Ria Schröder: "Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen" | freiheit.org

Interview

Ria Schröder: "Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen"

Meinung17.01.2019
Ria Schröder
Ria SchröderTroNa GmbH

Ria Schröder ist Chefin der JuLis, studiert Jura und Kunstgeschichte, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Kanzlei, hat das Female Future Forum der Jungen Liberalen ins Leben gerufen und ist zudem eine der engagiertesten Frauen ihrer Generation. Die 26-Jährige verrät im Interview, wie es sich anfühlt, seit 25 Jahren die erste Frau an der Spitze der FDP-Jugendorganisation zu sein, warum es mehr Frauen in der Politik braucht und weshalb ihre Wohnung unbedingt eine Badewanne haben muss.

Frau Schröder, ist es ein guter Zeitpunkt für Frauen, etwas zu bewegen?

Auf jeden Fall! Jahrtausende lang haben Männer die Wirtschaft, die Politik aber auch die Religion und Kultur bestimmt. Frauen konnten an den entscheidenden Stellen nicht sagen, wie die Hälfte der Gesellschaft ein Thema sieht. Heute ist man als Frau gefragter denn je. Auch die Politik würde gerne wissen, was anders sein muss, damit wir Frauen Lust bekommen, uns zu engagieren.

Sie spielen darauf an, dass viele Parteien ein „Frauenproblem“ haben. Der Frauenanteil in der FDP liegt bei rund 21 Prozent, das ist der niedrigste Wert seit 30 Jahren.

In der FDP haben wir dafür ein Bewusstsein entwickelt. Liegt es womöglich an uns als Partei? Was müssen wir tun, damit die Politik und auch die FDP für Frauen attraktiver werden? Wir befinden uns da gerade in einer Orientierungsphase. Ich würde mir wirklich wünschen, dass mehr Frauen kommen und sagen, was sich ändern muss. Je mehr Frauen einfordern, dass Dinge anders gemacht werden, desto stärker und nachhaltiger ist auch die Veränderung.

Warum setzen Sie sich so sehr dafür ein, dass Frauen in der Politik mitmischen?

Einerseits geht es um Repräsentation. Manche Dinge werden von Frauen anders gesehen – und sie machen nun mal die Hälfte der Bevölkerung aus. Das beste aktuelle Beispiel ist der Paragraf 219a – da geht es um Werbung für Schwangerschafts-Abbrüche. Tatsächlich macht der biologische Unterschied, ob man theoretisch schwanger werden und in die Situation kommen könnte, abtreiben zu müssen, einen Unterschied, wie man auf den Paragrafen blickt. Ich glaube nicht, dass nur Frauen für Frauenrechte kämpfen können. Aber es ist wahrscheinlicher, dass sie es tun.

Außerdem: Frauen sind nach wie vor stärker von Altersarmut betroffen. Viele arbeiten in schlechter bezahlten Berufen als Männer. Das sind Probleme, die sich durch die ganze Gesellschaft ziehen und immer auch eine politische Komponente haben. Wenn über all diese Fragen nur von Männern entschieden wird, fehlt einfach eine Perspektive.

Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang zum Dauerbrenner Frauenquote?

Ich finde es immer schade, dass die Frage, ob man sich für Frauen einsetzt, an der Frauenquote festgemacht wird. Die Frauenquote ist doch ein total schlechtes Instrument. Ich wünsche mir ein Umfeld, in dem ich nicht gewählt werde, weil ich eine Frau bin – sondern, weil ich die bessere Person bin. Viele Leute sind der Meinung, dass es jetzt mal Zeit wird für die Quote. Den Gedanken kann ich nachvollziehen. Nichtsdestotrotz finde ich, dass wir das anders hinkriegen müssen. Es kann nicht unser Anspruch sein, dass wir eine Quote brauchen, um Frauen zu gewinnen. Ich will, dass die tollen Frauen, die wir haben, wegen ihrer Qualität gewählt werden. Ich möchte echten Wettbewerb ermöglichen, damit wir keine Quoten brauchen.

Apropos freier Wettbewerb: Waren Sie schon immer Fan der FDP?

Ehrlich gesagt nicht. Als ich noch Schülerin war, empfand ich die FDP als etwas staubige Wirtschaftspartei, die von alten Männern geführt wird. Eine Freundin nahm mich dann mal mit zu einer Veranstaltung, auf der Hans-Dietrich Genscher sprach. Was er sagte, hat mir diese Partei ganz neu eröffnet. Mich faszinierte, wie die FDP Freiheit und Verantwortung interpretiert. Das hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Trotzdem bin ich damals nicht gleich der Partei beigetreten, das sollte noch etwas dauern.

Wie kam es dazu?

2013 war Bundestagswahl, ich durfte zum ersten Mal wählen gehen. Also habe ich mir die verschiedenen Programme genau angeschaut und bin bei der FDP gelandet. Wieder habe ich mich im Selbstbestimmungsaspekt total wiedergefunden. Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen, das hat mich angesprochen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass es der FDP von den Umfragewerten her gerade nicht besonders gut geht.

Hat Sie das zum Einstieg in die Politik motiviert?

Das kann man so sagen. Ich dachte mir, dass es doch nicht sein kann, dass eine Partei, die so gute und wichtige Ideen hat, dermaßen schlecht dasteht. Das hat mich irgendwie nicht losgelassen, ich wollte selbst mit anpacken! Also schrieb ich die Hamburger FDP an und fragte: „Kann ich euch irgendwie beim Wahlkampf helfen?“

Einfach so?

Ja, einfach so. Allerdings war das nicht gerade die Sternstunde des politischen Einstiegs. Ich verteilte im Nieselregen Flyer und erlebte so meinen ersten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern. Und das war so: Sobald man einen Flyer in der Hand hält, ist man DIE FDP und muss für alles geradestehen und sich verantwortlich machen lassen. Mir hat also keiner die Flyer aus der Hand gerissen und gesagt: „Frau Schröder! Gut, dass Sie hier Wahlkampf machen, dafür wähle ich jetzt die FDP.“

Dann kam die Bundestagswahl.

Am Wahlabend traf ich um 18 Uhr in einem Hamburger Hotel ein, wo die Wahlparty der FDP stattfinden sollte. Die Stimmung war furchtbar schlecht, es war auch kaum noch jemand da. Ein Fernseher lief mit den Hochrechnungen, keiner hat etwas gesagt. Es war klar: Die FDP hat es nicht in den Deutschen Bundestag geschafft.

Für viele würde so ein Szenario eher den Impuls auslösen, sich vom Acker zu machen.

Mein Impuls war ein anderer: Das kann so nicht bleiben, da muss sich etwas ändern. Und ich möchte an dieser Veränderung mitwirken! Also bin ich Mitglied bei den JuLis geworden, habe sofort Verantwortung übernommen und mich zur stellvertretenden Landesvorsitzenden wählen lassen. Schließlich wollte ich dafür sorgen, dass jetzt auch etwas passiert.

Haben Sie sich gleich bei den JuLis wohlgefühlt?

Mehr oder weniger! Ich kam in ein eingeschworenes Team, das seine Rituale hat – und fand das alles erst einmal befremdlich. Überhaupt gar nicht elitär, sondern manchmal eher wie Vereinsmeierei. Dazu kommt, dass ich mich als Frau in der Unterzahl gefühlt habe. Im Verhältnis zur Gesellschaft sind in den meisten Parteien Frauen unterrepräsentiert. Mich hat das jetzt nicht groß aus der Bahn geworfen, ich bin mit drei Brüdern groß geworden und kann gut mit Jungs. Das ist sicherlich ein Vorteil. Außerdem trinke ich ab und zu auch mal ein Bierchen mit. Trotzdem fand ich den Einstieg bei den JuLis nicht so leicht. Beispielsweise war ich bei einer Landesvorstandssitzung, bei der die Typen die ganze Zeit Witzchen gemacht und sich auf die Schenkel geklopft haben. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Schließlich wollte ich konstruktiv arbeiten. Ich habe also nicht sofort gesagt: Hier fühle ich mich wie zu Hause.

Was hat Sie dazu gebracht, trotzdem zu bleiben?

Ich traf bei den JuLis relativ schnell zwei junge Frauen, die so drauf waren wie ich, die etwas bewegen wollten. Mit ihnen bin ich überall hingefahren: Nach Sachsen mit dem Bus zum Wahlkampf oder zum Bundesparteitag. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und gesagt: Wir kümmern uns jetzt darum, dass der Laden ins Laufen kommt. Wirklich, es ist so wichtig, Gleichgesinnte zu treffen!

In welchen Situationen war es besonders wichtig, sich als Frau nicht alleine zu fühlen?

Ich habe schon erlebt, dass ich auf Partys blöd angemacht wurde. Dass man mich im Gespräch übergeht oder über mich geredet wird. Diese Erfahrungen sind bestimmt unterschiedlich, ich möchte da nicht verallgemeinern. Aber es ist ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, da sind Frauen, denen es ähnlich geht. Dann fühlt man sich schon mal nicht so allein.

Sie sind Mitgründerin des Female Future Forums. Warum ist es wichtig, dass sich Frauen auch in politischen Dimensionen untereinander austauschen?

Das hat viele Vorteile: Der Netzwerk-Faktor ist uns sehr wichtig. Wenn man aus einem Kreisverband mit wenigen Frauen kommt, ist es für viele schön, sich mit neuen Leuten auszutauschen. Manchmal ist es aber auch eine Frage der Diskussionskultur. Ein Beispiel: Wir hatten bei einer unserer letzten Veranstaltungen einen Arbeitskreis zum Thema „Politische Dimension von Verhütung“. Das ist ein Thema, das man nicht mit jedem ernsthaft besprechen kann, das muss ich leider so sagen. Und es betrifft Frauen anders als Männer. Im Arbeitskreis herrschte eine total vertraute Gesprächsatmosphäre. Viele haben berichtet, wie sie es persönlich mit der Verhütung handhaben und dass sie das Gefühl haben, dass es eine bestimmte Norm gibt, wie verhütet wird und wer dafür verantwortlich ist. Wir haben uns das Thema auf einer sehr sachlichen wie auch persönlichen Ebene angeschaut. In einem gemischten Arbeitskreis wäre das schwieriger gewesen.

Sie arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei, studieren Kunstgeschichte, werden ihr Jura-Studium beenden und sind JuLi-Chefin. Ist Ihre Energie unendlich?

Ich glaube, ich bin ganz gut, wenn um es Selbstorganisation und Priorisierung geht. In der Klausurenphase bin ich bei den JuLis immer ein bisschen abgetaucht, anders geht es nicht. Abgesehen davon habe ich schon immer viel nebenher gemacht: Als Schülerin nach der Schule in Bonn Theater gespielt, während des Studiums zwei Jahre ein Uni-Sportfest organisiert. Ich kümmere mich einfach gerne um verschiedene Dinge. Das erweitert ja auch den Horizont.

An welchem Ort tanken Sie Kraft?

In der Badewanne. Das geht bei mir so weit, dass es mir total wichtig war, in meiner neuen Wohnung eine Badewanne zu haben. Und wenn ich bei meiner Familie bin, im Grünen, dann spaziere ich gern durch den Wald, da kann ich wunderbar ausspannen.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Ich sage jetzt nicht, dass ich in zehn Jahren Außenministerin sein will. Aber einen ungefähren Plan habe ich natürlich schon. Gerade weil ich so viele Baustellen habe, muss ich ein bisschen vordenken. Ich stelle mir aber auch viele Fragen: Beende ich mein Kunstgeschichtsstudium oder gehe ich besser erst mal ins Referendariat? Wie geht es mit der Politik weiter? Ich weiß, dass sich Dinge schnell ändern können und dass man bereit sein muss, einen Plan auch mal umzuschmeißen. Ich möchte gerne noch eine Weile politisch aktiv bleiben. Als Vorsitzende bei den JuLis und irgendwann in einem Parlament, weil man da am meisten mitgestalten kann. Und das ist schließlich das, was ich machen möchte.