Pisa-Studie
Deutschland beschäftigt sich mit der Vergangenheit - statt mit der Zukunft

Thomas Straubhaar kommentiert die Ergebnisse der Pisa-Studie
Im Pisa-Test schnitten deutsche Schüler nur durchschnittlich ab.
Im Pisa-Test schnitten deutsche Schüler nur durchschnittlich ab. © picture alliance / SvenSimon

Die Pisa-Ergebnisse müssen alarmieren – und lassen nur einen Schluss zu: Wer nicht bereit ist, mehr in Bildung zu investieren, wird den Kindeskindern erklären müssen, wieso man sich hier zu lange mit der Vergangenheit statt der Zukunft beschäftigte.

Dieser Artikel erschien erstmals am 3. Dezember auf welt.de.

Wenige Zahlen können ein Mehrfaches sagen als viele Worte. So lässt bereits ein schneller Blick auf das Ausgabenverhalten erkennen, was den Menschen (un)wichtig ist: Es ist die Vergangenheit, nicht die Zukunft, die den Deutschen lieb und teuer ist. Für den Sozialstaat zur Korrektur von Problemen geben sie viel, für Bildung zur Verhinderung von Problemen hingegen (zu) wenig aus.

Auf 1000 Milliarden Euro – was fast 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) entspricht – beläuft sich in diesem Jahr das Sozialbudget, das alle gesetzlichen, satzungsmäßigen oder tarifvertraglichen Ausgaben für soziale Leistungen von Arbeitgebern (345 Milliarden Euro), Arbeitnehmern und Selbstständigen (310 Milliarden Euro) sowie dem Staat (330 Milliarden Euro) auflistet.

Rentenversicherung (313 Milliarden Euro), Pensionen (60 Milliarden Euro) und Pflegeversicherung (40 Milliarden Euro) beanspruchen dabei mit zusammen weit mehr als 400 Milliarden Euro den Löwenanteil, hinter dem die „Förder- und Fürsorgesysteme“ (also Kinder-, Erziehungs- und Elterngeld, Familienleistungsausgleich, Kinder- und Jugendhilfe sowie Sozialhilfe und Grundsicherung für Arbeitssuchende u.a.) mit insgesamt deutlich weniger als 200 Milliarden Euro um Längen zurückbleiben.

Höherer Abschluss bringt höhere Lebenseinkommen

Bei Bildung hingegen sind die Deutschen weit knausriger als bei den Sozialleistungen. Das Bildungsbudget beansprucht jährlich nur rund 200 Milliarden und damit gerade einmal etwas mehr als sechs Prozent des BIP. Die relative Geringfügigkeit der Bildungsausgaben verursacht deshalb Fassungslosigkeit, weil es gerade in Zeiten von Null- und Negativzinsen auf Spareinlagen und für Staatsanleihen keine bessere Alternative für Deutschland gibt als Bildungsinvestitionen – weder für Privatpersonen noch den Staatshaushalt.

Keine andere Anlageform erwirtschaftet ähnlich nachhaltige stabile und hohe Renditen wie Bildung von Kindern und Jugendlichen sowie Aus-, Weiter- und Fortbildung von Erwachsenen. „Ein höherer Abschluss geht mit höheren Monatseinkommen einher, mit einem geringeren Risiko, arbeitslos zu werden, sowie insgesamt mit sechsstelligen Zuwächsen beim Lebenseinkommen.

Über das gesamte Arbeitsleben betrachtet liegt das Einkommen von Personen mit einer Lehrausbildung um 143.000 Euro über dem Lebenseinkommen von Personen ohne beruflichen Ausbildungsabschluss. Bei Personen mit Meister-/Technikerabschluss wiederum fällt das Lebenseinkommen 129.000 Euro höher aus als bei Personen, deren höchster Abschluss eine Lehre ist; bei Fachhochschulabsolventen sind es 267.000 Euro, bei Universitätsabsolventen 387.000 Euro“ – so die Berechnungen des ifo München.

Bildung lohnt sich jedoch nicht nur für Einzelne. Auch die Gesellschaft insgesamt profitiert von einem besseren Bildungsstand der Bevölkerung. Länder, die mehr Geld für Bildung ausgeben, weisen eine höhere Arbeitsproduktivität auf, was insgesamt zu steigenden Löhnen, mehr Kaufkraft für die Masse und einer breiteren Basis zur Finanzierung der Sozialstaaten führt.

„Für unsere wirtschaftliche Zukunft ist es von existenzieller Bedeutung, dass die Schulen den Kindern und Jugendlichen Kompetenzen vermitteln, mit denen sie sich in der Arbeitswelt der Zukunft behaupten können“, fasst Professor Ludger Wößmann seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, die einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsleistungen und Wirtschaftswachstum aufdecken.

Wößmann ist Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und hat Anfang der Woche eine Studie veröffentlicht, in der er darlegt, dass bessere Leistungen der Schüler den künftigen Wohlstand Deutschlands spürbar erhöhen würden. Das ist ein Ergebnis, das nicht nur junge Familien, sondern eher mehr noch aus purem Egoismus auch die Älteren elektrisieren sollte – selbst wenn Rentner glauben, dass Bildung und alles, was damit einhergeht, sie nichts mehr angeht.

Welch tragischer Irrtum! Denn in einem Umlagesystem, bei dem die aktive Generation die Renten der Senioren zu erwirtschaften hat, spielt es natürlich sehr wohl eine Rolle, ob die Kindeskinder im Wettbewerb gegen ausländische Konkurrenten und künstliche Intelligenz werden mithalten können und ob sie imstande sein werden, durch ihr Wissen und Können jene Löhne zu erarbeiten, auf deren Basis dann die Sozialversicherungen der Zukunft und damit die Renten der älteren Generationen zu finanzieren sein werden.

Und auch die durch eigenes Kapital gedeckte private Vorsorge hängt existenziell vom gesamtwirtschaftlichen Erfolg Deutschlands ab. Sollte es deutschen Firmen künftig im Zeitalter der Digitalisierung und Datenwirtschaft schlecht gehen, wird sich der Misserfolg genauso dramatisch negativ für Anleger auswirken, die auf deutsche Aktien gesetzt haben, was für die Masse der deutschen Vorsorgefonds der Fall ist.

Verglichen mit den Risiken, die ein verlangsamtes Fortschrittstempo als Folge unterfinanzierter und entsprechend nicht mehr zeitgemäßer Bildungssysteme heraufbeschwört, verursachen die heutigen Null- und Negativzinsen nichts mehr als einen Sturm im Wasserglas. Ein Zurückfallen bei der Bildung und ein dadurch verursachtes Fehlen gut qualifizierter Nachwuchs- und Fachkräfte jedoch wird einen Orkan auslösen.

Null- oder Negativwachstum entziehen dem Sozialstaat die Finanzierungsbasis. Sie provozieren einen Umverteilungskampf zwischen steigenden Rentenansprüchen einer demografisch alternden Gesellschaft und einer schwindenden Leistungsfähigkeit jüngerer Generationen, der das Erwirtschaften des BIP immer schwerer fällt. Ältere und Ärmere würden die Folgen am stärksten spüren. Denn sie können sich am wenigsten wehren und/oder wegziehen und (andernorts) etwas Neues und Anderes anfangen, das mehr Wetterfestigkeit verspricht.

„Der Rest der Welt schläft nicht. Wenn wir es nicht schaffen, mit unserem Bildungssystem in die internationale Spitze vorzurücken, gefährden wir den Wohlstand unserer Kinder“, sagt der Bildungsexperte Wößmann. Die aktuellen Pisa-Ergebnisse geben dabei großen Anlass zur Besorgnis – 20 Prozent der 15-jährigen können nicht auf Grundschulniveau lesen.

Wer nicht bereit ist, ab heute, hier und jetzt mehr Geld für bessere Bildung auszugeben und bei bundesweit vorgegebenen Bildungszielen Erzieherinnen, Lehrkräften und Schulleitungen mehr Anreize für mehr Engagement und Motivation vor Ort zu bieten, einzelnen Schulen – vor allem in sozialen Brennpunktvierteln – mehr Freiheiten für eigene Wege zu eröffnen, Hochschulen auf Digitalkurs zu bringen sowie auch Erwachsenen in fortschreitendem Alter mit einem lebenslang gewährten „BAföG für alle“ ein „Studium virtuale“ zu ermöglichen, wird den Kindeskindern zu erklären haben, wieso man sich in Deutschland (zu) lange mit der Vergangenheit anstatt der Zukunft beschäftigte.
 

Thomas Straubhaar ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Kuratoriumsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. 

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
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