Rückblick
Otto Graf Lambsdorff: Der "Marktgraf"

Ein großer Liberaler und überzeugter Marktwirtschaftler
Otto Graf Lambsdorff mit seiner Ehefrau Alexandra
Otto Graf Lambsdorff mit seiner Ehefrau Alexandra, um 1980 © Foto Darchinger. Nutzungsrechte: Archiv des Liberalismus FD-358

Die politische Vita von Otto Friedrich Wilhelm Graf Lambsdorff Freiherr von der Wenge lässt sich am besten mit dem ursprünglich ironisch gemeinten, dann zur Ehrenbezeichnung umgewandelten Begriff „Marktgraf“ umschreiben: Otto Graf Lambsdorff war ein Marktwirtschaftler durch und durch.

Wenn es einen Ausgangpunkt für diese Einstellung gab, dann war es die Erfahrung der "Währungsreform" 1948, die dem schwer kriegsversehrten Nachkommen eines deutschbaltischen Adelsgeschlechts die Möglichkeiten eines freiheitlichen Wirtschaftssystems deutlich machten. Seitdem war Graf Lambsdorff ein überzeugter Anhänger der Wirtschaftskonzeption Ludwig Erhards; anders als dieser sah er allerdings in der FDP diejenige politische Kraft, die am klarsten marktwirtschaftliche Positionen vertrat und der er 1951 beitrat.

Aber Graf Lambsdorff verstand sich nie als ausschließlicher Wirtschaftspolitiker, sondern zugleich als Liberaler, dem auch Fragen der Rechtsstaatlichkeit am Herzen lagen. So setzte er sich in späteren Jahren für die Freiheit der Tibeter oder von politisch Verfolgten in Putins Russland ein. Nicht ohne Stolz blickte er auf eine Mitwirkung bei den Freiburger Thesen zurück.

Als Nachfolger von Hans Friedrichs wurde er im Herbst 1977 Bundesminister für Wirtschaft. In dieser Funktion hatte er maßgeblichen Anteil an der wirtschaftlichen Erholung in den 1980er Jahren, wobei Graf Lambsdorff sich um der Sache willen auch über Koalitionserwägungen und -strategien hinweg setzte. Nachdem er 1984 den Posten wegen umstrittener Praktiken während seiner Zeit als Landesschatzmeister der nordrhein-westfälischen FDP hatte aufgeben müssen, kehrte er im Oktober 1988 in die erste Reihe der Politik zurück, als er zum FDP-Vorsitzenden gewählt wurde. So führte Graf Lambsdorff als erster eine gesamtdeutsche liberale Partei.

Zwei Jahre nach dem Rückzug von der Parteiführung 1993 wurde er zum Vorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung gewählt, an deren Spitze er elf Jahre stand. Zur Jahrtausendwende verhandelte er im Auftrag der rot-grünen Bundesregierung mit Erfolg über die Wiedergutmachung von ehemaligen Zwangsarbeitern des NS-Regimes in Osteuropa.

Beim 60. Geburtstag der FDP im Dezember 2008 hielt er die zentrale und mit viel Beifall versehene Festrede. Fast genau ein Jahr später starb Otto Graf Lambsdorff mit knapp 83 Jahren in Bonn, wo ebenso wie in Brandenburg/Havel vielbesuchte Trauerfeiern von der großen Anteilnahme am Tod des "Marktgrafen" weit über den organisierten Liberalismus hinaus zeugten.