Mehr Fragen statt Antworten

Zu Besuch in Flüchtlingscamps in der griechischen Ägäis

Nachricht25.05.2016Markus Kaiser
Mehr Fragen statt Antworten
In den Flüchtlingscamps auf LesvosStiftung für die Freiheit

Ein emotionaler wie körperlich intensiver zweitägiger Workshop auf der griechischen Insel Lesvos war der Startschuss zu einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Die Europäische Flüchtlingskrise: Liberale Antworten auf die Herausforderungen an Land & zur See“, die von dem Projektbüro Griechenland der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit (FNF) gemeinsam mit dem European Liberal Forum (ELF) ausgerichtet wird. Teilnehmer aus vierzehn verschiedenen europäischen Staaten nutzten die Gelegenheit, sich vor Ort über die Flüchtlingskrise, deren Auswirkungen auf die Bevölkerung der ägäischen Inseln und die Flüchtlinge sowie über den Wirkungsgrad der aktuellen europäischen Strategien zu informieren.

Um ein klareres Bild der aktuellen Situation zu erhalten, besuchte die Delegation das Flüchtlingscamp „Kara Tepe“ und sprach mit dessen Direktor Stavros Mirogiannis, der praktisch jede freie Minute seines Tages darauf verwendet, den Bedürfnissen „seiner“ Flüchtlinge gerecht zu werden. „Wir sind die ersten Europäer, denen diese Menschen auf ihrer Flucht begegnen“, erklärte der frühere Vollzugsbeamte. „Wenn wir sie nicht unterstützen und gastfreundlich sind, werden sie vom ersten Tag ihres Aufenthaltes an enttäuscht sein von Europa und seinen Werten.“

„Europa braucht Menschen wie Stavros, da sie diejenigen sind, die eine menschenwürdige und dennoch streng reglementierte Behandlung der Flüchtlinge sicherstellen“, zeigte sich Andreas Glück, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, anschließend beeindruckt. „Ohne engagierte Personen wie Stavros würden sämtliche von Politikern beschlossenen humanitären Maßnahmen ins Leere laufen.“

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"Europa braucht Menschen wie Stavros, da sie diejenigen sind, die eine menschenwürdige und dennoch streng reglementierte Behandlung der Flüchtlinge sicherstellen."

Andreas Glück

Die Teilnehmer sprachen ebenfalls mit Bürgerkriegsflüchtlingen, die eindringlich von ihren Hoffnungen und Ängsten berichteten. „Weshalb müssen wir hier im Camp bleiben?“, „Warum kümmert sich Europa nicht um uns?“ und „Warum ist es mir und meinen sieben Kindern nicht gestattet, mit meinem Mann zusammenzukommen?“ All das waren Fragen, auf die niemand eine Antwort hatte und die viele der Teilnehmer nachdenklich zurückließen. Auch wenn sich die Gruppe über die Zustände im Lager erschüttert zeigte, versicherten Flüchtlinge, freiwillige Helfer und Offizielle unisono, dass „Kara Tepe“ im Gegensatz zum „Moria Hotspot“, der vor Kurzem zu einem Abschiebelager umfunktioniert wurde, ein „Vier-Sterne-Camp“ sei.

Zusätzlich zu dieser bereits sehr ergreifenden Erfahrung besuchten die Teilnehmer auch das „Lesvos Solidarity Camp“, das gegenwärtig rund achtzig „Härtefälle“ („vulnerables“) von körperlich und geistig behinderten Flüchtlingen, traumatisierten Bürgerkriegsopfern sowie Familien mit Neugeborenen beherbergt. Das „Camp PIKPA“, wie das Lager ebenfalls genannt wird, wird von Freiwilligen aus ganz Europa geleitet.

Aber nicht allein praktische Erfahrungen, auch umfassende politische und rechtliche Fachkenntnisse wurden den Teilnehmern vermittelt. So stellte Jean-Pierre Schembri, Sprecher des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen (EASO), die aktuellen und künftig geplanten europäischen Regularien für ein einheitliches Asylrecht vor. Jurgita Bivilyte und David Reisenzein von der europäischen Grenzschutzagentur „Frontex“ beschrieben die Herausforderungen, denen eine gemeinsame Grenz- und Küstenwache gegenüber stehen wird. Und Boris Cheshirkov von der Flüchtlingshilfeorganisation der Vereinten Nationen UNHCR berichtete anschaulich von den Nöten, denen sich Freiwillige und Flüchtlinge immerfort gegenüber sähen – und das unabhängig von der Anzahl der Flüchtlinge, die die Ägäis überquerten.

„Man kann die türkische Küste klar und deutlich erkennen, und es ist entsetzlich, dass so viele Leben auf einer so kurzen Reise verloren gehen“, fasste einer der Teilnehmer seine Eindrücke zusammen. „Wir Europäer müssen noch viel mehr über die Konsequenzen unserer Flüchtlingspolitik lernen und darüber, wie wir unsere liberalen Werte wie das Grundrecht auf Asyl und das Recht, mit Würde und Respekt behandelt zu werden, aufrechterhalten können.“

Markus Kaiser ist Projekt-Manager für Griechenland der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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Markus Kaiser
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Griechenland