Gleichberechtigung

Mehr als #MeToo

Liberale Ideen zur Emanzipation

Meinung19.07.2018Annett Witte
Frauengruppe
Denn die eigentliche Veränderung muss in den Köpfen stattfinden, und in den Herzen, Bäuchen und überall sonst, wo unser Handeln gesteuert wird und zwar bei Mann und Frau.andresr / E+ / Getty Images

Die #MeToo-Debatte hat, bei aller Kritikwürdigkeit im Einzelnen, eines geschafft: Es wird endlich wieder über Emanzipation geredet. Es gibt nach Jahren des intellektuellen Stillstands, verbunden mit staatlichen Regulierungsdiskussionen und Forderungen, endlich wieder eine echte Auseinandersetzung.

Mehr als rechtliche Gleichstellung

Aus liberaler Sicht ist das längst überfällig. An wem oder was auch immer das lag, haben Liberale in den vergangenen Jahrzehnten mit neuen Ideen zum Thema Emanzipation gefremdelt. Warum eigentlich? Weil es bequem ist, auf die erreichte rechtliche Gleichstellung zu verweisen? Das wäre mindestens merkwürdig, weil der Blick von Liberalen sich auf das Individuum richtet und nach der individuellen Chancengerechtigkeit fragt. Deshalb ist es beispielsweise beim Thema Bildung richtig, sich nicht darauf zu beschränken, dass ja – rein theoretisch – alle Kinder die gleichen Bildungsmöglichkeiten hätten. Sondern dass es darauf ankommt, echte Chancengerechtigkeit für alle Kinder zu schaffen.

Für die Gleichberechtigung von Frauen – verstanden als tatsächlich gleiche Teilhabe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – gilt das uneingeschränkt. Die Zahlen aus vielen Bereichen sind ernüchternd genug.

In der Wirtschaft immerhin geht es voran. Zwar langsam und vielleicht auch nicht schnell genug – aber immerhin voran. In der Politik gibt es keinen klaren Trend zur Besserung. Deutschland hat zwar seit fast 13 Jahren eine Kanzlerin. Aus frauenemanzipatorischer Sicht das einzig Bemerkenswerte daran ist aber, dass sich die Kritik an Angela Merkel jedenfalls nicht daran entzündet, dass sie eine Frau ist. Aber im Jahr 2018, in dem sich die Einführung des Wahlrechts für Frauen zum 100. Mal jährt, ist in der politischen Repräsentanz Stagnation oder sogar Rückschritt zu verzeichnen. Aus dem eigenen liberalen Blickwinkel: Bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 zogen auf liberaler Seite insgesamt sieben Frauen – sechs für Friedrich Naumanns DDP und eine für die DVP Gustav Stresemanns – ins Parlament ein. Damit nahm die DDP unter den bürgerlichen Parteien die Spitzenstellung ein. Dieses Ergebnis war gerade auch dem Wirken Friedrich Naumanns zu verdanken, der sich – bei aller Differenziertheit des liberalen Lagers in Sachen Frauenwahlrecht – den Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber progressiv gezeigt hatte.

Erforderte das damals Mut? Bestimmt. Damals war die Welt wirklich patriarchalisch geprägt.

Kein "Gedöns" mehr

Erfordert es heute Mut, sich für die Emanzipation von Frauen einzusetzen? Leider lautet die Antwort immer noch Ja und leider gilt das heute auch immer noch für Männer und Frauen. „Gedöns“ als liebevolle Umschreibung für Frauenpolitik durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder – diese „Wertschätzung“ schwingt auf der bürgerlichen Seite der Politik immer noch mit.

Auf der linken Seite des politischen Spektrums dagegen ist Frauenpolitik immerhin viel selbstverständlicher. Leider ergibt sich so auch keine bessere Frauenpolitik. Ja, die Quoten von Mandatsträgerinnen sind besser. Aber der vermittelte Anspruch linker Frauenpolitik bzw. des linken Feminismus, Emanzipation durch gesetzliche Regulierung und Quotierung zu erreichen, findet keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Die Eskalation hin zu einem „Mann gegen Frau/ Frau gegen Mann“ ist nicht mehrheitsfähig. Langfristig schadet der Blick linker Feministen und Feministinnen vermutlich sogar der Sache der Frauen. Der kollektivistische Alleinvertretungsanspruch macht individuelle Wünsche, aber auch die individuelle Verantwortung für das eigene Leben platt.

Ein bisschen Mut braucht es manchmal schon, den eigenen Lebensentwurf zu leben – jedenfalls dann, wenn er anders ist als bei den Generationen davor oder auch bei den Menschen des eigenen Umfelds. Denn die eigentliche Veränderung muss in den Köpfen stattfinden, und in den Herzen, Bäuchen und überall sonst, wo unser Handeln gesteuert wird und zwar bei Mann und Frau. Alle müssen mehr Andersartigkeit wollen, ertragen und zulassen. Als Lebensgefühl beschrieben ist das: Freiheit.

Annett Witte, Leiterin

"Ein bisschen Mut braucht es manchmal schon, den eigenen Lebensentwurf zu leben."

Annett Witte, Leiterin des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Statt nach immer mehr Vorgaben und Regulierungen zu fragen, fangen wir doch einfach mal bei uns selbst an:

Frauen könnten weniger streng zu sich selbst sein und Jobs einfach mal probieren. Frauen und Männer würden ihren Töchtern und ihren Söhnen vermitteln, dass jeder alles kann, aber nicht muss. Das Wort „Rabenmutter“ sollte aus dem Duden gestrichen werden. Beruflich erfolgreiche Frauen sollten sich geschmeichelt fühlen, wenn sie als Vorbilder gelten – und sich nicht dadurch auf das Frausein reduziert fühlen. Es ist doch toll, andere Frauen zu inspirieren. Männer, die noch immer nicht glauben, dass Frauen das, was sie als Mann tun, auch können, finden keine Bühne für ihre vorsintflutlichen Ansichten. Frauen betrachten Hausarbeit nicht mehr als „hausfrauliche“ Pflichten, sondern als frei auszuhandelnde Aufgabe in einer Partnerschaft. Unternehmer und Chefs nutzen alle Möglichkeiten, um die Wahrscheinlichkeit von Fehleinschätzungen aufgrund des Phänomens des sogenannten Unconscious Bias zu minimieren. Geübte Praktiken, Eigenlogiken und Verfahren beispielsweise bei der Personalgewinnung oder -beurteilung werden kritisch hinterfragt. Schubladendenken braucht keiner, sondern Motivation und Förderung talentierter Frauen.

Die Politik legt alle Kraft auf eine Verbesserung von Strukturen: Ohne qualitativ gute und ausreichend vorhandene Kinderbetreuung mit großer Vielfalt durch öffentliche, private und kirchliche Träger, ohne gute Schulen wird das mit der echten Gleichberechtigung nichts. Es muss einen großzügigen gesetzlichen Rahmen für flexible Arbeitszeiten geben, und auch Gewerkschaften sollten viel stärker auf eine flexible und familienfreundliche Ausgestaltung von Arbeitszeiten achten. Kinderbetreuungskosten und Kosten für Hilfen im Haushalt bei Doppelverdienerpartnerschaften mit Kindern werden steuerlich besser berücksichtigt. Die Steuerklassen III und V sind völlig überflüssig; jeder Partner erhält den Anteil an Freibeträgen, der seinem Anteil am Familieneinkommen entspricht. Hilfen für Familien mit kleinen Einkommen sind so gestaltet, dass sich auch hier Anstrengung für Mann und Frau lohnt. Ein politischer Forderungskatalog ließe sich fortsetzen.

Because it's 2018

Deshalb widmete sich auch die Liberalismuskonferenz 2018 der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit den vielen Facetten des Themas Emanzipation. Der Titel „Because it‘s 2018“ erinnert an die Antwort Justin Trudeaus auf die Frage, warum er denn sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt habe. So schön auch die Antwort Trudeaus ist – noch besser wäre es, wenn solche Art von Fragen in Zukunft gar nicht mehr gestellt werden.