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Ralf Dahrendorf: Ein Visionär, der aktueller denn je ist

Analyse20.06.2019Julia Gresförder
Ralf Dahrendorf, 1980.
Ralf Dahrendorf, 1980.flickr.com/Library of the London School of Economics and Political Science

Seine Thesen sind aktueller denn je, schon damals waren seine Aussagen visionär. „Ralf Dahrendorf hatte eine Intuition, mit der er Sachverhalte beschrieb, die hat man selten gesehen“, erklärte der Vorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Karl-Heinz Paqué, auf der Veranstaltung „The Charms of Liberty“ in der britischen Botschaft Berlin.   

90 Jahre wäre Lord Ralf Dahrendorf in diesem Jahr geworden. Zu seinen Ehren lud die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kooperation mit der britischen Botschaft zu einer Paneldiskussion ein. 

Sir Sebastian Wood, britischer Botschafter in Berlin, erklärte in seiner Begrüßung, dass Dahrendorf nicht nur ein großer deutscher Soziologe war, sondern auch ein begeisterter britischer Politiker. „Schon damals hat Lord Dahrendorf eine Polarisierung gesehen – wie auch eine Atomarisierung der politischen Debatte“, sagte Sebastian Wood. Die alte rechts-links-Debatte sei abgelöst von einer Debatte zwischen einer offenen und geschlossenen Gesellschaft: „Die eine Seite möchte den Status Quo beibehalten, die andere Seite hingegen zu einer geschlossenen Politik zurückkehren.“

Krise der Demokratie prognostiziert

Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, betonte die Aktualität Dahrendorfs acht Thesen zum Populismus: „Damit trifft Dahrendorf den Nagel auf den Kopf. Vor 16 Jahren hat er diese Thesen aufgestellt – und heute sind sie relevanter denn je.“ Zudem nehme er positiv wahr, dass immer mehr junge Menschen Engagement für politische Themen zeigten und es eine deutliche Zunahme in der Wahlbeteiligung bei der Europawahl gab: „Wir haben es hier mit einer Repolitisierung der Jugend zu tun.“ 

Dahrendorf-Biographin Franziska Meifort sagte zu den aktuellen Entwicklungen: „Dahrendorf konstatierte bereits zur Jahrtausendwende eine Krise der Demokratie und prognostizierte, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des Autoritarismus werden könnte.“ Sie selbst hat den Nachlass von Ralf Dahrendorf erschlossen – und sich dabei keinen Tag gelangweilt. „Dahrendorf hat sehr viel geschrieben: Manuskripte, Briefe. Ich durfte einen wahren Schatz bergen“, beschrieb die Historikerin ihre Arbeit. Auch Joachim Gauck wurde zitiert: „Viele der Entwicklungen die sich vor der immer stärkeren Internationalisierung und Globalisierung vor zwanzig Jahren begannen abzuzeichnen, hat Dahrendorf damals schon erkannt und beschrieben.“ 

Aber was würde Dahrendorf zu den heutigen Entwicklungen in der Welt und in Deutschland sagen, fragte der Historiker und ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin, Jürgen Kocka: „Insbesondere zu der Aufsplitterung der politischen Kommunikation, die Selbstbezogenheit und das Schrille in der öffentlichen Kommunikation.“

Lukas Köhler MdB meinte darauf: „Wir diskutieren ja auch immer über Identitäten, wenn wir beispielsweise über das Klima sprechen, dann gehört man entweder zu den Leugnern oder zu denen, die radikalste Ideen verfolgen.“

Dahrendorf hat bereits Globalisierung analysiert

Karl-Heinz Paqué beantwortete Kockas Frage nach der Sicht Dahrendorfs: „Ich denke, er würde zur Digitalisierung sagen, dass wir da mit guten Nerven durchmüssen. Wir müssen positiv dynamisch darauf reagieren und auch die Sprache der Politik anpassen. Dahrendorf war niemand, der über ein Phänomen jammerte. Das rationale Durchdringen von Phänomenen war seine Stärke.“

Dies zeige auch sein letzter Aufsatz, erklärte Jürgen Kocka: „Es ist erstaunlich, wie er die Globalisierung analysiert hat. Er sprach von der Entstehung einer Klasse von liberalen, offenen Menschen aus Wissenschaft, Medien und Kunst auf der einen und nicht-mithaltenden Personen auf der anderen Seite. Dahrendorf war Klassenanalytiker – der den Begriff Klasse bis zum Schluss benutzt hat.“ 

Schon Dahrendorf forderte „Bildung ist Bürgerrecht“, ganz in diesem Sinne erläuterte auch Karl-Heinz Paqué, dass man ein Bildungssystem benötige, bei dem alle Chancen auf Aufstieg hätten. „Wir sprechen von Anywheres und Somewheres, dabei vergessen wir, dass es bei den 70 Prozent Somewheres auch um den breiten, ganz normalen Mittelstand geht, den wir im Auge behalten müssen.“

Bildung ist nicht nur die Schule

Zum Thema Bildung forderte Lukas Köhler zudem, dass Bildung nicht nur in 13 Jahren Schule gedacht werden solle, sondern auch darüber hinaus. Es gäbe zu wenig Möglichkeiten, sich in politische Kommunikation einzubinden. Es werde zu wenig öffentlicher Diskurs geführt, das meiste seien Fachdiskussionen. Dies müsse sich ändern. Moderatorin Karen Horn stimmte dem zu: „Teilnahme ist wichtig für den Diskurs. Jeder zählt und muss am Diskurs teilnehmen können.“ Carl Cevin-Key Coste, Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit meinte dazu, dass ein Vorteil der Sozialen Netzwerke sei, dass man dort den Diskurs suchen könne - auch mit Menschen außerhalb seiner Filterblase.

Insgesamt war es eine sehr interessante und aktuelle Diskussion, die die Podiumsteilnehmer führen. Ganz im Sinne Dahrendorfs, der dem öffentlichen Diskurs eine besondere Wichtigkeit zuschrieb und ihn förderte.

Ganz im Sinne Dahrendorfs stellt auch Karen Horn ihre abschließende Frage an die Runde: „Worin erkennen Sie den Charme der Freiheit?“ Dabei zeigte sich wieder einmal die Vielfalt der Freiheit: Jürgen Kocka, der das Recht, sich korrigieren zu können als Antwort nannte und dafür Zustimmung von Karl-Heinz Paqué bekam, Franziska Meifort, die individuelle Entfaltung, Karen Horn, die politische Freiheit, Carl Cevin-Key Coste, die Wahrung der Verfassung und Karl-Heinz Paqué, der die individuelle Suche nach Glück betonte.