Niemals aufgeben, ihr Mutigen!

Erdogan Kritiker Can Dündar über Freiheit

Meinung13.09.2017Can Dündar
Türkei, Pressefreiheit
"Jetzt muss ich beim Schreiben an meine Kollegen denken, die immer noch in ihren Zellen eingesperrt sind, die dort als Geiseln gehalten werden."CC BY-SA 2.0 Flickr.com / majka czapski

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitungsbeilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten in Kooperation mit dem Tagesspiegel, der Friedrich-Naumann und Robert Bosch Stiftung. 

"Jeder lebt hinter einem Gitter, das er mit sich herumträgt“, schreibt Franz Kafka in „Die Verwandlung“. Wahrscheinlich trifft der Satz am ehesten auf Menschen zu, die im Exil leben. Die meisten von uns haben sich ihre Gefängniszellen auf den Rücken geladen und sich dann in die ganze Welt verstreut. Und während wir schreiben, schlagen unsere Handschellen immer noch gegen unsere Tastaturen.

In der Istanbuler Redaktion meiner Zeitung „Cumhuriyet“ war der Konferenzraum mit kugelsicheren Vorhängen geschützt; in meinem Berliner Büro muss ich den Vorhang hinter mir immer zuziehen, damit ich nicht zum Ziel eines Attentats werde. Ich war freier, als ich im Gefängnis geschrieben habe, denn die Bedrohung, verhaftet zu werden, hing nicht mehr über meinem Kopf; jetzt muss ich beim Schreiben an meine Kollegen denken, die immer noch in ihren Zellen eingesperrt sind, die dort als Geiseln gehalten werden.

Can Dündar
Auch der türkische Journalist und ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Cumhuriyet, Can Dündar, kam zur Launchparty der von Exlijournalisten gestalteten Tagesspiegelbeilage.Der Tagesspiegel, Agnieszka Budek

Das Exil erscheint vielen wie ein ruhiger Hafen auf der Flucht vor Unterdrückung und Verfolgung. Zum Teil ist das auch richtig, aber es ist kein Paradies auf Erden, höchstens ein Lager, dessen Stacheldraht von künstlichen Blumen kaschiert wird. Ein komfortables Lager, in dem man sich eine Weile ausruhen und von einer Rückkehr träumen kann. Nach der Belagerung der Medien in der Türkei bin ich nach Deutschland gekommen. Wir haben eine neue Redaktion gegründet und sie #Özgürüz genannt: Wir sind frei. Aber sind wir es wirklich?

Oft glaubt man, die Grenzen der Freiheit würde der Zensor ziehen. In Wahrheit verlaufen die Grenzlinien in unseren Köpfen. Vorurteile, Sorgen, Ängste verfolgen einen wie der eigene Schatten, den man nicht los wird, wie sehr man es auch versucht. Stellen Sie sich bitte vor:

Aus welcher Quelle soll ein Journalist im Exil, der alles in seinem Land zurückgelassen hat, seine weitere Arbeit finanzieren?

Wie soll ein Schriftsteller im Exil frei schreiben, ohne die geliebten Menschen zu gefährden, die er in seinem Land zurückgelassen hat?

Wo kann der Bürger eines Landes, dessen Regierung sich geschworen hat, ihre Widersacher überall in der Welt aufzuspüren und gegen sie zu hetzen, zur Ruhe kommen?

Wie soll der Journalist in dem neuen Land ein Redaktionsteam gründen und seinen Beruf ausüben, wenn Kollegen im Ausland und in der Türkei Angst haben, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden?

Wenn die Kommunikationskanäle, über die er sein Land erreichen kann, verboten sind, kontrolliert und zensiert werden – wie soll er Leser und Zuschauer erreichen?

Und selbst, wenn er es irgendwie schafft, die Zensur zu umgehen – wie soll er die Selbstzensur besiegen, die sich von all diesen Ängsten nährt?

Das Beharren darauf, die Wahrheit zu sagen, ist notwendig

Ich geben Ihnen ein einfaches Beispiel: