Rede zur Freiheit
Integration: „too big to fail“

Ahmad Mansour
© Heike Steinweg

Klare Bekenntnisse, pragmatisches Handeln und humanistische Grundsätze müssen die Leitplanken der Integrationspolitik sein. Kurzum: Wir brauchen eine Integrationspolitik, die einer liberalen Demokratie würdig ist. Gelingt dies nicht, können die Folgen für unsere Gesellschaft potenziell gravierend sein. Wir brauchen eine starke Integrationspolitik, um Parallelgesellschaften den Nährboden zu entziehen.

Auf der 14. Berliner Rede zur Freiheit, die der Psychologe und Autor Ahmad Mansour am Montag, 26. Oktober 2020, auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im Allianzforum Berlin hält, erläutert er anhand seiner eigenen Lebensgeschichte und Tätigkeit als Psychologe, wie die Integrationspolitik neu aufgestellt werden muss, um langfristig erfolgreich zu sein.

„Beim Thema Integration – gerade, weil es in vielerlei Hinsicht so emotional ist – kommen wir nur weiter, wenn wir es mit kühlem Kopf, einer differenzierten Haltung und ohne Tabus behandeln,“ betont Mansour, der offen wie kaum ein anderer die Herausforderungen, vor denen Deutschland als Einwanderungsland steht, betont. Die Jahrhundertaufgabe Integration sei nur zu bewältigen, wenn die Werte der offenen Gesellschaft von allen konsequent gelebt und verteidigt werden. Mansour wirbt für eine liberale Demokratie, in der Toleranz gelebt wird. Das bedeutet aber auch, nicht zuzulassen, dass Feinde der offenen Gesellschaft diese durch Intoleranz, Rassismus und Extremismus spalten. Er plädiert stattdessen für eine Streitkultur, in der verschiedenste Meinungen einen Platz haben, Argumente und Aufklärung an die Stelle von Hass und Angst treten. So naheliegend manche der Forderungen aus liberaler Perspektive auch sein mögen, so wenig können sie als selbstverständlich angesehen werden.

Integration als gesellschaftliches Spannungsfeld ist „too big to fail“. Was fehlt, ist oftmals der politische Wille hinzusehen, Chancen zu schaffen und Chaos zu beseitigen. Es braucht den Mut zur Veränderung, ein grundlegendes Konzept ist nötig. Ahmad Mansour skizziert dafür zehn Maßnahmen und Handlungsanweisungen, darunter das Professionalisieren und Standardisieren von Integrationsarbeit und eine grundlegende Reform schulischer und außerschulischer Bildungs- und Sozialarbeit.

Kaum ein anderes Thema führt zu hitzigeren Diskussionen in der deutschen Politik und Gesellschaft als die Integration. Dass die Immigration (und Emigration) seit Jahrhunderten fester Bestandteil fast aller Gesellschaften und insbesondere der deutschen ist, wird in der Debatte häufig übersehen. Und doch stellt sich die Frage: Wie ist es um die Integration in Deutschland bestellt? Wann ist jemand integriert? Und wie kann die Integration von Zugewanderten gelingen?

Diese Fragen beschäftigen unser Land schon lange – und werden dies auch noch jahrzehntelang tun. Seit 2015 jedoch haben vornehmlich Rechtspopulisten den Raum für Kritik an integrationspolitischen Maßnahmen besetzt, den Diskurs massiv verschärft und daraus politisches Kapital geschlagen. So wird Integration heute zu oft aus einer eindimensionalen, gar polemischen Perspektive betrachtet: Flüchtlinge schaden unserer Gesellschaft – oder eben nicht.

Der Komplexität des Themas Integration wird so nicht Rechnung getragen. Es ist überfällig, dass die bürgerlichen Parteien der Mitte das Thema Integration aus den Händen der Populisten und Radikalen reißen und zu einem zentralen Thema ihrer eigenen Agenda machen – ohne irrationale Vorbehalte und irreführende Sentimentalität.

Im Anschluss an die Rede zur Freiheit diskutiert Ahmad Mansour mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin a.D. und stellvertretende Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sowie mit Konstantin Kuhle MdB, innenpolitischer Sprecher der Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag über Migration.

Den Livestream zur Rede zur Freiheit finden Sie hier.