Robotrolling

Neue Ära von „Trollen“ in den sozialen Medien

Die Nato veröffentlicht ihren Jahresbericht zum sog. "Robotrolling"

Analyse09.07.2018Adéla Klečková
Hacker
Die Auseinandersetzungen im Netz werden immer härter - und der Westen ist ungenügend vorbereitetGettyImages/Bill Oxford

Die Beeinflussung des Cyberspace tritt in eine neue, immer intensivere Ära ein. Während globale Akteure wie Twitter und Google sich dem Kampf gegen die Verbreitung feindseliger Propaganda anschließen, haben Kreml-freundliche Trolle keine Probleme, sich an die neuen Cyber-Regeln anzupassen und mit ihren Aktivitäten immer einen Schritt voraus zu sein. Demokratische Staaten scheinen immer noch keine starke und konsequente Reaktion auf bösartige Cyber-Operationen gefunden zu haben.

93 Prozent der russischsprachigen Twitter-Accounts sind anonym oder werden automatisch von Robotern betrieben, heißt es im Jahresbericht über Robotrolling, der gerade vom NATO-Exzellenzzentrum für strategische Kommunikation veröffentlicht wurde. Die Technologie ist so weit fortgeschritten, dass es für einen Menschen unmöglich ist, zwischen menschlichen und Bot-Accounts zu unterscheiden. Letztere hätten in diesem Jahr 54% aller russischsprachigen Nachrichten über die NATO-Präsenz in den baltischen Staaten und Polen generiert.

Auf so hohem Niveau der Robotisierung und „Trollisierung“ sozialer Netzwerke verlieren die sozialen Medien langsam die Fähigkeit, Meinungen von Bürgern noch realistisch widerzuspiegeln. Darüber hinaus sind die offenen und freien Gesellschaften nicht willens oder es fehlen ihnen die Instrumente, um auf derartige schädlicher Online-Aktivitäten zu reagieren.

Was macht die Trolle wild?

Der Bericht konzentriert sich auf die sozialen Medien in vier besonders betroffenen Ländern: Estland, Lettland, Litauen und Polen, die (nicht nur) aus geopolitischen und historischen Gründen am häufigsten das Ziel der Kreml-Propaganda und Desinformationen sind. Mehr als die Hälfte der Inhalte, die über die Präsenz der NATO in Lettland und Estland getwittert wurden, sind von Robotern generiert. Eine Zunahme der Aktivität der hybriden und anonymen Konten hängt von aktuellen internationalen Ereignissen ab, die für Russland relevant sind.

Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Fall Skripal - der Vergiftung eines ehemaligen russischen Doppelspions, mutmaßlich unter Mitwirkung der russischen Geheimdienste - explodierte der Twitterraum förmlich vor automatisch oder anonym erstellten Inhalten. Starke Reaktionen wurden auch bei der Wiederwahl des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der Ausweisung russischer Diplomaten als Reaktion auf die Gift-Attacke gegen den Ex-Doppel-Agenten Skripal und dem Giftgasangriff auf die syrische Stadt Duma festgestellt. Während dieser Ereignisse nahmen die Aktivitäten von russischen Bots und anonymen Konten um mehr als 250 Prozent zu.

Eine ähnliche Situation gab es in Polen, als die Medien über einen Milliarden-Vertrag über den Kauf von US-Flugabwehrraketen des Typs Patriot zwischen Polen und den USA berichteten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der russischsprachigen Posts über die NATO-Präsenz in Lettland verdoppelt und der Anteil der Bot- und anonymen Nachrichten ist auf 53 Prozent gestiegen.

Trendwende

Die Situation in den sozialen Medien kann als ein weiteres Beispiel dafür dienen, wie flexibel und vorausschauend die feindliche kybernetische Beeinflussungsstrategie ist. Die Bemühungen von Twitter, die Anzahl der Botkonten zu reduzieren, führte zu einem signifikanten Rückgang von 12 Prozent der englischsprachigen Konten. Auch bei den russischen Bots ist ein deutlicher Rückgang von 70% auf 38% zu verzeichnen. Nichtsdestotrotz  sorgt die Tatsache, dass mehr als ein Drittel aller Twitter-Konten auf Bots entfällt, für Unruhe. Die hohe Anzahl von Botkonten ist teilweise auch auf die Intransparenz des russischen kybernetischen Raums zurückzuführen.  

Abgesehen davon wurde der Rückgang von Botkonten großzügig durch anonyme Konten kompensiert, die ebenso gefährlich sind, aber nicht als Roboter gelten und daher nur schwer bekämpft werden können. Laut dem Bericht ist die Anzahl der anonymen Twitter-Nutzer von Mai 2017 bis April 2018 um 20 Prozent gestiegen, mit Tendenz nach oben. In der Skripal-Affäre haben sich die Aktivitäten von anonymen Nutzern mehr als verdoppelt.

Starke Antwort von einer starken Gesellschaft

Wie düster die gegenwärtige Situation auch aussehen mag, es gibt immer noch Hoffnung. Was eine freie und demokratische Gesellschaft braucht, ist eine starke Antwort auf feindliche Beeinflussungsoperationen innerhalb ihres Cyberraums. Die Möglichkeit, pro-demokratische Botkonten in den sozialen Medien zu implementieren, wurde während der Sicherheitskonferenz Globsec 2018 unter Experten für Cybersicherheit intensiv diskutiert. Es wird behauptet, dass das Lernen vom Feind der beste Weg ist, um die europäischen Bürger für sich zu gewinnen und dass der Einsatz von Botkonten zur Förderung von Demokratie, Redefreiheit und Menschenrechten ein geeignetes europäisches  Verteidigungsmittel  gegen kybernetische Propaganda sein könnte.

Ein solcher Ansatz mag über das Ziel hinausschießen. Debatten in einer offenen Gesellschaft sollten nicht mit solch intransparenten Mitteln geführt werden. Während der Vorschlag der Sicherheitsexperten zweifelhaft sein mag, gibt es auch andere, weniger problematische Wege, der Propaganda entgegenzuwirken. Staatliche wie nichtstaatliche Organisationen sollten Freiwilligengruppen wie die Baltischen Elfen, die gegen Kreml-Trolle und Kreml-Propaganda und Desinformation im Internet kämpfen, ermutigen und fördern.

Ein ständiger und intersektionaler Druck nicht nur von Regierungen, Lobbyisten und NGOs, sondern auch von den direkten Nutzern in sozialen Medien und globalen Internetfirmen wie Facebook und Google soll zur Bekämpfung der Desinformationen und feindlicher Propaganda beitragen. Twitter hat bereits seine Absicht erklärt, den politischen Propaganda-Botkonten entgegenzuwirken. Jetzt müssen auch andere relevante globale Unternehmen zum Mitmachen ermutigt werden.

Adela Klečková ist Projektmanagerin für Zentraleuropa und die Baltischen Staaten für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Prag.

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Adéla Klečková
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Tschechien