Raif Badawi Award 2019
"Ich fühle mich persönlich angegriffen, wenn ich höre, dass jemandem wesentliche Rechte vorenthalten werden"

Im Interview spricht Raif Badawi Preisträgerin Hanéne Zbiss über ihre Arbeit als Investigativjournalistin
Preisträgerin des Raif Badawi Awards: Hanéne Zbiss
© Hanéne Zbiss / Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Zusammen mit dem Börsenverein vergibt die Stiftung auf der Frankfurter Buchmesse den Raif Badawi Award. 2019 wählte die Jury die mutige tunesische Journalistin Hanéne Zbiss. Ausgezeichnet wird Zbiss für ihre Investigativreportagen in Tunesien und ihre Berichterstattung, die Frauen und Kinder in den Mittelpunkt rückt - Jesidinnen und IS-Rückkehrerinnen. Im Interview spricht sie über ihre journalistische Arbeit.

 

Hanéne Zbiss, Tunesien gilt als das einzige Land, das nach dem Arabischen Frühling den Sprung zur Demokratie geschafft hat. Gerade wurde gewählt. Wie beschreiben Sie die Situation für unabhängigen Journalismus in Ihrem Land derzeit?

Hanéne Zbiss: Seit dem Arabischen Frühling hat sich die Pressefreiheit in Tunesien stark verbessert. Jeder kann seine Meinung heute in klassischen Medien oder in den Sozialen Medien frei äußern, ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen. Heute landet mein Land im Ranking von Reporter ohne Grenzen auf Platz 72, eine deutliche Verbesserung von Platz 97 im Jahr zuvor. Nun zeichnen sich aber neue Probleme ab. Die Medienlandschaft wird von korrupten Geschäftsleuten kontrolliert und einigen hochrangigen politischen Vertretern. Die Regierung versucht einerseits, die öffentlichen Medien zu beeinflussen und andererseits Praktiken aus der Diktaturzeit zu reformieren. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage sind Journalisten gezwungen diesen Druck zu akzeptieren, die journalistische Arbeit leidet und letztendlich wird sich die Meinungs- und Informationsfreiheit wieder verschlechtern. 

In Tunesien sind Sie durch eine Investigativreportage bekannt geworden als Sie systematisches Brainwashing in Korankindergärten aufgedeckt haben. Was hat Ihre Veröffentlichung bewirkt?

Hanéne Zbiss: Sehr früh hatte ich mich entschieden, immer tiefgründig zu recherchieren, möglichst mit dem Ziel eine breite Meinungsbildung zu fördern und vielleicht gar einen Wandel zu bewirken. Ich konnte nur deshalb so gut verstehen, wie die Korankindergären arbeiten und das Brainwashing an kleinen Kindern vornehmen, weil ich dort einen längeren Zeitraum undercover recherchierte. Nach der Veröffentlichung meiner Reportage wurden tatsächlich 100 Korankindergären im Jahr 2013 geschlossen und nur noch 40 existierten in ganz Tunesien. Die Regierungen haben es in den folgenden Jahren aber versäumt, diese Strukturen gezielt anzugehen. Heute gibt es 1.130 dieser Korankindergärten. Aus meiner Sicht ist es die Aufgabe von Journalisten Probleme aufzudecken, die eine potenzielle Gefahr für den sozialen Frieden und das Zusammenleben darstellen. Aus diesem Grund habe ich zuletzt viel über die vorhandene Korruption im Gesundheitswesen, dem Bildungs- und öffentlichen Sektor geschrieben. Wenn Korruption die Basis unseres friedlichen Zusammenlebens bedroht, muss dies zur absoluten Priorität für uns Journalisten werden. Wir müssen aufdecken und die verantwortlichen Personen nach ihrer tatsächlichen Verantwortung fragen.

Raif Badawi schrieb in einem seiner Essays, „Du bist ein Mensch? Dann ist es dein Recht, dich auszudrücken und zu denken, was immer du willst." Wie kann man dieser Aufforderung gerade auch als Journalistin gerecht werden?

Hanéne Zbiss: Für mich hat jeder Mensch das Recht, seine Meinung zu äußern, unabhängig von seiner Religion, ethnischen Gruppe, seinem Geschlecht, seinem sozialen Rang und seiner kulturellen Herkunft. Wir alle sind Menschen, also haben wir die gleichen Rechte und Pflichten. Und ich fühle mich persönlich angegriffen, wenn ich höre, dass jemandem, irgendwo auf der Welt, diese wesentliche Rechte vorenthalten werden. Deshalb war ich zutiefst empört, als ich hörte, was Daesch der Gemeinschaft der Jesiden angetan hat - vor allem den Frauen. Auch wenn ich eine andere Religion und Kultur habe, die sich von der der Jesidinnen völlig unterscheidet. Ich habe mich geschämt, dass eine jesidische Gemeinschaft im Namen von Personen verfolgt wurde, die vorgaben, meine Religion zu verteidigen: den Islam. Ich dachte, dass es meine Pflicht sei, die Missbräuche des Jesidivolkes zu verurteilen. Und ich habe mehrere Untersuchungen dazu durchgeführt. Heute, nur wenige Jahre später befinden sich ISIS-Kinder und Frauen in der gleichen Situation, werden verfolgt und dürfen nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, fühle ich auch, dass es meine Pflicht ist, dies in meinen Artikeln zu verurteilen. Die Menschenrechte müssen für alle gelten.

 

Hanéne Zbiss, wir gratulieren Ihnen sehr herzlich zum Raif Badawi Award 2019 und hoffen sehr, dass wir mit der Verleihung auf der Frankfurter Buchmesse am 16. Oktober die Erinnerung an den saudischen Blogger Raif Badawi lebendig halten, der noch immer für seine Tätigkeit und freie Meinungsäußerung inhaftiert ist.

 

Das Interview führte Michaela Lissowsky, Themenmanagerin Menschenrechte bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

 

Raif Badawi Award 2019

Mehr Informationen zum Programm finden Sie hier

 

 

Für Medienanfragen kontaktieren Sie bitte

Daniela Oberstein, Pressereferentin und stellv. Pressesprecherin Ausland
Daniela Oberstein
Stellvertretende Pressesprecherin Ausland
Telefon: +49 30 288778 55