadt 2007 Hermannstadt (rum. Sibiu), das spektakuläre Salzbergwerk in Thorenburg (rum. Turda), die Vauban-Festung in Weißenburg (rum. Alba Iulia) oder die Klosterlandschaft der Moldau und Bukowina – all dies ist schon einen Besuch wert.

Für den Naturliebhaber, ein Muss mit Genuss

Bären- oder Wolfbeobachtung? Kein Problem – hier leben die meisten Bären und Wölfe Europas. Eine Fahrt mit dem selbstgebastelten Floß auf dem Alt? Auch möglich. Wussten sie, dass sich von den insgesamt 322.000 Hektar europäischen Urwalds 250.000 Hektar in Rumänien befinden oder, dass sie im unter UNESCO-Schutz stehenden Donaudelta 327 Vogelarten antreffen können? Dass Fisch für jedes Fleischgericht herhalten kann, stellt man bei einer Mahlzeit auf dem Bauernhof fest, der nur per Wasser erreichbar ist. Haben Sie mal Karpfen auf Sauerkraut oder Fischknödel probiert?

In Siebenbürgen kann man zwischen langen Bergwandertouren in den Karpaten bis hin zur Tagestour auf die Alm mit Hirtenkost machen, wonach einem der Sinn steht. Die Transfogarascher Hochstraße gehört zu den spektakulärsten Gebirgsstraßen der Welt. Die Kirchenburgen sind durch die malerische Landschaft über Fahrradwege verbunden. Auch Enduro-Motorradfahrer kommen jährlich zum weltweit härtesten Wettbewerb nach Hermannstadt. Wie naturschädlich das für die Landschaft sein kann, rückt dabei jedoch leider oft in den Hintergrund.

Die rumänische Küche ist typisch balkanisch: Polenta mit Krautwickeln, Kuttelsuppe, die sauren Suppen oder die „Mici“ (Chewapchichi) gehören zu den Traditionsgerichten der Rumänen. In Siebenbürgen trifft diese Küche – historisch bedingt – auf die österreichische und ungarische, was die kulinarische Auswahl nochmals bereichert. Sollten sie mal in Rumänien vorbeischauen, wünsche ich Ihnen schon jetzt guten Appetit.

Raimar Wagner ist Projektmanager der FNF in Rumänien, und war gelegentlich auch als Reisegruppenleiter unterwegs.

Fünf Fakten, die überraschen:

1. Bernie Sanders twitterte während des US-Wahlkampfes:

“Today, people living in Bucharest, Romania have access to much faster Internet than most of the US. That’s unacceptable and must change.” Tatsächlich verfügt Rumänien über eine ausgezeichnete, flächendeckende Internet- und Highspeed-Mobilfunkinternetinfrastruktur. Das Land belegt weltweit Platz 14 bei der Internetdurchschnittsgeschwindigkeit. Deutschland landet im Vergleich auf Platz 25. Entsprechend bieten überwiegend alle Hotels, Bars, Cafés und öffentliche Einrichtungen kostenloses WLAN an; dafür haben sie es mit dem Datenschutz und Sicherheit nicht so am Hut.

2. Rumänien hat eine der fortschrittlichsten Gesetzgebungen in Sachen Minderheitenrechte

Laut Verfassung darf jede auch noch so kleine historische Minderheit einen Parlamentarier stellen. Die Fraktion umfasst 17 Vertreter – ausgenommen ist die ungarische Minderheit, die 1,2 Millionen Menschen zählt, und bei den Parlamentswahlen mit 6 bis 7 Prozent regelmäßig über die Wahlhürde kommt. Als Roma bekannten sich bei der Volkszählung 2011 über 600.000 Menschen, als Ukrainer 50.000 und als Deutsche 36.000. Für diese Gruppen gibt es auch staatliche Schulen, in denen in der Muttersprache unterrichtet wird.

3. In Rumänien kommt man fast überall mit Englisch gut durch

Die junge Generation ist – gerade was Fremdsprachen angeht – außergewöhnlich fit. In den deutsch geprägten Städten in Siebenbürgen und dem Banat, wie Hermannstadt (rum. Sibiu), Kronstadt (rum. Brasov) oder Temeswar (rum. Timisoara), wird auch viel Deutsch gesprochen. Hier gibt es noch Schulen mit deutschem Abitur, die überwiegend von Kindern der rumänischen Elite gern besucht werden.

4. In diesem Jahr feiern Rumänien und Deutschland 25 Jahre Freundschaftsvertrag

Laut der Deutsch-Rumänischen Industrie und Handelskammer (AHK) bleibt Deutschland der größte bilaterale Handelspartner Rumäniens. Gerade im Automotive-Bereich haben deutsche Firmen durch den Fach- und Arbeitskräftemangel begonnen, in Kooperation mit rumänischen Schulen, die duale Bildung einzuführen und so zur Reform des rumänischen Bildungswesens beigetragen.

5. In Rumänien sollte man beim Anstoßen mit Einheimischen nicht das deutsche Wort „Prost“ benutzen

Dies bedeutet nämlich auf Rumänisch „Dumm“; dafür lieber das lokale „noroc“ nutzen, was so viel wie „Glückauf“ bedeutet.

Raimar Wagner
FNF SOE