Kultur

Mein Leben mit und ohne Kopftuch

Journalistin Hend Taher berichtet über ihr Leben zwischen zwei Welten

Meinung16.05.2019Hend Taher
Hend Taher
Hend Taher entscheidet selbst, wann sie Kopftuch trägt und wann nicht.Ali Ghandtschi

In Berlin verlässt Hend Taher ihre WG mit offenen Haaren und Klamotten, die zum Wetter passen. In Kairo allerdings verlässt sie die Wohnung ihrer Eltern nur mit Kopftuch und einem Mantel, der bis zum Knie reicht. Die Journalistin Hend Taher berichtet über ihr Leben zwischen zwei Welten.

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer Familie in Kairo, die man hier in Deutschland als streng religiös bezeichnen würde. In Ägypten würde man sagen: eine anständige Familie, die an der Tradition festhält. Diese Tradition besagt, dass die Wörter „selbstständig“ und „Frau“ nicht zusammenpassen.

Meine jüngeren Brüder durften schon von früh an mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Kairo fahren, bis zum Abend auf der Straße spielen, an Klassenfahrten teilnehmen und mit Freunden etwas unternehmen. Ich habe gelernt, wie ich mit dem Herd, der Nähmaschine und mit Kindern umgehen kann. Mit dem öffentlichen Verkehr bin ich zum ersten Mal während meines Abiturs gefahren. 

Im Studium durfte ich am Abend nach Hause kommen und in Kairo mit meinen Freundinnen unterwegs sein. Natürlich nur dort, wo meine Eltern es erlaubten. Darüber habe ich viel mit meinen Eltern gestritten und in der Uni mit allen darüber diskutiert. Unter meinen Freundinnen war ich fast die Einzige, der das Thema Freiheit wichtig war. Ich fühlte mich befremdet und unverstanden.

Charakter verloren

In der fünften Klasse habe ich zum Beispiel Ärger mit meinem Lehrer bekommen, weil er meine Bewegungen als Tanzen wahrgenommen hatte. Eigentlich war ich nur mit anderen Mädels gehüpft. Mit der Zeit habe ich gelernt, mich an einengende Regeln zu halten. Dabei habe ich meinen Charakter verloren. Ich bin lebensfroh, lache gerne, rede mit jedem und mache gerne Quatsch. In meinem Umfeld war nicht in Ordnung, dass ich männliche Freunde habe, Musik höre und vieles tue, was meine Eltern nicht wissen.

Nach dem Abi fing ich mein Studium an und habe ein Stipendium für einen Sprachkurs in Deutschland bekommen. Nach heftigem Streit mit meinen Eltern durfte ich reisen. Da war ich zum ersten Mal allein und frei. Im Sprachkurs habe ich andere junge Frauen getroffen. Wir redeten über unsere eigenen Meinungen, Reisewünsche und Karriereträume. Ich war mir sicher: Ich bin hier am richtigen Ort. 

Wir haben vieles unternommen. Ich musste nicht meine Eltern um Erlaubnis fragen und musste keine Diskussionen führen. Überhaupt achtete keiner auf mein Verhalten. Auf der Straße bin ich gerannt, habe laut gelacht und mit anderen im Bus oder Zug geredet. Am letzten Tag traute ich mich, mich auf die Wiese unter einen Baum zu legen. Ich guckte in den blauen Himmel und dachte, hier sei das Paradies. 

Das Problem mit der Freiheit

Nach dem Studium habe ich rebelliert. Ich bin nach Deutschland gekommen und habe ein selbstständiges Leben begonnen. Ich fühlte mich wie ein Vogel, der noch nicht gut fliegen kann. Ich musste Entscheidungen treffen, Situationen einschätzen und Probleme lösen. Bald konnte ich mich mit dem Kopftuch nicht mehr identifizieren. Ich hatte seit meiner Kindheit Kopftuch getragen, zuerst in der Moschee, dann in der Schule. Als ich das Kopftuch ablegte, wollte ich mich vielleicht von meinem alten Leben abgrenzen. Dann kam die Frage: Wie möchte ich jetzt aussehen? Mit der Zeit habe ich einen eigenen Stil gefunden, der zu mir passt. 

Es dauerte nicht lange, bis ich einen Wandervogel-Mädchenbund kennengelernt habe. Starke Frauen, die ohne Eltern, Männer oder deren Erlaubnis oder Begleitung wandern gehen. Einfach so. Bald durfte ich mit ihnen nach Schweden reisen. Wir sind getrampt, in Seen geschwommen und haben draußen geschlafen. Ich war frei. Ich war glücklich. 

Eine normale Familie in Kairo

Meine Familie akzeptiert inzwischen, dass ich in Deutschland ein anderes Leben habe. In Kairo sollen wir weiterhin möglichst wie eine ganz normale Familie erscheinen. Es heißt dann nur: Sie studiert im Ausland. Keiner soll wissen, dass ich in einer gemischten WG lebe und kein Kopftuch mehr anziehe. Wir haben einen Kompromiss gefunden: In unserem Wohnviertel bin ich verschleiert, treffe keine männlichen Freunde und komme spätestens um Mitternacht zurück. Erst wenn ich heirate, kann ich mich anders verhalten. Dann soll die Verantwortung für mich bei meinem Mann liegen. 

In den Ferien fliege ich zurück nach Kairo. Im Flughafen lege ich das Kopftuch und den Mantel an. Ich freue mich und fühle mich verbunden mit der Stadt, mit der Sprache, mit den Gerüchen und dem Geschmack des Essens. Mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe ich eine schöne und wertvolle Zeit. Nun werde ich immer wieder gefragt, ob ich noch an den Islam glaube, Alkohol trinke oder Schwein esse. Und noch ein sehr wichtiges Thema: Warum ich bis jetzt keinen Mann habe, ob ich es mir vorstellen kann, einen zu heiraten, der nicht Muslim, nicht Ägypter ist. Wer ich wirklich bin und was ich sonst im Leben tue, wird dort nicht wertgeschätzt.

Nie richtig angekommen

Tatsächlich bin ich nie richtig in Kairo angekommen. Mit den meisten meiner Freundinnen kann ich nicht abends draußen sein und auf keinen Fall reisen. Die Männer einiger meiner Freundinnen haben ihnen verboten, den Kontakt zu mir zu halten oder mich zu besuchen. Viele Freundinnen besuche ich in ihren Wohnungen, wo die Vorhänge geschlossen sind, damit die Nachbarin sie nicht ohne Kopftuch sieht. Manchmal soll ich das Kopftuch dabei anlegen, damit sie keinen Ärger mit ihren Eltern bekommen. Dann fühle ich mich eingeschränkt und nicht respektiert.

Dennoch: Mir ist es sehr wichtig, eine enge Verbindung zu meiner Heimat zu halten. Es dauert nicht lange, bis ich wieder nach Berlin zurückkomme. Nach Hause. Ich atme tief durch und fühle mich entspannt. In meinem Zimmer mache ich die Vorhänge auf, drehe den Fahrradschlüssel wieder auf meinen Schlüsselbund. Und ich hänge den Mantel und das Kopftuch an die Garderobe, wo sie bis zum nächsten Kairo-Besuch bleiben.

 

Hend Taher (26) studiert Islamwissenschaften und arbeitet als freie Journalistin. Der Text erschien zuerst in dem von der FNF finanzierten Projekt #jetztschreibenwir. Das Projekt #jetztschreibenwir ist eine Kooperation mit dem Berliner Tagesspiegel.