Türkei
Mit zertifizierten Corona-freien Zonen will Erdogan Touristen locken

Der Inlandstourismus soll den Anfang machen. In einer zweiten Phase will Ankara auf den internationalen Märkten aktiv werden.
Recep Tayyip Erdogan
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Pressekonferenz Ende April. © picture alliance / AA

In der Türkei gibt es fast 130.000 bestätigte Covid-19-Fälle. Den offiziellen Zahlen zufolge geht die Ansteckungsrate bereits zurück. Die Regierung um Präsident Erdogan plant bereits die Rückkehr zur Normalität. Dafür ist vor allem der Tourismussektor wichtig. Eine neue Idee soll wieder Leute ins Land locken.

„Wenn wir COVID 19 überwinden, können wir am Ende des Fastenmonats Ramadan ein doppeltes Fest feiern“, sagte Präsident Erdogan Ende April. Glaubt man seinem Gesundheitsminister Fahrettin Koca, stehen die Chancen hierfür gut. Die Türkei habe das Schlimmste hinter sich, so der populäre Fachminister; fallende Infektions- und Todeszahlen zeigen, die Corona-Pandemie befinde sich in der Türkei im „Abwärtstrend“, so Koca kürzlich.

Zweifel an den Zahlen der türkischen Regierung hoch

Wie in anderen Ländern hat sich auch in der Türkei der Schwerpunkt der öffentlichen Diskussion verlagert. Im Mittelpunkt stehen nicht die täglichen Opferzahlen. Die Aufmerksamkeit gilt vor allem der Frage, wann und unter welchen Bedingungen das Land zur Normalität zurückkehren kann - oder zumindest: zu einer Situation, die an die Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie erinnert.

Derweilen werden die Regierung und ihre Freunde in der Publizistik nicht müde, das medizinische Krisenmanagement Ankara zu preisen: „Angesichts zunehmender Tests und schwindender Infektionszahlen erleben wir in der Türkei ein lokales Wunder“, schwärmt Hakki Öcal in Daily Sabah.

Gleichwohl: Das Vertrauen in die Kompetenz der Regierung ist nicht allumfassend. Laut einer aktuellen Meinungsumfrage sind lediglich 62 Prozent der Befragten der Meinung, die Zahlen zur Corona-Krise des türkischen Gesundheitsministers entsprechen der Wahrheit. Im Umkehrschluss heißt dies: Knapp vier von zehn Türken trauen der Regierung in der zentralen Datenfrage nicht über den Weg.

Zum Krisenmanagement Ankaras gehört auch, offene Kritik im Zaume zu halten. Nach Angaben des Innenministeriums sind seit Ausbruch der Krise über 400 Menschen wegen „provozierender Veröffentlichungen“ in sozialen Medien festgesetzt worden.

Die Türkei bewegt sich Richtung Rezession

Die schwelende wirtschaftliche Krise erklärt den Drang zur Rückkehr zu einer wie auch immer gearteten Normalität. Die Türkei bewegt sich in Richtung Rezession; das genaue Ausmaß der ökonomischen Malaise ist nicht absehbar. Das Defizit in der Handelsbilanz hat sich nach amtlichen Angaben im März auf über vier Milliarden US Dollar verdreifacht, die Ausfuhren sind um 18 Prozent eingebrochen. Düster ist auch die Situation im Tourismus.

Laut einer Prognose der Nachrichtenagentur Reuters wird die türkische Volkswirtschaft im laufenden Jahr um 1,4 Prozent schrumpfen. Für 2021 rechnen die Fachleute mit einem Wachstum von 3,7 Prozent.

Mit Ausgangssperren, Quarantäne-Maßnahmen und medizinischen Sonderprogrammen versucht Ankara, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Zu keinem Zeitpunkt war der „Lockdown“ allumfassend. Frühzeitig hatte Präsident Erdogan die Devise ausgegeben, die Räder der Wirtschaft dürfen nicht zum Stillstand kommen. Aktuelle Daten zur Kapazitätsauslastung zeigen, die Industrie hat sich weitgehend an die Marschroute gehalten. Nach Angaben der Zentralbank lag die Auslastungsquote im April bei knapp 62 Prozent. Dies ist ein Rückgang von 14 Prozent verglichen mit dem Vormonat.

„Die Produktion in unserem Land wird schnell wieder ansteigen wie zuvor, sobald wir schrittweise die Schutzmaßnahmen aussetzen“, sagte Präsident Erdogan Ende April.

Die Autoindustrie schielt nach China

Auf dieses Signal hat die Automobilindustrie gewartet: „Alle planen das Wiederhochfahren der Produktion in der ersten Mai-Woche“, sagt Kemal Yazici vom Branchenverband TAYSAD. Im ersten Quartal sind die Exporte von Autos und Vorleistungsgütern um zehn Prozent zurückgegangen, allein im März verzeichnete die Branche Einbußen von über zwei Milliarden US Dollar.

Doch die türkische Automobilindustrie wittert in der Krise auch Chancen: „Die Türkei könnte China in der nahen Zukunft bei der Versorgung mit Vorleistungsgütern ersetzen“, spekuliert der Präsident des Branchenverbandes TAYSAD Alper Kanca.

Tourismus ist ein wichtiger Faktor für die Wirtschaft

Dass die Rückkehr zu besseren Zeiten in hohem Maße von Entwicklungen jenseits der Landesgrenzen abhängig ist, zeigt sich nirgendwo deutlicher als im Tourismus-Geschäft. Der Fremdenverkehr ist eine Stütze der türkischen Wirtschaft: 2019 besuchten 52 Millionen Touristen das Land am Bosporus. Der Andrang bescherte Ankara Einnahmen in Höhe von 35 Milliarden US Dollar. Über zwei Millionen Menschen verdienen ihr Geld in der Touristik. Damit ist bis auf weiteres Schluss. Mit der Schließung der Hotels und der Aussetzung der internationalen Flüge ist der Tourismus zum Erliegen gekommen. Erst Ende Mai will die halbstaatliche Turkish Airlinesden Flugbetrieb wiederaufnehmen. „Wir wissen, dass das hart ist. Aber wir brauchen Geduld und mehr Zeit, um den Kampf zu gewinnen“, schrieb THY-Chef Bilal Eksi auf dem Kurznachrichtendienst Twitter

Geht es nach dem Willen der Regierung, sollen schon in naher Zukunft die Urlauber zurückkehren. „Wir haben ein neues Projekt initiiert, um Corona-freie Zonen zu zertifizieren,“ sagte Tourismus-Minister Mehmet Nuri Ersoy Mitte April in einem TV-Interview. Man werde behutsam und Schritt für Schritt an das Thema herangehen und Vertreter unterschiedlicher Ministerien zu Rate ziehen. Wenn alles nach Plan verläuft, werden die ersten Zertifikate Ende Mai ausgegeben.

Erst inländische Touristen, dann aus dem Ausland

Der Inlandstourismus soll den Anfang machen. In einer zweiten Phase will Ankara auf den internationalen Märkten aktiv werden. „Wenn wir mit anderen Ländern Vereinbarungen getroffen haben, werden wir langsam auch mit internationalen Flüge beginnen“, sagt der türkische Tourismusminister. Zunächst rechne er mit Besuchern aus Asien. Erst in einer zweiten Phase, so Minister Eroy, würden Touristen aus Deutschland und Österreich in die Türkeireisen. Russen und Briten erwartet Eroy nicht vor Ende Juli.

Es sind optimistische Projektionen. Die Pläne der Regierung finden keinesfalls ungeteilte Zustimmung. Einigen geht der Drang zum schnellen Öffnen zu weit. Das kennen wir auch aus anderen Ländern. Die kommenden Wochen – vor allem die Entwicklung der Krankheit – werden zeigen, wer Recht hatte und wer nicht.

Nach dem Rekordjahr 2019 hatte Ankara für dieses Jahr einen neuen Spitzenwert mit 60 Millionen Besuchern angestrebt. Es wäre ein Erfolg, wenn am Ende ein Bruchteil ins Land kommt. 

Erdogan kündigt schrittweise Lockerung der Maßnahmen in der Türkei an

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Montag eine schrittweise Lockerung der Corona-Maßnahmen angekündigt. Demnach dürfen Senioren sowie Kinder und Jugendliche künftig wieder vier Stunden am Tag ihre Wohnungen verlassen. Senioren dürfen ab Sonntag ins Freie, Kinder und Jugendliche erst ab Mitte kommender Woche. Zudem dürfen Einkaufszentren und Friseursalons unter Auflagen ab dem 11. Mai wieder öffnen, wie Erdogan ankündigte.

In der Türkei gelten seit dem 21. März für rund 7,5 Millionen Menschen über 65 Jahren Ausgangsperren; sie dürfen gar nicht nach draußen. Die gleiche Einschränkung gilt seit dem 4. April für Menschen unter 20 Jahren.

"Wir werden allmählich zum normalen Leben zurückkehren", sagte Erdogan in Istanbul nach einer Kabinettssitzung, die per Videokonferenz abgehalten wurde. Die ganztägigen Ausgangssperren am Wochenende, die für 31 Städte wie Ankara und Istanbul gelten, sollen seinen Angaben zufolge aber vorerst beibehalten werden. 

Die Türkei hat mehr als 127.000 Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus gemeldet. 3461 Menschen starben an der Lungekrankheit Covid-19. Seit einigen Tagen hat sich der Zuwachs bei den Infektions- und Totenzahlen jedoch verlangsamt. Um das Virus einzudämmen, hat die Türkei auch Schulen geschlossen und Kultur- und Sportveranstaltungen verboten.

Der Artikel wurde zuerst im Focus veröffentlicht und ist online hier zu finden.

Dr. Ronald Meinardus leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Istanbul.

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