Nordkorea
Nordkorea: Gerüstet für alle Herausforderungen?

Das Jahr 2020 ist für Nordkorea ein besonders schwieriges.
Nordkorea feierte das 75. Parteijubiläum mit einer nächtlicher Militärparade
Nordkorea feierte das 75. Parteijubiläum mit einer nächtlicher Militärparade © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Nordkorea will mit seiner massiven Parade Stärke und Einheit demonstrieren. Gleichzeitig steht das Land vor zahlreichen Herausforderungen: Corona, Wirtschaft, Außenpolitik, Nahrungsversorgung. Deutlich ist, dass auch unter Kim Jong-un die militärische Entwicklung priorisiert wird. Eine wirtschaftliche Erholung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung wird es mit diesem Kurs nicht geben.

Demonstration der Stärke

Am 10. Oktober feierte Nordkorea das 75. Jubiläum der Gründung der Partei der Arbeit Koreas: mit Glanz und Gloria, Pauken und Trompeten und mit einer Waffenschau, die niemanden unbeeindruckt ließ. Beobachter hatten erwartet, dass die Parade besonders massiv ausfallen und neue Waffengattungen gezeigt werden würden. Doch die schiere Größe der Veranstaltung und die zahlreichen neuen Waffensysteme überraschten dann doch.

Während in Europa wegen der Coronapandemie massenhaft Veranstaltungen abgesagt wurden und der inständige Appell zum Social Distancing mantraartige Züge bekam, bot sich in Pjöngjang beim wehrhaften Massenaufmarsch ein fundamental anderes Bild. Masken und Abstand halten? Fehlanzeige bei den Parade-Akteuren und bei Zehntausenden Jublern.

Bewies diese Großveranstaltung mit ihrem dichten, wenn auch wohlorganisiertem Gedränge, dass Nordkorea noch immer Corona-frei ist? Das ohnehin weitgehend verschlossene Land hat sich seit Januar zum Schutz vor Corona noch massiver abgeschottet. Die Grenzen sind seit fast zehn Monaten geschlossen. Was in diesem Land wirklich vor sich geht, lässt sich nur vermuten. Während die Parade Macht und Einigkeit demonstrieren soll, steht das Land vor zahlreichen Problemen.

Macht und Gefühl vor Augen geführt

Die Parade war ein deutliches Zeichen dafür, dass Nordkorea die vergangenen zwei bis drei Jahre dafür genutzt hat, die eigenen Waffensysteme weiterzuentwickeln. Die Gipfeldiplomatie seit 2018 sowohl zwischen den USA und Nordkorea, wie auch zwischen den beiden Koreas konnte dies nicht verhindern. Kim Jong-un hatte bereits im vergangenen Dezember eine neue strategische Waffe angekündigt. Diese neuste Entwicklung ist eine gigantische Interkontinentalrakete, die voraussichtlich den Namen „Hwasong 16“ (Mars-16) erhalten wird. Laut ersten Experteneinschätzungen ist dies die vermeintlich größte mobile Interkontinentalrakete der Welt.

Die gigantische Interkontinentalrakete „Hwasong 16“  auf einem auf 11-achsigem Raketentransporter
Die gigantische Interkontinentalrakete „Hwasong 16“ auf einem auf 11-achsigem Raketentransporter © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Weiterhin wurde eine neue U-Boot-gestützte ballistische Rakete enthüllt. Vorgeführt wurden allerdings nicht nur Neuentwicklungen. Zudem überraschte, dass zahlreiche bereits bekannte, konventionelle Waffengattungen deutliche Weiterentwicklungen vorwiesen: Panzer, Artillerie und Infanterieeinheiten. Oftmals spotten Beobachter, dass Nordkoreas Heer in einem desolaten Zustand und hoffnungslos veraltet sei. Diesem Eindruck versuchte die Parade ebenfalls entgegenzuwirken. Selbstbewusst sprach Kim Jong-un in seiner Rede von einer massiven Entwicklung des Militärs, mit der sich kaum ein anderes Land messen könne. Er betonte, dass die Nuklearwaffen nur dem Schutz des Landes dienen und nie zuerst eingesetzt werden sollen. Würde eine andere feindliche Macht das Land bedrohen, dann würde man allerdings mit der ganzen Kraft der nuklearen Streitkräfte zuschlagen.

Martialische Worte waren nur ein kleiner Teil seiner emotionalen Rede, die ihn vor allem als Mann des Volkes präsentieren sollte. Er dankte, teilweise mit deutlichen Tränen in den Augen, seinem Volk für die Unterstützung bei der Abwehr des Coronavirus und entschuldigte sich für die damit einhergehenden schweren Entbehrungen der Bevölkerung. Selbst für den bereits in der Vergangenheit volksnah aufgetretenen Kim war diese Rede bemerkenswert. Seine vermeintliche Fürsorge und sein emotionaler Ton lassen sich auch damit erklären, dass Nordkorea abseits der Paradiermeile mit gewaltigen Herausforderungen zu kämpfen hat.

Tatsächlich coronafrei?

Während bei der Militärparade keine Masken sichtbar waren, zeigen Fernsehbilder von weiteren Veranstaltungen am Tag danach Zuschauer, Soldaten als auch Vertreter der Nomenklatura mit Maske. Dies erscheint paradox und lässt sich kaum plausibel erklären. In seiner Rede hatte Kim doch stolz verkündet, Nordkorea sei frei von Covid-19. Nachprüfbar ist das kaum, denn es gibt kaum noch Vertreter internationaler Organisationen oder Diplomaten in Pjöngjang. Ihre Bewegungsfreiheit ist seit jeher stark eingeschränkt. Nun, im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen, ist es für die wenigen verbliebenen Ausländer völlig unmöglich, sich im Land Eindrücke zu verschaffen.

Militärischer Aufschwung, wirtschaftliche Stagnation

Um die Gipfeldiplomatie seit 2018 nicht zu gefährden, wurden die Verhängung neuer Sanktionen weitestgehend ausgesetzt. Trotzdem sind die Handelsbeziehungen mit dem Ausland dauerhaft extrem schwach und die wirtschaftliche Aussicht ist schlecht. Die massiven Corona-Schutzmaßnahmen verhindern Handel. Auch Tourismus-Einnahmen, vor allem aus China, entfallen. Kim Jong-un ließ in den vergangenen Monaten in mehreren Reden durchklingen, dass die wirtschaftlichen Ziele seines Fünf-Jahres-Plans nicht eingehalten werden konnten. Eigentlich hatte er bei Verkündigung des Plans im Jahr 2016 versprochen, dass die Bevölkerung „nie wieder den Gürtel enger schnallen“ müsse. Dieses Versprechen ist nun hinfällig und erklärt teilweise seine emotionale Rede.

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Kim Jong-un bei seiner Rede des Parteijubiläums. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Satellitenaufnahmen weisen darauf hin, dass zahlreiche Prestige-Bauprojekte nicht vorankommen. Das neue Krankenhaus in Pjöngjang ist zwar von außen fertiggestellt, laut dem Fachportal nknews suchen aber Nordkoreas Diplomaten weltweit nach Möglichkeiten und Spenden, um medizinische Geräte zu erhalten. Auch hier also mehr Schein als Sein? Ein weiterer Hinweis auf eine schwierige wirtschaftliche Lage ist auch, dass Kim Jong-un eine 80-tägige „Speed Battle“ ausrief, bevor im Januar der neue Fünf-Jahres-Plan verkündet werden soll. Solche „Speed Battles“ sind massive Mobilisierungskampagnen des Staates, bei der die Bevölkerung aufgerufen wird, „freiwillig“ Mehrarbeit zu leisten, um die staatlichen wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Diese „freiwillige“ Mehrarbeit beinhaltet vor allem knochenharte Aufgaben im Agrar- oder Bausektor und somit zusätzliche Mühsal für die Menschen.

Unwetterkatastrophen und Ernteausfälle

Die Versorgungslage in Nordkorea ist seit jeher prekär, auch wenn eine Hungerkatastrophe wie in den 1990er Jahren seither nicht mehr aufgetreten zu sein scheint. Damals verhungerten nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 240.000 und drei Millionen Nordkoreaner. Anfang diesen Jahres warnte das UN World Food Programme, 10 der 25 Millionen Menschen im Land könnten unter einem „massiven Lebensmittelmangel“ und Mangelernährung leiden. Die US-Entwicklungshilfeorganisation USDA sprach im August gar von 15,3 Millionen Menschen, die sich in einer sehr „unsicheren Ernährungssituation“ befänden. Wegen des schwierigen Zugangs zum und im Land beruhen solche Angaben allerdings nur auf Indikatoren und groben Schätzungen.

2020 gab es auf der koreanischen Halbinsel eine besonders regenreiche Monsunzeit. Dazu zählten im August und September gleich drei schwere Stürme. Sie führten selbst im hochentwickelten Südkorea zu massiven Überschwemmungs-Schäden. Daher ist im Norden, wo die Infrastruktur marode ist, von sehr schweren Schäden auszugehen. Es dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu massiven Ernteeinbußen kommen. Trotz der schlechten Versorgungslage lehnt Nordkorea Hilfe von außen aus Sorge vor Corona überwiegend ab. Nur einzelne Großlieferungen von Nahrungsmitteln durch Russland und China sind in den vergangenen Monaten bekannt geworden. Die Wetterphänomene und Corona dienen der Regierung jetzt als Erklärung für die die schlechte Wirtschaftslage.

Trump präferierter Gesprächspartner

Nun wartet Nordkorea wohl erst einmal die US-Präsidentschaftswahl im November ab und hält sich bis dahin mit Provokationen zurück. Die meisten Experten sehen Trump als präferierten Gesprächspartner Nordkoreas, da mit Biden die Wahrscheinlichkeit eines vorteilhaften Deals sinken würde. Nordkorea testete in der Vergangenheit häufig kurz nach den US-Wahlen Atombomben oder Interkontinentalraketen. Dies sollte die USA daran erinnern, dass man bitteschön außenpolitische Priorität habe. Ob Biden oder Trump, Nordkorea wird voraussichtlich seine neuen Waffen testen wollen - um dann hohe Zugeständnisse einzufordern. Diese weitere Priorisierung von Rüstung, Militär und außenpolitischem Druck bedeutet mittel- und langfristig, dass verbesserte Lebensbedingungen für die Bevölkerung auf sich warten lassen werden.

 

Dr. Christian Taaks ist Leiter des FNF-Büros in Seoul.

Tim Brose ist Experte für Nordkorea im Büro der FNF Korea in Seoul.